Stille Nacht? Bloß nicht!

Weihnachten im Berghain

Doch, Berliner Clubs haben auch an Weihnachtsabend geöffnet. Zum Glück, denn Heilige Clubabende sind die besten überhaupt. Für ein, zwei Nächte kommt dann eine verschworene Gemeinschaft auf dem Dancefloor zusammen

In der Panorama Bar im Berghain wird „Finest X-Mas“ gefeiert. Der Komplettumbau des Techno-Tempels mit Lebkuchen bleibt aber bis auf weiteres eine Fantasie
Foto: Wahrhaft Nahrhaft

Ein Sonntag in Berlin. Es ist kurz vor Mitternacht, und in der M10 Richtung Warschauer Straße kennen alle nur ein Thema: „George Michael ist tot!“, ruft jemand im Vierer nebenan. „Was!?“, schallt es bestürzt zurück. Aber der sei doch gar nicht so alt gewesen, oder? Nein, nein, heißt es bedröppelt. „Erst 52!“ Das ist der Moment, in dem ich mich vornüber beuge und mich mit einem verlegenen Räuspern einmische: Michael war 53 Jahre alt, sage ich und schäme mich fast dafür, den übergriffigen Klugscheißer zu markieren. Fast. Denn George Michael ist tot, und irgendwie scheint da alles wichtig. Sowieso sitzt sonst kaum jemand in der Tram, und die Atmosphäre hat etwas merkwürdig Intimes an sich. Denn nicht nur ist heute der Tag, an dem die Welt von George Michaels Tod erfahren hat. Nein, heute ist auch der erste Weihnachtstag des Jahres 2016.

Ein Erlebnis, das typisch für diese Zeit ist. Aus Berlin wird an Heiligabend und den darauffolgenden Tagen eine andere Stadt. Es wird leise auf den Straßen, die Häuserschluchten verdunkeln sich, und die öffentlichen Verkehrsmittel sind wie ausgestorben. Es liegt aber etwas Besonderes in der Luft. Alle, die hier geblieben und nicht zur Familie in Norditalien oder Oberbayern gefahren sind, lächeln sich verschworen zu. Na, du auch hier. Die sonstige Blasiertheit fällt plötzlich von den Leuten ab, und ins Gespräch zu kommen scheint einfacher denn je. Auch in der Tram wird noch ein bisschen geplaudert, kurz mit Rotkäppchen angestoßen und an der Grünberger Straße steige ich schließlich mit einem Grinsen und einem Nicken aus. Ich will nämlich heute Abend noch ins Berghain.

Auch in Berliner Clubs herrscht über Weihnachten eine ganz andere Atmosphäre als sonst. An diesem Abend legt Carlos de Brito Disco-geschulten House von Omar-S und Panthera Krause auf, wie er in der Panorama Bar im ersten Stock des ehemaligen Heizkraftwerks sonst eher in der Sonntagnacht zu hören ist. Dann, wenn die Vollzeitraver*innen nach zwölf Stunden Mischkonsum nochmal gehörig Serotonin für den Endspurt verschütten. Hier und heute aber sind die meisten nüchtern oder haben zumindest nur ein Bier in der einen Hand. Die andere wird schon nach einer Dreiviertelstunde konstant in die Luft gestreckt. Es wird gejohlt, gejubelt, gepfiffen. Ein Lächeln schwebt über den Dingen. Keine Spur von der Pflicht zum Hochleistungsexzess, die sonst über Berliner Clubs liegt wie ein unangenehmer Geruch. Stattdessen: gute Laune allenthalben. Ich hole mir auch ein Bier, schaue kurz dieser kleinen, aber quietschvergnügten Menge vor der DJ-Kanzel dabei zu, wie sie sich von butterweichen Grooves durchschütteln lässt, und kann mir den Gedanken nicht verkneifen: Scheiße, die sind wirklich nur der Party wegen hier.

Weihnachtsclubabende bieten deswegen so viel, weil einiges fehlt. Weit und breit keine Easy-Jetset-Touris, die nach zwei Stunden völlig verschallert sind und sich mit glühender Zigarette voran den Weg durch den Dancefloor bahnen. Niemand aus der Riege der Club-Noblesse, dieser coolen Kids, die sonst jedes Wochenende mit abschätziger Arroganz das Publikum taxieren und das anscheinend für einen erfüllenden Zeitvertreib halten. Keine Macker, die eigentlich gar nicht hier, sondern lieber zuhause im Bett sein wollen – nur eben nicht allein.

Stattdessen kommen an Weihnachtsclubabenden Menschen, die so aussehen, als würden sie sich schon längst nicht mehr jedes Wochenende in zweckentfremdeten Industriegebäuden um die Ohren schlagen. Die schon vor langer Zeit alle Rave-Abzeichen gesammelt, eingerahmt und an die Wand gehängt haben. Die alles schon erlebt und deshalb nichts mehr zu beweisen haben. Die hier sind, weil sie den DJ kennen und schätzen, die vor allem aber etwas gemeinsam erleben wollen, mit Freund*innen ebenso wie mit Fremden. Die vielleicht sogar ursprünglich aus Berlin kommen und sich freuen, dass sie diesen Teil ihres Lebens für ein, zwei Tage nur für sich haben und ausleben können. Wer an Weihnachten in den Club geht, tut das ohne Erwartungen. In der Regel wird das belohnt. Denn für eine Nacht wird spürbar, was Clubs bieten könnten, wenn alle nur der Party wegen kämen, wenn der Clubbesuch nicht zur Untermauerung des sozialen Status oder der Zurschaustellung von rücksichtslosem Hedonismus dienen würde.

Weihnachten hat in den Berliner Clubs selbstverständlich nichts Stilles an sich, für manche allerdings ist der Weihnachtsabend auf dem Dancefloor ein heiliger. Selbst der Nachhauseweg wird darüber zu einem anderen, jedenfalls an jenem Abend vor drei Jahren. Es ist vielleicht fünf, sechs Uhr. Nur zwei, drei Menschen sitzen mit mir in der M10, und normalerweise wäre es viel zu früh, um nach Hause zu gehen. Aber der Abend war kein normaler. Es ist Weihnachten, und George Michael ist tot.