Was mich beschäftigt

Weiße Weste am blauen Meer

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Volontärin Julia Lorenz.

Sieben Jahre war ich alt, als ich zum ersten Mal über das Mittelmeer fuhr. Mit meinem Vater verbrachte ich die Sommerferien in Griechenland, als er mich auf eine Schiffstour durch die Ägäis einlud. Wir machten Halt auf Ägina, wo knochige Pistazienbäume Schatten spendeten, und auf der Insel Hydra, die nach Orangen und Sonnencreme duftete. Ich kann mich an wenige Tage erinnern, an denen ich glücklicher war.
Höre ich heute vom Mittelmeer, denke ich nicht an Pistazien, sondern vor allem an Krisen, Armut, Leid. Seit Jahren reißen sie nicht ab, die Berichte über Geflüchtete, die vor dem europäischen Festland tödlich verunglücken. Kürzlich stellte die Autorin Katrin Gottschalk in der „taz“ zur Diskussion, ob man in Zeiten von Terror und globalen Krisen überhaupt noch feiern, sich unbeschwerten Hedonismus leisten dürfe; ich hingegen frage mich häufig, ob es angesichts der ­Zustände in vielen Ländern nicht obszön ist, dort mit Ferienlektüre am Strand zu liegen.

Viele europäische Urlaubshochburgen – so wenig paradiesisch sie für ihre Bewohner gewesen sein mögen – sind in den letzten Jahren Schauplatz humanitärer Katastrophen geworden, ob bedingt durch die Eurokrise oder die Schließung der sogenannten Balkanroute. In Thessaloniki, bekannt für seine Unesco-Weltkultur-geadelten Denkmäler, existiert seit der Räumung des Flüchtlingslagers in Idomeni ein Camp in postapokalyptischen Dimensionen: Von improvisierten Duschen berichten freiwillige Helfer, von Streits und Spannungen, von Dreck und Tränen und Überforderung. Wo andere leiden, soll meine Hauptsorge die Menüwahl beim Abendessen sein?

Sicher: In den Urlaub zu fahren, barg schon immer Moralhürden. Da ist einerseits der Wunsch, nach Indien zu reisen – und andererseits der Fernflug, dessen Konsequenzen für die Umwelt sich auch durch hundert Sojasteaks nicht ausgleichen lassen. Doch es sind vor allem Urlaube in krisengeplagten Ländern, ob innerhalb oder außerhalb Europas, ob Griechenland oder ­Israel, Tunesien oder die jüngst von einem Tropensturm verwüstete Insel Fidschi, die weißen, mit gut gefülltem Urlaubsportemonnaie reisenden Touristen die eigenen Privilegien vor Augen führen. Imaginierte Traumwelten kollidieren mit einer Realität, die sonst weit entfernt scheint. Das Großartige an Fernreisen – die Irritationsmomente, das Sich-neu-Verorten in der Welt – nimmt schmerzhafte Dimensionen an, wenn einem mit dem Cocktail in der Hand bewusst wird, dass die Schreckensbilder aus der „Tages­schau“ in unmittelbare Nähe gerückt sind.

Dennoch hilft es niemandem, zu Hause in Schockstarre verfallen. Auch wenn ich meine Ferien in Island statt auf Malta verbringe, werden weiter Schlepperboote von der nordafrikanischen Küste ablegen. Vielen Landstrichen in klassischen Urlaubsländern erweisen Touristen gar einen Bärendienst, wenn sie ihnen aus Pietät fernbleiben und sie so um ihre Haupteinnahmequellen bringen.

Statt Krisenherde zu umschiffen, lohnt es vielleicht, nach den Ursachen des Unwohlseins zu forschen. Denn ja: Die Bedenken haben ihre Berechtigung. Mehr jedoch als leere Hostelbetten nützen Menschen in Notlagen Helfer, Freiwillige oder Demonstranten, die für ihre Rechte auf die Straße gehen – in Thessaloniki, Berlin und anderswo. Auch in Krisenzeiten sollte man sich an Orangenduft und Pistazienschatten freuen dürfen; seine Möglichkeiten zu nutzen, ist nicht verwerflich. Sie in anderen Bereichen ungenutzt zu lassen, dagegen schon.