MUSIKTHEATER

Welcome to Hell

Das neue Musical von Peter Lund spürt in der Neuköllner Oper den Ereignissen des Hamburger G20-Gipfels nach

Tanz den G20: Nikko Forteza Rumpf, Pablo Martinez, Andrea Wesenberg und Didier Borel – Foto Matthias Heyde

Das Private als unterhaltsamer Spiegel einer dissonanten Gesellschaft – so geht das Erfolgsrezept der Zusammenarbeit der Neuköllner Oper mit dem UdK-Musicalstudiengang. Über Umwege funktioniert das auch mit dem aktuellen Jahrgang. Diesmal ist der Ausgangspunkt eigentlich umgekehrt: Der unselige G-20-Gipfel 2017 in Hamburg ist musikalischer Verhandlungsgegenstand von Peter Lunds Libretto, mit all seinen politischen Fehlentscheidungen, dem Traum von friedlichem Protest, der Arroganz der Macht und der Gewalteskalation als trauriges Ende.

Ein ambitiöses Unterfangen, für das umfangreiches Personal aufgeboten wird. Vom theorielastig revolutionären Autonomen-Kid mit großbürgerlichem Hintergrund zum in Richtung Gewalt abdriftenden Polizisten, vom Möchtegern-Zuhälter bis zum schwulen Immigranten-Stricher geht der Pool an personifizierten Aspekten zur unübersichtlichen Gemengelage. Da stößt eine soziophobe Bloggerin auf eine naiv politisierte Studentin und alle treffen sich im Supermarkt mit prekär beschäftigter Kassiererin. Eine asiatisch-stämmige Provinzpomeranze irrlichtert auch noch durch die sich überschlagenden Ereignisse.

Es braucht fast eine – zu keiner Sekunde langweilige – Stunde bis all die fein ziselierten Personagen nebst Konfliktpotenzial etabliert sind. Und auch danach, wenn eine Tanzdemo zur Straßenschlacht mit Schüssen ausartet, bleibt der Gipfel eher Hintergrund als Analyse-Gegenstand. Hier ist nicht das Private politisch, sondern in persönlichen Befindlichkeiten blitzen immer wieder politische Aspekte auf. Das führt nicht unbedingt zu überraschenden Einsichten. Aber der virtuos aufbereitete Themenstrauß, bei dem auch die Debatte über Sexismus und Gewalt gegen Frauen einen bösen Handlungs-Sidekick abbekommt, beschreibt ebenso geschickt wie unterhaltsam aufeinanderstoßende Standpunkte.

Musikalisch setzt Komponist Peter Michael von der Nahmer auf mainstreamigen Musicalsound, gerne mit satter Streicherunterstützung. Brüche gibt es selten. Manchmal weillt es ein paar schräge Töne lang und wenn der französische EU-Gesandte seine strammen Ansichten schmettert, als wären sie ein Revolutionssong aus Les Misérables, kommt auch Ironie ins Spiel. Das Ensemble ist, trotz Grippewellen während der Proben, in Höchstform. Jeder Ton, jede Geste, jeder Tanzschritt – alles stimmt. Thema knapp verfehlt, aber trotzdem ein vielschichtiger, rasanter und runder Kommentar zum aktuellen Geschehen. GERD HARTMANN

23.–25.3., 29.+30.3., 20 Uhr, weitere Termine bis 29.4., Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131-133, Neukölln. Regie: Peter Lund, musikal. Ltg: Hans-Peter Kirchberg, ­Tobias Bartholmeß. Eintritt 19-28, erm. 11 €