Berlins letzte Piraten

Wem gehört die Spree?

Die Rummelsburger Bucht ist zum Tummelbecken für Berlins letzte Piraten geworden. Freigeister und Aktivisten haben sich hier ein schwimmendes Utopia errichtet. Doch Investorenpläne bedrohen das bunte Refugium auf der Spree.

Ein Sommerabend in der Rummelsburger Bucht: Auf einer schwimmenden Insel, genannt „Lummerland“, wird auf dem höchsten Boot ein Feuer entzündet.

Auf dem kleinen Holzfloß „Rockfish“ beobachten Kita-Kinder Vögel und Fische. Auf dem 15-Meter-Katamaran „Anarche“ wird ein Theaterstück gespielt. Auf der „Zola“, deren Aufbau nur aus alten Fenstern besteht, wird derweil für die Zuschauer gekocht. Auf der „Panther Ray“ wird vom Wasser aus die Stadt erklärt, während ein Floß nebenbei Müll aus der Spree fischt und eine Anlage Trink- aus Spreewasser macht.

Auf einer motorisierten Badeplattform liegen ein paar in Schlafsäcke eingekuschelte Gestalten. Schlauchboote flitzen zwischen den Hausboote umher, die über die Bucht verteilt sind.

Bilder

Die Rummelsburger Bucht ist in den letzten Jahren zum Ausgangspunkt einer Bewegung geworden, die sich über das Wasser die Stadt zurückerobert. Die Alternativkultur vor der Gentrifizierung bewahrt. Auf dem Wasser ist genug Platz für ungewöhnliche Lebensentwürfe. Und so viele Freigeister, Piraten und Bewohner wie jetzt gab es auf der Spree noch nie. Jetzt, wo gerade die verbleibenden Baulücken geschlossen werden, ist sie einer der letzten Wege, Leben abseits der Normen mitten in die Stadt zu tragen. 2014 war noch das Kanaldreieck hinter dem Görlitzer Park Treffpunkt der Wasserratten. Doch der Gentrifizierungsdruck hat sie in die Bucht getrieben. Die Spundwand in der Bucht ist derzeit Liegeplatz für alle ist, deren Schiffe zu unkonventionell sind, um in einem klassischen Yachthafen aufgenommen zu werden. Bis zu dreireihig liegen die rund 20 Mieter, vor allem Hausboote und Kulturflöße, an der Wand. Doch jetzt ist auch dieses letzte innerstädtische Refugium in Gefahr. Zwei Faktoren bedrohen das Utopia der Piraten: Investoren und der hochgiftige Schlamm auf dem Grund der Spree.

Ein echter Spreepirat, Rummelsburger Bucht
Unstrut
Besitzer: Benedikt, gelernter Industrieelektroniker, bietet jetzt Nachmittagsbetreuung für Kinder und Jugendliche an
Länge: 14,80 Meter
Bauzeit: Der alte DDR-Schlepper lag zehn Jahre im Trockendock. Der damalige Besitzer kaufte sich zwei Bäume, zerlegte sie zu Latten und kleidete das Boot damit von innen aus
Nutzung: Seit Benedikt aus seiner Kreuzberger Wohnung gentrifiziert wurde, ist die Unstrut sein Zuhause. Er will auch im Winter darauf wohnen
Specials: Das Schiff ist mit Wolle und Holzfasern gedämmt, Motor und Generator liefern die Wärme für die Heizung, auch eine Windkraftanlage ist an Bord, außerdem Waschmaschine, Trockner, zwei Kühlschränke
Foto: Lena Ganssmann

Das nächste mögliche Revier für die alternativen Bootsleute nach der Vertreibung aus der Bucht wäre Schöneweide. Von dort bräuchten manche Piraten fast einen ganzen Tag in die Stadt. Es wäre ein herber Rückschlag für alle, die hoffen, dass Berlin näher ans Wasser rückt, der innerstädtische Fluss vom Verkehrsweg zum Naherholungsgebiet wird. Das Schicksal der Rummelsburger Bucht wird Vorbild sein für die Gestaltung des gesamten Spreeraums. Die Frage ist: Wer wird davon profitieren?
Die Ufer der Bucht sind vollgebaut mit hochpreisigen Eigentumswohnungen. Für viele Anwohner auf der Stralauer Halbinsel ist die bunte Flotte nicht einmal ein Störfaktor: Die Bewohner agieren mit ihrer Initiative „Stralau gegen Lärm“ vor allem gegen Clubs und Partyboote vor Ort. „Panther Ray“, „Zola“ und die anderen Piraten in der Bucht haben sie nicht auf dem Schirm. Denn diese produzieren ihre Kultur-Events unterwegs oder anderswo in der Stadt, die Ufer der Bucht bleiben weitestgehend von lauten Partys verschont. Es geht dort tatsächlich ziemlich gesittet zu, trotz des Freibeuter-Gestus der Boote und ihrer Besitzer. Die Flöße und Hausboote sind eher auf ästhetischer Ebene vielen ein Dorn im Auge. Gerade durch die schwimmende Insel „Lummerland“ fühlen sich einige Wasserkantenbewohner in ihrer Aussicht gestört. Die „Wasser-Favela“, nannten sie das Gebilde in den öffentlichen Diskussionen zur Zukunft der Rummelsburger Bucht.
Es gibt vermutlich wenige Orte in Berlin, an denen man die Natur so intensiv erleben kann wie in der Rummelsburger Bucht. Jeden Abend ist die Luft voller Schwalben und Fledermäuse, morgens kreisen die Brassen um die Boote. Ab und an schießt ein Rapfen auf der Jagd an die Wasseroberfläche, springt hoch und platscht zurück. Enten, Schwäne, Haubentaucher und Blesshühner ziehen ihre Bahnen.

Panther Ray Wasser-WG
Panther Ray
Besitzer: Panther Ray-Kollektiv (20 Personen)
Länge: 9 Meter
Bauzeit: 6 Wochen
Nutzung: Upcycling-Workshops mit Spreefundstücken, Begegnungsfahrten für deutsche und geflüchtete Jugendliche, Konzerte, Lesungen
Specials: Fluss-Reinigungsgitter, Spreewasser-Filter, Open-Source-Bauplan
Foto: Lena Ganssmann

Eine WG auf dem Wasser

Das Leben auf der Bucht ist ein Traum, mit der Ufermauer als magischer Grenze zwischen grauer Realität und kunterbunter Fantasiewelt. Es ist wie eine große WG, in der regelmäßig die Zimmer umgruppiert werden. In der rund 40 Teilnehmer zählenden Whatsapp-Gruppe der Buchtkapitäne gibt es Live-Berichterstattung von Polizeieinsätzen oder Konzerten in der Bucht. Und genau wie in einer echten WG wird hier auch Kritisches diskutiert: Wer hat da zu nah am Ufer geankert? Das Boot X sollte mal wieder aufgeräumt werden. Doch noch wichtiger ist, dass man sich in der Gruppe der Bootsmenschen gern aushilft, Werkzeug, ein Bier und neue Freunde findet. Es ist kein abgehobener Zirkel. Wer sich ans Ufer stellt und winkt, wird gern kostenlos auf eine Spreetour mitgenommen.
Doch die naturbelassene Idylle trügt: Im Schlamm am Boden der Rummelsburger Bucht sind Blei, Chrom, Quecksilber und unzählige andere Schadstoffe, die von 1860 bis 1994 von der chemischen Industrie an der Rummelsburger Bucht ungefiltert ins Wasser abgelassen wurden. Die Konzentrationen liegen heute noch weit oberhalb der erlaubten Grenzwerte.
Eine weitere Gefahr für die bunte Flotte ist der Plan, „Floating Homes“ zu errichten, schwimmende Luxus-Behausungen.
Der Architekt Arthur Fischer hat bereits drei der vier nötigen Genehmigungen für die „Floating Homes“, die er dort im Wasser parken will. Nur die wasserrechtliche Genehmigung verweigert das Land Berlin – weil die Dalben genannten Pfähle, die Fischer für sein Projekt in den Boden des Sees rammen müsste, das Sediment so sehr aufwühlen könnten, dass daraus giftige Gase entweichen. Fischer versucht gerade, die Genehmigung auf dem Klageweg zu erhalten. Das Land schaltet auf stur. Der Prozess kann noch Jahre dauern oder auch im kommenden beendet sein. Verliert Fischer, fallen die Nutzungsrechte für die Spundwand zurück an den Bezirk.

Es liegt an den Friedrichshain-Kreuzberger Grünen, ob die Flöße der Alternativkultur dort den dringend gewünschten sicheren Kulturhafen errichten können. Für das Anliegen, einen sicheren Ausgangsort für ihre Arbeit zu erhalten, haben sich die verschiedenen Kulturflöße zum Verbund Spree:publik zusammengeschlossen. Eines der Mitglieder sagt: „Wir haben nur dann, eine Chance, Kultur in die Stadt zu tragen, wenn wir nicht allzu lang dahin brauchen. Ein Liegeplatz in Oberschöneweide würde unsere Arbeit fast lahmlegen.“
Für die ökologische Sanierung des heftig kontaminierten Gewässers wurde schon einiges getan: Toreinfahrt zur Strömungskontrolle, Sauerstoff-Pipelines, 60.000 Kubikmeter ausgebaggert, Einsatz von Eisenpräparaten und Kalknitrat zur Neutralisierung der Faulgase. Am Nordwestufer soll Ende des Jahres ein Testfeld von 20 mal 60 Metern mit Matten aus Textilfilter, Blähton oder mineralischer Abdeckung ausgelegt werden. Die Hoffnung: Der Giftschlamm soll zur Ruhe kommen, sich neues sauberes Sediment darüber ablagern, und so das giftige Erbe der Vergangenheit im Boden versiegeln. Doch wie auch immer der Versuch ausgeht, in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt heißt es, schon die Finanzierung allein der Sanierung des Westufers sei noch nicht geklärt. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass die Rummelsburger Bucht in den nächsten Jahren zum Badegewässer wird.

Hausfährboot, Pirat Woody, Spree, Rummelsburger Bucht
Hausfährboot
Besitzer: Woody, Pirat
Länge: 10,50 Meter
Bauzeit: 2012 gekauft, der Ausbau dauert an
Nutzung: Woody lebt auf seinem Boot, auch im Winter
Specials: fahrende Veranda mit Schaukel
Foto: Lena Ganssmann

Ein Umweltproblem wird instrumentalisiert

Denn auch hier fließt bei Starkregen ungefilterte Kloake hinein, zudem regelmäßig Regenwasser und Straßendreck aus Marzahn, Hohenschönhausen und Lichtenberg. Die Wasserbetriebe arbeiten gemeinsam mit der Stadt an einer Lösung. Es bleibt das Problem mit dem hochgiftigen Sediment. Laut einer aktuellen Studie der FU Berlin wird der Giftschlamm permanent wieder aufgewirbelt, allein schon durch Wind und Strömung. Ein großes Problem sind auch wendende Fahrgastschiffe. Sportboote und Flöße, ob jetzt ankernd oder fahrend, haben hingegen laut Studie „kaum Auswirkungen“ auf die Sedimentbelastung. Dennoch könnten die Maßnahmen auch die bunte Flotte gefährden. Ein Anker- und ein Motorsportverbot für Freizeitschiffer auf dem See werden derzeit diskutiert. Es wäre das Ende für viele der Buchtbewohner. Die Liegeplätze in den umliegenden Yachthäfen haben lange Wartelisten und überlegen gut, wen sie sich so in die Marina holen.
Wollen die Investoren also nur den Schwung der Studie mitnehmen, um die unpassenden Störenfriede loszuwerden? Die Zukunft der Bucht wird an vielen Stellen entschieden. Die Ufer werden von den Bezirken Lichtenberg und Friedrichshain-Kreuzberg beplant, der See gehört dem Bund und wird vom Wasser- und Schiffahrtsamt (WSA) verwaltet. Das Land Berlin, für den Naturschutz im Bereich des Sees zuständig, hat laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt kein Konzept. Vorreiter der Planungen ist derzeit Lichtenberg.

Spree, Berlin, Wem gehört die Spree?, Rummelsburger Bucht, Piraten
Nox
Besitzer: Eric, Softwareentwickler und Komponist
Länge: 4,20 Meter
Bauzeit: fertig gekauft
Nutzung: Eric fährt gern Boot. Er hat die meisten Fahrstunden von allen auf der Bucht. Entsprechend perfekt kann er seinen Flitzer steuern. Der größte Fahrspaß von allen!
Specials: Turboschnell und superwendig
Foto: Lena Ganssmann

Wilfried Nünthel, Baustadtrat des Bezirks, steht am Paul-und-Paula-Ufer, einer Promenade vor einem Block voller Eigentumswohnungen. „Was Sie hier sehen, ist eine Veränderung ersten Ranges.“ Nünthel ist stolz auf die Gentrifizierung hier, denn er erinnert sich noch an Zeiten, als an der Rummelsburger Bucht nur Industrie zu finden war. Doch sie hat auch ihre Nachteile. „Die stören sich natürlich an allem, was ihren Frieden stört.“ Die empfindlichen Eigentumswohnungsbesitzer beklagen sich regelmäßig über den Lärm der Clubs Sisyphos und Rummelsburg und über den der Partyboote.
In der Diskussion zum Entwicklungskonzept, das der Bezirk noch dieses Jahr verabschieden will, steht neben dem Motorverbot, auch ein Ausschluss der Fahrgastschiffahrt zur Debatte. Doch die Fläche ist eine gewidmete öffentliche Wasserstraße. Das WSA muss eigentlich darauf bestehen, dass sie für alle Verkehrsteilnehmer zugänglich bleibt. Sofern nicht gute Gründe dagegen sprechen. Der Giftschlamm könnte zu einem solchen instrumentalisiert werden. Die Entscheidung über das Verbot läge beim Bundestag. Laut WSA wird vom Land Berlin zudem ein Ankerverbot diskutiert. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt weigert sich, das Thema öffentlich zu kommentieren. Bisher wurde beim WSA noch kein entsprechender Antrag eingereicht, doch falls, könnte die Entscheidung innerhalb der Behörde fallen. Im Zweifelsfall auch sehr schnell. Das hieße nicht nur das Ende des Lebens auf der Rummelsburger Bucht, es würde die Freigeister von der gesamten innerstädtischen Spree vertreiben.

Edgar Rockfish, Spree, Rummelsburger Bucht, Pirat
Edgar Rockfish
Besitzer: Jan, Kindergärtner mit Zusatzausbildung zum Therapiehundführer
Länge: 11 Meter
Bauzeit: 6 Monate Innenausbau
Nutzung: Jan wohnt hier mit Freundin und Sohn, auch im Winter. Mit dem Schwesterfloß Rockfish macht er Naturerlebnisausflüge mit behinderten Menschen und Kindern.
Specials: Unkaputtbarer Alu-Rumpf, Gemüsegarten, SolarpaneeleFoto: Lena Ganssmann

Die Piraten werden übergangen

Das Entwicklungskonzept des Bezirks will einen Interessenausgleich der Nutzer schaffen: Anwohner, Fahrgastschiffahrt, Segelverein, Bauherren. Nur von den Bewohnern der Bucht selbst ist in dem Konzept nirgends die Rede. Dabei sind sie es doch, die die Wasserfläche und ihre Bedürfnisse am besten kennen, die wissen, was mit dem Wasser nach einem Regenfall passiert, wie es sich anfühlt, in der Giftsuppe zu baden. Und es sind auch die, die am meisten zu verlieren haben: nicht nur ihre Aussicht, sondern ihr Zuhause, ihren Hafen, die Ausgangsbasis ihrer gemeinnützigen Operationen.
Nünthel will zwei Pontons hier am Ufer befestigen lassen, verankerte, schwimmende Stege, um die Anwohner näher ans Wasser zu bringen. Boote sollen dort nicht anlegen dürfen. In ein ersten Fassung des Konzepts war noch die Rede davon, dort den nahen 24-Stunden-Liegeplatz unterzubringen, man scheute aber wohl doch davor, den Wohnungsbesitzern die Piraten direkt vor die Nase zu setzen.
Der Bezirk selbst kann und will die Pontons nicht finanzieren. Wenn, dann müssen wohl private Investoren ran. So wie gleich rechts von Nünthel, am Flachwasserbereich, wo sich noch die Bar Rummels Bucht, eine Wagenburg und ein Sportplatz befinden. Dieses Jahr will der Bezirk den Bebauungsplan absegnen, nach dem ein Investor dort ein Aquarium, ein Hotel, einen Park und Wohnungen bauen soll. Wie viele, weiß Nünthel nicht so genau. Eine Senatsstudie sah 2007 an der Rummelsburger Bucht noch das Potential, 1.200 Wohnungen zu schaffen. Seitdem wurde einiges gebaut, nun soll noch ein ganzes Wohngebiet dazukommen. Es wird eng. Noch ist der Kaufvertrag allerdings nicht unterschrieben.
Das Konzept wurde von drei privaten Partnerunternehmen entwickelt, rund 100 Anlieger diskutierten es. Doch die Interessen waren zu divers, als dass die Planungsbüros daraus weitere Vorgaben für die Gestaltung ablesen konnten oder wollten. Die Planung ist gesetzt. Das private Büro, dass die Friedrichshain-Kreuzberger Seite der Bucht entwickelt, will sich an den Planungen Lichtenbergs und den Ergebnissen der Bürgerwerkstätten orientieren. Aber Friedrichshain-Kreuzberg hat sein Ufer bereits fast komplett mit Luxusbauten zupflastern lassen – viel Raum für Entwicklung bleibt da nicht mehr.
Hier an der Rummelsburger Bucht geht es jedoch erst einmal weiter. Kaum ist die Sonne aufgegangen, werden die ersten Flöße mit Material beladen, während die Buchtbewohner in den Hausbooten und auf Lummerland sich langsam aus ihren schaukelnden Betten schälen.

Text: Martin Schwarzbeck