Berlin

Wer schafft hier was?

Philipp leitet eine Turnhalle, in der seit über einem Jahr Menschen leben. Wolfgang  demonstriert gegen Flüchtlingsheime, weil er die Islamisierung seiner Heimat fürchtet.  Marie nimmt einen jungen Afghanen bei sich auf. Sieben Menschen erzählen, wie sie „Flüchtlingskrise“ erlebt haben – und wie es heute steht um die Integration in Berlin

Philipp Fischer, 30

Leitet die Notunterkunft in einer Turnhalle in Buckow

Als mein Arbeitgeber, die milaa gGmbH, die Turnhalle im Dezember 2015 übernommen hat, wurde ich gefragt, ob ich mir die Heimleitung zutrauen würde. Ich habe sofort „ja“ gesagt. Die Arbeit mit Flüchtlingen liegt mir einfach. Ich arbeite gern mit Menschen, es ist mir egal, wo jemand herkommt. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass es so anstrengend wird.

Philipp Fischer, 30 Leitet die Notunterkunft in einer Turnhalle in BuckowFoto: Sascha Lübbe
Philipp Fischer, 30 Leitet die Notunterkunft in einer Turnhalle in Buckow
Foto: Sascha Lübbe

Wir mussten alles komplett neu einrichten. Wir haben Doppelstock-Betten aufgestellt, in der oberen Etage für Frauen und Familien, in der unteren für Männer. Wir haben einen Caterer engagiert und einen Wachschutz eingestellt. Die Umkleiden haben wir in einen Essensraum und ein Büro umgewandelt, für die Kinder ein Spielzimmer eingerichtet. Alles quasi über Nacht.

Unterbringung Fast 72.000 Asylbewerber wurden 2015 und 2016 in Berlin registriert. Derzeit leben 17.066 in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften. 16.103 sind in Notunterkünften untergebracht. Derzeit werden noch 16 Turnhallen als Notunterkünfte genutzt.
Unterbringung
Fast 72.000 Asylbewerber wurden 2015 und 2016 in Berlin registriert. Derzeit leben 17.066 in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften. 16.103 sind in Notunterkünften untergebracht. Derzeit werden noch 16 Turnhallen als Notunterkünfte genutzt.

Im Umgang mit den Bewohnern mussten wir einerseits erstmal Vertrauen aufbauen, andererseits aber auch klarmachen, wer das Sagen hat. Da war beispielsweise dieser Iraker, ein etwa 40-jähriger Mann. Der hatte rund 40 Leute hinter sich gebracht. Der hat sich gleich an unserem ersten Tag auf einen Tisch gestellt und Ansagen gemacht. Wenn wir die Bewohner beruhigen wollten, mussten wir uns an ihn wenden. Die Leute haben nur gemacht, was er gesagt hat. Er ist inzwischen weg. Wie die meisten Leute. 200 lebten am Anfang hier. Inzwischen sind es nur noch 90. Viele, ich sag‘ mal, gebildetere Bewohner, haben eine Wohnung gefunden, einige arbeiten auch schon. Für die anderen aber ist es schwer..

Etwa die Hälfte der Menschen hier sind Analphabeten, die haben nie gelernt zu lernen. Sie kommen nur schwer zurecht. Und dann gibt es noch die, die zwar eine Wohnung gefunden haben, aber mit dem Leben draußen überfordert sind. Hier konnten wir ihnen mit den Papieren und so helfen, draußen haben sie niemanden.

Die Halle ist alt, manchmal fällt das warme Wasser oder die Heizung aus. Es gibt 16 Duschen für Männer und acht für Frauen, fünf Frauen-WCs und vier für Männer. Das Schwierigste aber ist das Warten. Eigentlich sollten wir schon im Juli 2016 hier raus sein, dann wurde der Termin immer wieder verschoben. Jetzt heißt es März 2017. Das ist schwer zu ertragen, auch für uns.

Was am Umgang mit den Bewohnern das wichtigste ist? Man muss alle gleich behandeln.  Menschen aus unsicheren Herkunftsländern wie Syrien haben ja oft ganz andere Chancen. Die dürfen schneller einen Integrationskurs machen als andere, bekommen schneller einen Bescheid. Das führt zu Unstimmigkeiten, da muss man immer deeskalierend wirken. Man muss viel mit den Leuten reden, zuhören. Und man muss dafür sorgen, dass sie beschäftigt sind.

Außerdem muss man immer auf der Hut sein. Zu Beginn haben kriminelle Banden hier Leute als Helfer eingeschleust, um die jungen Männer als Drogenkuriere anzuwerben. Bei einigen hat das auch funktioniert. Auch Selbstmordversuche gab es hier schon. Die Nerven liegen oft blank. Die Leute bringen ja alle ihre Geschichten mit, haben teilweise noch Angehörige in der Heimat. Es gibt auch Flüchtlinge, die zurückgegangen sind. 20 waren es allein aus unserer Halle.

Alles in allem ist es hier allerdings viel ruhiger geworden, besonders im Vergleich zum Chaos der Anfangstage. Ich habe in der Zeit hier viel gelernt, gerade was das Lösen von Konflikten angeht. Und ich bin realistisch geworden: Die Leute sind nun mal hier, keiner verlässt freiwillig seine Heimat. Man muss ihnen helfen, ihnen unsere Werte vermitteln. Das ist wichtig.


Maria*, 49

Die Psychotherapeutin hat einen jungen Afghanen bei sich aufgenommen

Im September 2015 las ich, dass in Berlin Pflegeeltern für minderjährige Flüchtlinge gesucht werden. Mein Mann und meine zwei Kinder waren sofort dafür, ich war erstmal skeptisch. Ich hatte vor allem vor den Traumata Angst. Ich dachte, das sind Kinder, die bringen ein riesiges Paket mit. Und man kann ja nicht einfach sagen „das war’s“, wenn es einem zu viel wird. Auf der anderen Seite dachte ich aber auch: Das passt. Wir haben Zeit, wir haben den Raum. Und ich traue mir das auch zu.

Wir wurden dann vom Jugendamt überprüft. Im Januar 2016 kam das okay. Wir sind in ein Heim gefahren, in dem lebten 160 Kinder. Das fühlte sich an wie bei Oliver Twist. Man sucht sich ein Kind aus.

Foto: Sascha Lübbe
Foto: Sascha Lübbe

Faruk* war dann mehrmals bei uns zu Besuch. Erst einen Nachmittag lang, dann zwei Tage, dann über Nacht. Alles innerhalb von zehn Tagen. Und immer mit dem Jugendamt im Nacken, die ihm gesagt haben, er solle sich schnell entscheiden. Irgendwann hat er gesagt, er kann sich das vorstellen. Wir konnten das auch. Seitdem lebt er bei uns.

Faruk war 13 als er kam, heute ist er 14. Die Zeit mit ihm ist viel inniger als gedacht; ich hätte erwartet, dass es distanzierter ist mit einem Jugendlichen. Andererseits ist es aber auch  anstrengender: Ein Kind im Haus, das schlecht schläft, sich schlecht konzentrieren kann, das Stimmungsschwankungen hat – das ist schwierig.

Das hat natürlich mit seiner Traumatisierung zu tun. Faruk wurde auf der Flucht von seiner Familie getrennt. Die Eltern wurden zurück nach Afghanistan abgeschoben, leben heute im Iran. Seit die Balkanroute dicht ist, können sie nicht mehr nachkommen.

Das war auch ein Grund, warum wir ihn zu uns genommen haben: die Müttersolidarität. All diese Kinder haben Mütter, die ihre Kinder bei sich haben möchten, aber nicht können. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich wollen, dass mein Kind in guten Händen ist.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Über 5600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wurden 2015 und 2016 in Berlin registriert. Derzeit werden 2.000 von den Bezirken betreut, sie leben in der Regel in Wohngemeinschaften, einige auch bei Pflegeeltern. Daneben werden 700 von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in sogenannten Clearingstellen, aber auch in Hostels untergebracht.
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
Über 5600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wurden 2015 und 2016 in Berlin registriert. Derzeit werden 2.000 von den Bezirken betreut, sie leben in der Regel in Wohngemeinschaften, einige auch bei Pflegeeltern. Daneben werden 700 von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in sogenannten Clearingstellen, aber auch in Hostels untergebracht.

Faruk selbst spaltet das vollkommen ab. Wenn er mit seinen Eltern telefoniert, sagt er, dass es ihm gut geht. Wenn es ihm nicht gut geht, geht er nicht ans Telefon. Seine Familie macht das, glaube ich, genauso. Sie versuchen, sich gegenseitig zu schützen.

Kulturelle Unterschiede gibt es, klar. Faruk stammt aus einem muslimischen Land. Im Alltag merkt man das aber eher an Kleinigkeiten. Er hat zum Beispiel einen deutlich ausgeprägteren Respekt Älteren gegenüber als deutsche Kinder. Er steht immer sofort auf, wenn ein älterer Mensch in den Bus steigt. Eine Mann/Frau-Dichotomie habe ich bei ihm nie erlebt. Auch im Umgang mit meinem Sohn und meiner Tochter erlebe ich ihn nicht unterschiedlich.

Wir gucken zusammen youtube. Ich kenne jetzt viele afghanischer Rapper. Er erklärt mir auch viel über das Leben in seiner Heimat. Das ist ein Balanceakt. Einerseits habe ich Angst, an seinen Traumata zu rühren, andererseits ist es wichtig, seine Geschichte zu kennen. Auch für das Asylverfahren. Bis zur Volljährigkeit ist er in Deutschland sicher. Danach droht ihm, wie allen Afghanen, die Abschiebung. Die besten Chancen auf eine Aufenthaltserlaubnis hat er, wenn er gut deutsch lernt, einen Schulabschluss und einen Ausbildungsplatz bekommt – innerhalb der nächsten vier Jahre. Das macht eine Menge Druck.

Ich denke, für die minderjährigen Flüchtlinge muss noch viel mehr getan werden: mehr Schutz, mehr therapeutische Angebote, mehr Personal in der Bildung. Vor allem muss häufiger thematisiert werden, dass da ein riesiger Bedarf besteht. Viele Jugendliche sind ja noch immer in Erstaufnahmeeinrichtungen oder Hostels untergebracht. Wir selbst sehen ja schon bei Faruk, wie schwer das Leben für ihn in Deutschland ist. Wie muss das erst für die Kinder in den Hostels sein? Deswegen wäre es schön, wenn sich mehr Menschen zu einer Pflegeelternschaft entschließen würden.


Christiane Beckmann, 51

Geschäftsführerin von „Moabit hilft“

Als im Sommer 2015 all diese Menschen kamen, haben sich meine Prioritäten verschoben. Ich habe zu dem Zeitpunkt in der freien Wirtschaft gearbeitet und da ganz gut verdient. Aber das war mit einem Mal nicht mehr so wichtig. Ich habe mich gefragt: Wie passt das ganze Geld, das ich verdiene, zu dem was hier passiert? Zu all diesen Menschen, die nichts mehr haben? Brauche ich wirklich so viel? Nein, tue ich nicht.

Anfangs habe ich Urlaub genommen, danach „Moabit hilft“ nach Feierabend unterstützt, inzwischen bin ich hauptamtlich dabei. Anders ist das nicht zu schaffen. Es ist ein Fulltime-Job, mit bis zu zwölf Stunden Arbeit am Tag.

Seit August 2015 haben wir neben unserem Hauptsitz in der Lehrter Straße auch einen Sitz auf dem Lageso-Gelände. Zu uns kommen die Menschen, wenn sie Kleidung brauchen, Kinderwagen oder Windeln. Sie kommen, wenn sie Hunger haben, weil sie zum Beispiel gegen das Heimessen allergisch sind; oder wenn sie Dokumente nicht verstehen.

Kriminalität Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasste 2015 in Berlin 90.268 Tatverdächtige mit deutschem Pass. Ihnen gegenüber standen 52.933 nichtdeutsche Tatverdächtige – und dazu zählen nicht nur Asylbewerber, sondern beispielsweise auch Austauschstudenten und Touristen. Die Kriminalitätsrate von Asylbewerbern liegt damit laut Landeskriminalamt nahe am Durchschnitt der Berliner Gesamtbevölkerung.
Kriminalität
Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasste 2015 in Berlin 90.268 Tatverdächtige mit deutschem Pass. Ihnen gegenüber standen 52.933 nichtdeutsche Tatverdächtige – und dazu zählen nicht nur Asylbewerber, sondern beispielsweise auch Austauschstudenten und Touristen. Die Kriminalitätsrate von Asylbewerbern liegt damit laut Landeskriminalamt nahe am Durchschnitt der Berliner Gesamtbevölkerung.

„Moabit hilft“ wurde 2013 gegründet, um Nachbarschaftshilfe zu leisten. Diese konzentrierte sich zunächst auf eine Unterkunft Geflüchteter in unmittelbarer Nähe. Inzwischen sind wir ein eingetragener Verein – und viel politischer. Wir sehen uns nicht nur als Hilfsorganisation, sondern ganz klar als politische Kraft.

Wir fordern vor allem, dass bestehende Gesetze und Richtlinien eingehalten werden. Dass besonders Schutzbedürftige wie alleinreisende Frauen mit Kindern, Minderjährige, alte, kranke und traumatisierte Menschen nicht einfach in Massenunterkünfte gesteckt werden. Dass Menschen nach sechs Monaten von der gesetzlichen Vollversorgung in die Selbstversorgung kommen, also Geld erhalten, um sich Essen kaufen und selbst kochen zu können. All das ist vorgeschrieben, wird vom Senat aber nicht eingehalten.

Außerdem fordern wir, dass die Politik mit ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen auf Augenhöhe redet. Die Ehrenamtlichen übernehmen ganz viel Arbeit von denen, die komplett überfordert sind. Weil der Senat kein vernünftiges Equipment und nicht genügend Mitarbeiter stellt oder das Personal nicht richtig einarbeitet.

Die Situation im vorletzten Jahr, als viele Menschen vor dem Lageso schlafen mussten, wurde letztlich nur mit den Ehrenamtlichen geschafft. Merkels Satz „Wir schaffen das“ war zwar wichtig als Zeichen. Praktisch umgesetzt aber haben ihn nur die Bürger. Keine Organisationen, keine Firmen. Die Bürger.


Frank Haase, 50

Leiter Recruiting bei den Berliner Wasserbetrieben

Ich hatte schon immer viel Kontakt zu Menschen aus anderen Kulturen, bin viel gereist. Daher war ich auch sofort angetan von der Idee, unser Programm für Jugendliche mit „Startschwierigkeiten“ auf Flüchtlinge auszuweiten. Sechs Jugendliche, die auf regulärem Weg keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, nehmen wir jedes Jahr auf. Letztes Jahr kamen eben noch sechs Flüchtlinge zwischen 16 und 26 Jahren dazu. Das Ganze funktioniert wie ein Praktikum. Die Jugendlichen, die geeignet sind, werden in der Regel als Azubis übernommen.

Frank Haase, 50 Leiter Recruiting bei den Berliner WasserbetriebenFoto: Sascha Lübbe
Frank Haase, 50 Leiter Recruiting bei den Berliner Wasserbetrieben
Foto: Sascha Lübbe

Das Programm begann im Januar. Die Jugendlichen lernten in der Werkstatt alle Ausbildungsberufe der Berliner Wasserbetriebe kennen, machten aber zum Beispiel auch Station in den Pump- und Klärwerken. In dieser Zeit wurden die geflüchteten Jugendlichen von einer Sozialpädagogin betreut, bekamen einmal in der Woche Unterricht: Deutsch, Mathematik, Physik aber auch integrative Aspekte, wie die Vermittlung des Demokratieverständnisses in Deutschland. Zehn der zwölf Jugendlichen haben es geschafft und im September ihre Ausbildung bei uns begonnen. Fünf Geflüchtete und fünf Berliner.

Arbeitsmarkt Zahlen, wie viele Flüchtlinge in Berlin Arbeit gefunden haben, gibt es nicht. Deutschlandweit sind 123.000 Asylbewerber aus den acht wichtigsten außereuropäischen Herkunftsstaaten sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Ihnen gegenüber stehen 175.000, die als arbeitslos gemeldet sind. Die Arbeitslosenzahl in dieser Gruppe ist in den letzten Monaten kaum gestiegen – was die Bundesagentur für Arbeit auf Arbeitsmarktprogramme und Sprachkurse zurückführt.
Arbeitsmarkt
Zahlen, wie viele Flüchtlinge in Berlin Arbeit gefunden haben, gibt es nicht. Deutschlandweit sind 123.000 Asylbewerber aus den acht wichtigsten außereuropäischen Herkunftsstaaten sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Ihnen gegenüber stehen 175.000, die als arbeitslos gemeldet sind. Die Arbeitslosenzahl in dieser Gruppe ist in den letzten Monaten kaum gestiegen – was die Bundesagentur für Arbeit auf Arbeitsmarktprogramme und Sprachkurse zurückführt.

Es war eingangs allerdings gar nicht so leicht, jemanden für das Programm zu finden. Man musste die geflüchteten Jugendlichen erst überzeugen. Zum einen von der dualen Ausbildung, die es so in ihrer Heimat nicht gibt. Zum anderen davon, dass sie in einer Ausbildung drei Jahre lang weniger Geld verdienen. Die meisten wollten sofort richtig arbeiten, auch um ihre Familien daheim zu unterstützen.

Die Arbeit selbst lief und läuft aber bestens. Auch untereinander. Wir haben Tandems gebildet, je ein deutscher Azubi und ein geflüchteter zusammen. Die geflüchteten Azubis sind unglaublich motiviert – was wiederum auf die Berliner abfärbt. Wenn die Flüchtlinge beispielsweise im Unterricht sitzen und sich besser mit dem deutschen Grundgesetz auskennen, weil sie das gerade lernen, dann schämen sich die Berliner mitunter ein bisschen – und strengen sich mehr an.

Einzig mit der Sprache gibt es mitunter noch Schwierigkeiten. Die Jugendlichen brauchen da viel Unterstützung. Deswegen werden sie in der Ausbildung auch weiterhin von der Sozialpädagogin betreut. Integration ist auf jeden Fall machbar. Sie erfordert nur viel Arbeit.


Robert*

Sachbearbeiter im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF), davor Lageso

Als ich im Sommer 2015 mitbekommen habe, was im Lageso los war, habe ich mich direkt beworben. Kurz darauf lud man mich zum Vorstellungsgespräch – das kürzeste, das ich je hatte. Zehn Minuten hat es gedauert. Man hat mich gefragt, ob ich weiß, was die Behörde macht, und ob ich mir vorstellen könne, hier zu arbeiten. Das war’s. Als ich zurückgefragt habe, wie viele Leute hier beschäftigt sind, wussten die das nicht. Da war mir klar, was in dem Laden los ist. Es herrscht absolutes Chaos. Es ist eine kleine Behörde, die vollkommen überrannt wurde. Ständig fehlen Akten. Entweder weil sie in einer anderen Zweigstelle liegen oder weil sie verloren gegangen sind. Es gibt offene Arzt- und Krankenhausrechnungen. Bei uns rufen Vermieter an, die  teilweise bis zu sechs Monate auf ihre Miete warten.

Integration Wie steht es um die Integrationsbereitschaft der Flüchtlinge selbst? Eine nicht repräsentative Studie der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Berlin kommt zu überraschenden Ergebnissen: Demnach befürwortet die übergroße Mehrheit der befragten, in Berlin lebenden Flüchtlinge eine strikte Trennung von Religion und Staat und bekennt sich klar zur Demokratie. Auffällig sind die mitunter äußerst konservativen Moralvorstellungen zu Sex vor der Ehe und Homosexualität. Eindeutig hingegen ist der Wille der Geflüchteten zur Integration: 91,9 Prozent gaben an, Deutsch lernen zu wollen.
Integration
Wie steht es um die Integrationsbereitschaft der Flüchtlinge selbst? Eine nicht repräsentative Studie der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Berlin kommt zu überraschenden Ergebnissen: Demnach befürwortet die übergroße Mehrheit der befragten, in Berlin lebenden Flüchtlinge eine strikte Trennung von Religion und Staat und bekennt sich klar zur Demokratie. Auffällig sind die mitunter äußerst konservativen Moralvorstellungen zu Sex vor der Ehe und Homosexualität. Eindeutig hingegen ist der Wille der Geflüchteten zur Integration: 91,9 Prozent gaben an, Deutsch lernen zu wollen.

Das Problem ist das Ordnungssystem. Man muss alles selbst machen. Muss selbst eruieren, wer warum welche Leistungen bekommt und das dann eintragen. Dabei sollte das System das alles selbst errechnen. Die Software, die wir nutzen, Prosoz, ist vollkommen veraltet. Und dann die Gesetzgebung: Wir arbeiten auf Grundlage des im Oktober 2015 neu verabschiedeten  Asylbewerberleistungsgesetzes. Allerdings gibt es da ständig Neuerungen. Niemand kann die alle im Kopf haben. Das ist frustrierend.

Außerdem fehlen Leute. Wir sind 88 Sachbearbeiter plus ein paar, die sich nur um Rechnungen  kümmern. Das ist zu wenig, wir machen alle Überstunden. Nicht wenige schmeißen wieder hin, die Arbeit ist einfach zu viel – und psychisch zu belastend.

Ein Beispiel: Die Menschen kommen zu uns, wenn sie aus einer Notunterkunft in eine Gemeinschaftsunterkunft wechseln sollten. Gesetzlich wäre das nach sechs Monaten. Es fehlen aber immer noch Plätze. Ganze vier bis fünf können wir täglich vergeben – bei etwa 1.000 Interessenten pro Tag. Familien haben da beispielsweise gar keine Chance. Das macht die Leute fertig. Wenn die Menschen dann vor uns sitzen, sind viele komplett am Ende. Viele haben ernste psychische Probleme. Klar, es gibt auch welche, die das vortäuschen, um eine Verbesserung zu erpressen. Aber ich muss sagen: Ich kann das verstehen. Letztens kletterte ein Afghane bei uns aufs Dach und drohte, sich herunterzustürzen. Die Security konnte zum Glück eingreifen. So etwas lässt einen nicht kalt, das nimmt man mit nach Hause.


Wolfgang, 69

Der Rentner filmt „Nein zum Heim“-Demos und stellt die Videos ins Netz

Die Flüchtlingswelle hat mich nicht überrascht. Es herrschte ja Krieg in den Ländern. Die Politiker hätten das auch sehen müssen. Haben sie aber nicht. Und dann standen die Leute plötzlich vor der Tür und Frau Merkel sagt: „Kommt rein!“ Das geht natürlich nicht. So viele Menschen hier reinzulassen; ein Großteil von denen hat ja nichtmal einen Asylgrund. Frauen, Kindern und alten Männern aus Kriegsgebieten muss man helfen, klar. Den anderen nicht. Deutschland ist nicht das Sozialamt der Welt.

Wolfgang, 69 Der Rentner filmt „Nein zum Heim“-Demos und stellt die Videos ins NetzFoto: Sascha Lübbe
Wolfgang, 69 Der Rentner filmt „Nein zum Heim“-Demos und stellt die Videos ins Netz
Foto: Sascha Lübbe

Aus diesem Grund bin ich zu vielen Demonstrationen gegen Heime gegangen. Mehr als zehn habe ich mit meiner Kamera gefilmt. Klar, die wurden vielfach von der NPD organisiert. Aber größtenteils sind das einfach Bürger, die Angst haben. Denen wollte ich mit meinen Videos eine Stimme geben. Letztens, bei einer Demo in Marzahn, standen zum Beispiel Gegendemonstranten mit Plakaten rum, auf denen stand: „Nazis stoppen!“ Die sehen Leute, die gegen so ein Heim sind, generell als Nazis an. Das ist falsch.

Islamisierung 4,7 Millionen Muslime leben in Deutschland, das sind 5,7 Prozent der Bevölkerung. Das amerikanische Pew Research Center schätzt, dass ihr Anteil 2030 etwa 7,9 Prozent betragen wird, 2040 könnten es 8,9 Prozent sein. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen zudem, dass die Geburtenziffer ausländischer Frauen in Deutschland nur geringfügig höher ist als die deutscher Frauen. Im Jahr 2015 betrug sie 1,95 – das sind nur 0,5 Punkte mehr als bei deutschen Frauen.
Islamisierung
4,7 Millionen Muslime leben in Deutschland, das sind 5,7 Prozent der Bevölkerung. Das amerikanische Pew Research Center schätzt, dass ihr Anteil 2030 etwa 7,9 Prozent betragen wird, 2040 könnten es 8,9 Prozent sein. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen zudem, dass die Geburtenziffer ausländischer Frauen in Deutschland nur geringfügig höher ist als die deutscher Frauen. Im Jahr 2015 betrug sie 1,95 – das sind nur 0,5 Punkte mehr als bei deutschen Frauen.

Meine größte Sorge? Dass wir vom Islam überschwemmt werden und die Moslems hier ihre Kultur ausleben. Dabei passt die hier nicht her. Und es werden ja immer mehr! Deutschland hat eine Geburtenrate von 1,5. Bei den Muslimen ist die viel, viel höher. Das kann man sich ja ausrechnen: In ein paar Jahrzehnten stellen die hier die Mehrheit. Dann wird die Verfassung geändert und Deutschland wird ein islamisches Land – und wir sind nur noch geduldet. Integration funktioniert in den meisten Fällen einfach nicht. Das sieht man immer wieder. Denken Sie an Köln oder an die Anschläge. Und die Kriminalität? Sagen wir so, ich kenne keine Statistik, aber ich empfinde Folgendes: Der Anteil der Asylbewerber daran ist doch sehr hoch.

Vieles wird ja auch gar nicht mehr öffentlich gemacht. Die Medien unterschlagen Informationen, damit kein Hass auf Asylbewerber entsteht. Ich selbst informiere mich vor allem im Internet, bei Politically Incorrect und auf den Kanälen des Kopp-Verlags.

Politisch würde ich mich in der Mitte verorten. Ich finde gewisse Dinge bei den Linken gut. Viele von denen sind ja dafür, dass Asylbewerber nicht in Heimen, sondern in Wohnungen untergebracht werden. Das wäre wirklich sinnvoller. Vielleicht ist das die einzige Chance zur Integration. Und rechts? Ich denke, die AfD hat zu vielen Themen, die das Volk bewegen, die richtige Meinung. Die wollen, dass es uns gut geht. Dass wir rausgehen aus dem Euro zum Beispiel, dass Deutschland seine Souveränität zurückerlangt.

Ob mein Leben durch die vielen Flüchtlinge anders geworden ist? Nicht wirklich. Auch im Leben meiner Freunde und Bekannten hat sich nicht viel verändert. Wir haben bei uns in Buch ein Asylbewerberheim mit 300 Leuten. Auch da ist es erstaunlich ruhig. An Integration glaube ich trotzdem nicht.


Rama*, 39

Die aus Syrien geflohene Hausfrau lebt in der Notunterkunft, die Philipp Fischer leitet

Wir kamen vor über einem Jahr in die Turnhalle. Seitdem leben wir hier. Wir, das sind mein Mann, unsere fünf Kinder und ich. Unser ältester Sohn ist 15, unsere jüngste Tochter fünf.

Das Leben in der Halle ist schwierig. Es mangelt an vielem. Steckdosen zum Beispiel. Die Bewohner können nicht zu viele Verteilerdosen anschließen, weil dann das Netz zusammenbricht. Also gibt es immer großen Andrang.

Das neue Zuhause von Rama, ihrem Mann und den fünf Kindern in BuckowFoto: Sascha Lübbe
Das neue Zuhause von Rama, ihrem Mann und den fünf Kindern in Buckow
Foto: Sascha Lübbe

Wir leben dicht an dicht, es gibt keine Privatsphäre. Tagsüber geht es, da sind wir unterwegs – die Kinder in der Schule, mein Mann und ich bei Deutschkursen – aber abends und nachts ist es schwierig. Man kann nicht schlafen. Ständig schnarcht jemand oder knallt mit den Türen. Es gibt auch Menschen, die nachts telefonieren, wegen der Zeitdifferenz. Anfangs habe ich sie dann gebeten, leiser zu sein. Aber einige fühlten sich angegriffen und sind aggressiv geworden. Seitdem sage ich lieber nichts mehr. Als Asylbewerber in Deutschland geht man Ärger lieber aus dem Weg.

Die Medien Die Hamburg Media School hat die Berichterstattung deutscher Zeitungen über die deutsche Flüchtlingspolitik analysiert und dazu Beiträge aus den Jahren 2009 bis 2015 untersucht. 82 Prozent der Beiträge zur Flüchtlingsthematik seien positiv konnotiert gewesen, 12 Prozent hätten neutral berichtet, nur sechs Prozent auch mögliche Probleme thematisiert.
Die Medien
Die Hamburg Media School hat die Berichterstattung deutscher Zeitungen über die deutsche Flüchtlingspolitik analysiert und dazu Beiträge aus den Jahren 2009 bis 2015 untersucht. 82 Prozent der Beiträge zur Flüchtlingsthematik seien positiv konnotiert gewesen, 12 Prozent hätten neutral berichtet, nur sechs Prozent auch mögliche Probleme thematisiert.

Mit einigen Familien hier haben wir uns angefreundet, auch weil unsere Kinder zusammen spielen. Wir reden dann viel über unsere Fluchtwege. Über die Situation in Syrien sprechen wir lieber nicht. Man weiß nie, wo der andere steht, ob er für oder gegen Assad ist. Ich habe noch Familie in Syrien und habe Angst um sie.

Mein Mann stammt aus dem Irak. Er hat als Flüchtling in Syrien gelebt und als Maurer gearbeitet. Hier muss er noch seinen Deutschkurs beenden, bevor er arbeiten kann. Das bedrückt ihn, er ist ein sehr aktiver Mensch. Ich habe in Syrien Business Management studiert, bin nach der Hochzeit aber Hausfrau geworden. Mein Mann wollte es so. Hier in Deutschland würde er mich arbeiten lassen, sagt er. Hier machen das ja alle. Ich würde gern im sozialen Bereich tätig werden und helfen – ich habe hier in der Halle gelernt, wie wichtig das ist.


Unseren Asylbescheid haben wir schon. Wir warten nur noch auf die Papiere von der Schufa. Wenn die da sind, wollen wir uns eine Wohnung suchen, wenn möglich in der Nähe. Unsere Kinder gehen hier zur Schule und wir haben auch schon Freunde gefunden: ein älteres Ehepaar, die laden uns manchmal zu sich nach Hause ein. Das ist immer schön. Mein Mann hat Verwandte, die in Schweden und Finnland leben, die haben gar keine sozialen Kontakte zu den Einheimischen. „Wie habt ihr das gemacht?“, fragen sie uns immer. Insofern geht es uns gut. Vor allem sind wir in Sicherheit, das ist die Hauptsache.