Berliner Kunsthäuser

Werkstatt für Photographie

Als Volkshochschule Bild-Avantgarde war: Das C/O Berlin erinnert an die Werkstatt für Photographie – zusammen mit Sprengel Museum Hannover und Folkwang Museum Essen, die das Aufkommen regionaler Autorenfotografie beleuchten

Der ehemalige Polizist gab schon seit 1969 Fotokurse an den Volkshochschulen Kreuzberg und Neukölln. Ab 1970 hießen seine Seminare „Kreative Photographie“. 1976 dann gründet Michael Schmidt die Werkstatt für Photographie der VHS Kreuzberg. Die Zeit war reif. In den zehn Jahren ­ihres Bestehens sollte sich die Anerkennung der Fotografie als künstlerisches Ausdrucks­medium in Deutschland vollziehen. Die Werkstatt ist maßgeblich daran beteiligt.

Gundula Schulze Eldowy

Die Werkstatt hatte gute Kontakte in den Osten: Gundula Schulze Eldowy, ohne Titel, aus Aktportraits, 1983-1986

Die Tatsache, dass die seriöse Fotografie an einer Volkshochschule (VHS) begann, sagt einiges. Noch bis in die 70er-Jahre existiert so gut wie keine Institution, die sich mit der Fotografie als künstlerischem Medium befasst. Bis 1979, als Janos Frecot an der Berlinischen Galerie eine Fotografische Sammlung aufzubauen beginnt, gibt es in Berlin keinen Anlaufpunkt für die Fotoszene – bis auf die VHS in Kreuzberg und bis auf ­Michael Schmidt.
Die rauhe Schmidt-Schnauze und sein dogmatischer Dickkopf bestimmen zunächst das Geschehen in der Werkstatt. Hier wird mitunter derart heftig diskutiert und kritisiert, dass sicher manche lieber draußen bleiben. Schmidt gibt die Haltung vor: Schwarzweiß ist Pflicht. Es darf nur bei bedecktem Himmel fotografiert werden und man kehre doch bitteschön zuerst vor der eigenen Haustüre. „Stadtlandschaften und Menschen“, so wie Schmidts zweites Buch von 1978, heißen die Themen an der VHS, die in Ausstellungen vorgestellt werden.

Einfluss aus Amerika

Fotografiert wird hauptsächlich dasselbe und mit ähnlicher Haltung, was zur gleichen Zeit in den USA als „New Topo­graphics“ in die Fotogeschichte eingehen soll. Es ist der sachliche Blick auf die eigene Umgebung. In den USA ist es die vom Menschen veränderte Landschaft, in Berlin eine von Brachen, sozialem Wohnungsbau und Nischen entlang der Mauer geprägte Stadt. Amerikanische Fotografen wie Lewis Baltz, John Gossage, Robert Frank und viele andere kommen auf Einladung der Werkstatt nach Berlin und geben Workshops. Ihr Einfluss ist immens.
Vieles bei den VHSlern sieht tatsächlich so aus, als hätte man amerikanische Vorbilder kopiert. Etwa auch die „teilnehmende Fotografie“, bei der Larry Clarks Reportage über sein Leben in der Drogenszene von Tulsa/Oklahoma zur Urszene wird. Schmidt seinerseits wird in den USA gefeiert und erhält später als erster deutscher Fotograf eine ­Einzelausstellung im Museum of Modern art. In Amerika ist  das Medium anerkannt – auch dank der Foto­abteilung des MoMA.  Die Ausstellung zum 40-jährigen Jubiläum der Werkstatt bei C/O Berlin mit Schwerpunkt auf den amerikanisch-kreuzberger Beziehungen lässt das gut nachvollziehen. Parallel feiern das Museum Folkwang in Essen und das Sprengel Mu­seum in Hannover die Werkstatt als Wiege der künstlerischen Fotografie in Deutschland.

Die Nachfolger

Schmidt bleibt übrigens nur kurz Leiter der Werkstatt. Das Projekt wird bald von jenen Amateuren und Laien weitergeführt, die bei ihm gelernt haben, Wilmar König etwa, Gosbert Adler und Ulrich Görlich, heute ­alles bekannte Namen. Dennoch gerät die Werkstatt nach ihrer finanziellen Erdrosselung 1986 durch die VHS-Leitung ziemlich in Vergessenheit. Zu Unrecht, wie sich jetzt bei dem großen Ausstellungsreigen nachprüfen lässt. 

10.12.–12.2.: C/O Berlin , Hardenbergstr. 22–24, Mo–So 11–20 Uhr, 10/ erm. 6 €

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