Was mich beschäftigt:

Werte und Verlust

Jetzt ist es schon wieder passiert: Mein Auto ist geklaut. Dabei dachte ich eigentlich, der Blitz schlägt nicht zwei Mal an der gleichen Stelle ein. Mich hat es jetzt zum dritten Mal erwischt: 2014 wurde mein nagelneuer Mazda 3 vom Supermarktparkplatz um die Ecke geklaut, 2016 verschwand direkt vor der Wohnungstür das Motorrad, im Januar fand jetzt auch der Ersatz-Mazda einen neuen Besitzer. Zwischendurch wurden an dem Auto noch die Scheinwerferwaschdüsen rausgehebelt – Schaden 550 Euro.

Ihre hämischen Leserbriefe können Sie sich sparen, ich bin in diesem Magazin der Boss über diese Seite und ich lösche die sofort. Ich will hier auch gar nicht über den Wertverlust jammern, über finanzielle Verluste und den Hassel mit Polizei und Versicherung. Mir geht es um etwas ganz anderes: Ganz egal, ob es nun ein Auto ist oder ein tolles Fahrrad oder schicke Klamotten – es macht in dieser Stadt einfach keinen Sinn, sich Sachen anzuschaffen, die man schön findet oder mit denen man Spaß haben kann. Sie werden sowieso geklaut, runtergeputzt oder kaputtgemacht. Berlin, das ist die Stadt des Neids, der Missgunst und der bunten Trainingsanzüge. Und wenn man dann wirklich mal etwas Neues, Schönes hat, kommt garantiert die Frage: „Watt hatt’n ditt jekostet?“

Geld, du Honk, Muscheln wollten se nicht!

Lutz Göllner In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Lutz Göllner
Foto: Gerd Metzner

Berlin ist ja auch deshalb die Hauptstadt der „Transferleistungen“, weil man gar keine Lust hat, arbeiten zu gehen, Geld zu verdienen und sich etwas zu kaufen. Nie werde ich die Mutter aus unserem Kindergarten vergessen, die total empört an der Bushaltestelle stand und mir erzählte, heute morgen sei ihre Waschmaschine kaputt gegangen und jetzt müsse sie wieder den ganzen Tag auf dem Amt rumhocken, damit ihr eine neue gekauft wird. Wer dagegen ackert und macht, wie etwa ein kurdisches Ehepaar, mit dem ich befreundet bin, dem wird sofort unterstellt, sie hätten geerbt, würden Steuern unterschlagen oder Mitglieder einer kriminellen Organisation sein. Neid ist das Schmiermittel, mit dem der Motor des Populismus am Laufen gehalten wird.

Berlin rühmt sich damit, eine respektlose Stadt zu sein. Das ist ja per se erst mal nichts Schlechtes, Respektlosigkeit gegenüber Obrigkeiten kann durchaus etwas Subversives, Gesundes sein. Doch in Berlin ist man inzwischen auch gegen einander respektlos geworden. Manchmal sehne ich mich zurück nach dem Berlin meiner Jugend, in dem konservative Wilmersdorfer Witwen genauso ihren Lebensentwurf leben konnten, wie der Kreuz­berger Freak-Adel. Denn das war die Freiheit, die die Mauerstadt damals versprochen hat: Komm hierher, hier kannst Du leben, wie du willst (wenn du die Anderen in Ruhe lässt, Freundchen!). Heute habe ich oft das Gefühl, in einer Stadt der Wölfe zu leben, in dem das einzige Gesetz lautet, andere vom Futternapf wegzubeißen. Oder den Fressnapf gleich zu klauen.

Mein wunderschönes altes Fahrrad der Marke Raleigh (der Watergate-Journalist Carl Bernstein hatte auch so eines) etwa, für das ich vor 40 Jahren monatelang gespart und einen Schülerjob angenommen hatte, fahre ich gar nicht mehr. Würde es geklaut werden, wäre der Verlust unersetzlich. Die Luftpumpe wurde übrigens schon vor einem Geschäft in der Oranienstraße abmontiert. Stattdessen gurke ich seit vier Jahren auf dem alten Mountainbike meines Sohns durch die Stadt. Das ist nicht nur respekt-, das ist würdelos.