Drama

Western

Die Berliner Filmemacherin Valeska Grisebach entdeckt im Osten der EU ein altes Genre neu – ein großartiger deutsch-bulgarischer Abenteuerfilm mit wirklichkeitsnahen Akteuren

Vor elf Jahren hat Valeska Grisebach mit „Sehnsucht“ international auf sich aufmerksam gemacht, einem Film aus der brandenburgischen Provinz, der ­abstrakte ­Liebesvorstellungen und konkretes ­Erleben mit atemberaubender Direktheit verschmolz.

Elf Jahre später kehrt sie nun mit einer Erzählung ins Kino zurück, die eine Baubrigade in flirrender Hitze zeigt, als wäre sie ein archaischer Außenposten der US-­Kavallerie. „Western“ spielt aber nicht an den Grenzen der US-Frontier des 19. Jahrhunderts, sondern im EU-Osten der Gegen­wart – in und um Petrelik, einer kleinen Gemeinde, etwa vier Kilometer von der griechischen Grenze in der bulgarischen Provinz Blagoewgrad gelegen.

Die deutschen Männer in „Western“ ­sollen ein kleines Wasserkraftwerk errichten. Die Subventionen kommen aus Brüssel, die Bautechnik aus den nicht mehr ganz so ­neuen Bundesländern, die Konfliktbereitschaft bringen die Männer mit. Der Außenseiter unter ihnen, Meinhard, findet ein Pferd, das sich zähmen lässt. Er ist der Held, der auf beiden Seiten operieren könnte – Gunman, Frontier Scout, Border Outlaw.

„Welche Spielregeln gelten hier? Die des Stärkeren? Oder die der Empathie?“, das fragt Grisebach und beobachtet, wie sich zwischen Meinhard und seinem Polier ein Duell entwickelt, das bald auch die bulgari­sche Dorfgemeinschaft im Tal involviert.

Der Deutsche Meinhard (Meinhard Neumann, li.) und der Bulgare Adrian (Syuleyman Alitov Letifov)
Foto: Piffl_ Komplizen Film

Erneut hat Grisebach ihren Film mit nonprofessionellen Akteuren besetzt, die mit ihrer Präsenz dieser Geschichte eine unerhörte Lebendigkeit und Tiefe verleihen. Ihre Helden sind auch im realen Leben Handwerker und Arbeiter, die bulgarische Gemeinde spielt in verschobenen Rollen ebenfalls mit. „Western“ ist Kommentar zur europäischen, zur deutschen Gegenwart, über die hier in den Figurenmustern des klassischen Westerns nachgedacht wird – ein auch formal beeindruckender Grenzgang zwischen Abstraktion und lebendigem, packendem Realismus. 

D/BUL/A 2017, 121 Min., R: Valeska Grisebach, D: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek,  Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangoca

Western (2017)

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