Berlin

White-Trash-Showdown

Das White Trash ist eine Institution des Berliner Nachtlebens. Nun streiten sich Indie-Kulturmacher der Stadt um die Zukunft.  Wie konnte das nur passieren?

Und jetzt auch noch eine fehlende Gerichtsakte. Immer wenn man meint, die Schlacht um das insolvente White Trash Fast Food könne nicht mehr absurder werden, kommt irgendwas obendrauf. Jetzt eben die verdammte Akte.

Am Freitag wäre eigentlich der Showdown gewesen, am Amtsgericht Charlottenburg. Dort sollten sich die Gläubiger treffen, um über das Schicksal des Burger-, Rock- und Tattoo-Restaurants zu befinden. Ohne die Gerichtsakte jedoch kann die Rechtspflegerin keinen Termin verkünden. „Irgendein Amt hat die Akte angefordert“, sagte der Insolvenzverwalter Udo Feser am Montag der ZITTY. Termin: verschoben. (Der Termin wurde jetzt auf den 16. Dezember festgelegt)

Es ist eine Schlacht, die Berlins Indiekulturmacher-Szene in zwei Lager teilt. Auf der einen Seite die Macher des 2013 abgebrannten Festsaal Kreuzberg und die Betreiber von Lido, Astra und BiNuu einerseits und der Kalkscheune andererseits. Auf der anderen Seite der Radiosender Flux FM, der Konzertveranstalter Trinitiy und der White-Trash-Erfinder Walter „Wally“ Potts.

Alles Leute, die doch ähnliche Visionen vom Nachtleben teilen: wilde Partys, irre Musik, schräge Performances. Bis sich irgendwann ein Riss auftat, immer größer, immer tiefer, den womöglich kein Kitt wieder zusammenfügen kann.

Wie konnte es bloß so weit kommen?

Mitte November hatten die Festsaal-Macher Christoph Nahme, Ingo Ohm, Christopher Schaper und Björn von Swieykowski die geplante Übernahme der White-Trash-Räume verkündet: „Ist das das Comeback des Jahres, der Dekade oder des Milleniums?“, schrieben sie auf der Festsaal- Facebook-Seite. Eineinhalbtausend Likes. Einen Tag später aber dementierte Wally Potts den Vollzug. Es gäbe noch zwei andere Interessenten. Mit höheren Geboten. Und die Gläubiger müssten erst zustimmen.

Die Pressemitteilung trug den Briefkopf der „White Trash Fast Food GmbH“. Sehr zum Missvergnügen des Insolvenzverwalters. „Potts darf nicht im Namen der GmbH irgendwelche Erklärungen abgeben“, sagte Udo Feser. „Er hat dazu beigetragen, dass das alles ein Riesentheater geworden ist. So geht man nicht mit Gläubigern um.“ Die Rede ist von sechs Millionen Euro Schulden.

White Trash Fast Food
Jetzt muss die Gläubigerversammlung entscheiden, wie es mit dem White Trash weitergeht. Und ob Walter Potts, der Gründer, dort eine Zukunft hat
Foto: Global Travel Images

Potts kam 1990 mit  nichts als 50 Dollar in der Tasche und einem Hund an der Leine von Los Angeles nach Berlin. Er kochte für Hausbesetzer und hatte ein Gespür für abgerockte Locations: ein marodes Künstlerhaus, ein leerstehendes Asia-Restaurant, ein verlassener Pub. Es gab pampige Bedienungen mit mäßigen Deutsch-Kenntnissen, Slayer-Krach aus den Boxen oder laute Live-Gitarrenakkorde mit Motörhead, den Eagles of Death Metal oder The Fall, aber eben auch von vielen lokalen Bands. Dann die übliche Gentrifizierungs-Dramaturgie: Erfolg, Mietsteigerungen. Und Tschüss.

Mit dem leeren Autohaus am Treptower Flutgraben sollte es ab April 2014 anders laufen. Ein großer Konzertsaal, der Ball Room, würde das Restaurant mitfinanzieren. Doch der Umbau stockte, Kredite wurden zu- und wieder abgesagt, es gab Ärger mit potentiellen Investoren, Architekten, Steuerberatern. Seit 1. Juni läuft das Insolvenzverfahren. Potts versuchte, Partner für die Rettung des White Trash zu finden. Irgendwann hatte er auch Kontakt mit der Kalkscheune. Auch mit den Festsaal-Machern. Das schien eine ideale Kombination zu sein. Schließlich wussten diese nicht nur, wie man tolles Programm macht, sondern auch, wie sich Verdrängung anfühlt. Ihr Vermieter wollte nach dem Brand keine Partylocation mehr. Sondern Büros. Am 31. Oktober, so erzählt es Walter Potts, hätten ihm die Festsaal-Leute dann abgesagt. Zu Halloween. Ausgerechnet. Keine zwei Wochen später stellte sich die Gruppe als neue Chefs in Treptow vor.

Man wüsste gern die Perspektive der Festsaal-Macher zu alldem. Aber Björn von Swieykowski schreibt der ZITTY nur:  „Solange das Insolvenzverfahren läuft, werden wir uns nicht mehr äußern.“

Eine Person, die nicht namentlich genannt werden will, schimpft, dass normalerweise Nachbarn und Hausbesitzer Clubs rausmobben würden. „Aber nicht ein Club den anderen. Da muss man doch zusammenhalten.“ Die Allianz um Trinity und die neue Flutgraben Live GmbH, zu der Flux FM gehört, bietet nun gegen die Festsaal-Lido-Kalkscheune-Gruppe. Sie will zum Beispiel den Ball Room viel stärker nutzen als bisher.

Für Walter Potts geht es um alles. Sein Gesicht ist schmaler geworden in den letzten Monaten. Er sagt, er habe keinen Plan B.

Homepage des Festsaal Kreuzberg

Die Website des White Trash

Kommentiere diesen beitrag