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Wie der Berliner Senat Freiluft-Technopartys legalisieren will

Ein Discohit aus den Siebzigern tönt aus Boxen, die auf einer versteckten Wiese im Volkspark Humboldthain stehen. Davor tanzt eine Traube Menschen, die Sonne strahlt durch die Bäume und wirft helle Flecken auf ihre Gesichter. Einige sind barfuß. Rund ums DJ-Pult liegen Decken auf dem Rasen. Darauf sitzen Gäste mit Bier in der Hand, Familien mit Kindern samt Laufrad. Die Sonne verschwindet langsam hinter den Bäumen. DJ Helmut Cool mixt. Als der Bass einsetzt und jemand ­„Wuuuuh“ ruft, grinst er. Etwa eine halbe Stunde vorher hat er sich noch an den Rand der Lichtung gesetzt und ein halbes Bier geext. „Hätte nicht gedacht, dass das so anstrengend ist“, sagt er. Zusammen mit seinem Kollektiv „Fucks and Friends“ organisiert er zum ersten Mal eine eigene Open-Air-Party.

Die Club Commission, die Interessenvertretung der Berliner Clubs und Veranstalter, schätzt, dass 30.000 Berliner regelmäßig zu kostenlosen Open-Air-Partys gehen oder sie sogar selbst veranstalten. Beworben werden die ­Feste in geschlossenen Facebookgruppen oder anonym mit der App Jodel. Sie sind Kernbestandteil des Techno-in-Berlin-Mythos, für den Ruf der Stadt fast so relevant wie das Berghain. Doch Berlin wird enger und die Praxis führt zunehmend zu Konflikten. Die Anwohner sind genervt. Die Zeiten, in denen Veranstalter alte Industriegelände und Brachflächen innerhalb des S-Bahn-Rings für ihre Raves ­kaperten und die Musik tage- und nächtelang auf clubtauglichen Anlagen weiterlaufen ließen, sind vorbei. „Die meisten Open-Air-Partys, von denen wir wissen, werden lange vor 22 Uhr von der Polizei beendet“, sagt Liese Kingma von der Club Commission.

Denn nicht angemeldete Open Airs sind illegal. Und es kostet es bis zu 800 Euro und mehrere Monate Vorlauf, eine Veranstaltung anzumelden. Selbst dann ist nicht garantiert, dass die Behörden sie genehmigen. Die Club Commission hat deshalb im März das Model Space Project gestartet. „Wir wollen es für nichtkommerzielle Veranstalter leichter machen, ihre Partys anzumelden und einen Weg finden, Open-Air-Partys zu legalisieren“, sagt Projektleiterin Kingma.

Jedes Wochenende feiern Tausende klandestine Partys auf Berliner Freiflächen – der Senat will sie dabei unterstützen
Foto: imago/STAR-MEDIA

Dem Senat ist bewusst, dass selbstorganisierte Open-Air-Partys kulturelles Kapital sind. Dass sie helfen, das Bild von Berlin als der wilden und individuellen Stadt aufrechtzuerhalten. Deswegen unterstützt die Berliner Regierung das Model Space Project der Club Commission dieses Jahr mit 75.000 Euro. Es soll herausfinden: Wie können Bürger weiter Open-Air-Partys feiern und dabei möglichst wenig Menschen stören? „Minimierung von Konfliktpotential“, nennt es Liese Kingma. Dafür veranstaltet die Club Commission jeden Monat einen Runden Tisch für Open-Air-Veranstalter, bei dem sie lernen, wie laut die Musik sein darf und wie sie den Platz sauber halten. Außerdem will die Club Commission in diesem Sommer acht Test-Open-Airs veranstalten.

Eins gab es schon, Ende Juli. An dem Tag heuerte die Lobbyorganisation einen staatlich geprüften Soundtechniker an. Der zeigte, wie man eine Anlage im Park so auf- und einstellt, dass möglichst wenig Musik bei den Anwohnern ankommt, sie auf der Tanzfläche aber noch gut klingt. Zusätzlich begleiteten Studierende der TU Berlin die Party und achteten darauf, wie viel Müll entsteht und ob sich andere Parkbesucher gestört fühlen. Das Ergebnis: 100 Gäste, null Lärmbeschwerden, knapp drei Kilogramm eingesammelter Müll vor der Party, 0,2 Kilo danach. Mit den Ergebnissen der Test-Events will die Club Commission dem Senat eine Handreichung mit Regeln für legale Open-Airs überreichen – sie hofft, dass der daraus einen Gesetzesvorschlag für ein Freiluftpartygesetz macht.

Was genau in dem Gesetz stehen soll, kann auch die Club Commission erst sagen, wenn sie die Ergebnisse der Test-Open-Airs mit den Lautstärkemessungen hat. Danach will sie empfehlen, wie weit ein Open-Air von den nächsten Anwohnern entfernt sein muss und wie laut es sein darf. „Das Gesetz sollte den nichtkommerziellen und spontanen Charakter von Open-Airs bewahren“, sagt Kingma. „Wir wollen nicht, dass irgendwelche Großveranstalter es durch das Gesetz einfacher haben, mit Open-Airs Geld zu machen. Am besten wäre es, wenn Veranstalter bis zu 24 Stunden vorher kleine Feste mit ungefähr 300 Leuten unbürokratisch anmelden könnten.“
Kultursenator Klaus Lederer (Linke) weist darauf hin, dass schon im Koalitionsvertrag von SPD, Linken und Grünen festgehalten wurde, dass der öffentliche Raum für solche Partys genutzt werden soll. „Die Koalition strebt die Entwicklung von Orten im öffentlichen Raum an, die unbürokratisch für nicht kommerzielle Musik- und Partyveranstaltungen unter freiem Himmel genutzt werden können“, steht dort. „Andere Städte machen vor, dass das funktioniert. Stadt ist auch Nutzung des öffentlichen Raums für Kultur und Freizeit“, sagt Lederer.

Liese Kingma
Liese Kingma
leitet das Model Space Project der Club Commission. Mittels Test-Open-Airs soll dabei eine Datengrundlage für den Umgang mit den bisher illegalen Freiluftveranstaltungen geschaffen werden. Damit Feiernde und Anwohner in Zukunft besser miteinander auskommen.
Foto: Xenia Baltzereit

Für die Open-Air-Veranstalter würde eine Legalisierung bedeuten, dass die Party um 22 Uhr definitiv zu Ende ist. „Natürlich sind die nicht begeistert von dieser Beschränkung“, sagt Liese Kingma. „Aber die meisten finden: Besser legale Partys bis 22 Uhr als gar keine mehr.“ Andererseits würden legale Open-Airs für Anwohner und zum Beispiel Parkbesucher bedeuten, dass sie einige Male im Jahr tagsüber mit Musik konfrontiert wären – mit rechtlicher Grundlage. „Zumutbar“, findet Georg Kössler, Mitglied der Grünen im Abgeordnetenhaus. Er sagt: „Konflikte sind in einer Stadt wie Berlin vorprogrammiert. Deswegen ist es besser, Regeln für bestimmte Aktivitäten auszuhandeln, als sie komplett zu verbieten. Besser tagsüber, mit Regeln und bis 22 Uhr, als nachts, ohne Kontrolle und Regeln. Das hier ist eine große Stadt, die ist laut und damit muss man sich arrangieren.“ Kössler ist der parlamentarische Ansprechpartner für das Model Space Project und wird die Ideen der Club Commission im Abgeordnetenhaus vertreten, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind.

Die Chancen, dass er damit erfolgreich sein wird, stehen gar nicht so schlecht. Denn auch die Opposi­tion findet die Ideen der Club Commission größtenteils gut. Der Kulturbeauftragte der CDU, Robbin Juhnke, sagt zum Model Space Project: „Wir begrüßen alles, was die Situation für die Beteiligten vereinfacht und realistische und für alle Seiten klare Rahmenbedingungen schafft.“ Nur aus den Reihen der FDP kommt Kritik an den Plänen des Senats: „22 Uhr ist zu spät an Orten, wo Anwohner in der Nähe sind. Da sollen sich die berufstätigen Eltern um das Kind kümmern, das um 21.30 Uhr von den Bässen aufwacht oder gar nicht erst schlafen kann?“, sagt etwa Marcel Luthe, der mal Miteigentümer eines Berliner Clubs war.

Das Vorbild für das Freiluftpartygesetz kommt aus Bremen. Dort hat Kai Wargalla, die grüne Beauftragte für Kultur und Subkultur, erreicht, was die Club Commission und Georg Kössler in Berlin schaffen wollen: Veranstalter können gebührenfrei jede Fläche bis zu 24 Stunden vorher für ihre Party anfragen. 2015 trat das Gesetz in Kraft, seitdem hat die Polizei nie wieder eine Party wegen Ruhestörung beendet. Im ersten Versuch, einen legalen Rahmen für Open-Airs zu schaffen, folgte man in Bremen dem Vorschlag der Behörden und stellte feste Flächen für Partys zur Verfügung. „Das hat aber nicht funktioniert, weil die Flächen zu weit draußen waren“, sagt Wargalla am Telefon. „Es geht ja darum, die Stadt mitzugestalten und nicht darum, laute Kultur auszulagern.“ Daraufhin schlug Bremen einen anderen Weg ein „Seitdem klappt es“, sagt Wargalla.

Auch die Club Commission hat kurz überlegt, bestimmte Flächen für Open-Air-Partys auszuwählen. Liese Kingma und Thomas Scheele, die das Model Space Project verantworten, halten von dieser Idee nichts. Helmut Cool vom Kollektiv Fucks and ­Friends hätte gar kein Interesse daran, ein Open-Air auf einer vorgefertigten Fläche zu veranstalten. „Es geht ja darum, sich den öffentlichen Raum zu nehmen. Wenn ich auf einer ausgewiesenen Fläche ‘ne Party mache, dann hat das für mich den Reiz verloren.“

Die Soundsysteme der Open-Air-Veranstalter sind oft wagemutige Konstruktionen
Foto: Kollektiv Spieltrieb

Den Reiz gibt es derzeit aber nicht ohne Risiko. Remi Recoque, ein Open-Air-Veteran, veranstaltet fast keine Open-Air-Partys mehr. Zu oft waren sie vorzeitig vorbei. In seinem Handy hat er auf einer Karte mehr als hundert mögliche Orte für Partys eingetragen. Fast alle Markierungen sind rot. Das heißt, dort wurde schon einmal eine Party von der Polizei aufgelöst.

Die Beamten reagieren unterschiedlich und willkürlich. Mal gibt es eine mündliche Verwarnung und die Anweisung, die Lautstärke runterzudrehen, mal ­Anzeigen mit saftigem Bußgeld und Beschlagnahmung des Musikequipments. Für die Veranstalter, die bereits die Leihgebühren für Boxen, Generator, Mixer, Plattenspieler und Deko selbst tragen, wird das Risiko dadurch schwer kalkulierbar. „Wir haben etwa 300 Euro aus eigener Tasche bezahlt“, sagt Helmut Cool. „Und wir haben unsere eigenen Plattenspieler und Mixer mitgebracht.“

Cool hofft, dass die Polizei möglichst spät oder am besten gar nicht kommt. Das Kollektiv Fucks and Friends ist wie die meisten anderen Veranstalter darauf angewiesen, dass die Party lange läuft, um die Kosten wieder reinzukriegen. Denn Eintritt muss hier keiner zahlen. Das Open-Air wird durch Spenden für Getränke finanziert. Fucks and Friends bietet zusätzlich Essen an, Bananen und andere Früchte, Salate und Snacks. Es geht den Mitgliedern nicht ums Geld, sondern darum, ein möglichst schönes Erlebnis zu schaffen.

Im Bezirk Spandau erkannte die Bezirksversammlung schon 2012 den kulturellen Wert von Open-Airs und beschloss, die Partyszene nach Spandau zu holen. Um mehr Leben in den Bezirk zu bringen. Der Bezirk beauftragte die Stadtentwicklungs-Firma Coopolis nach Flächen für Partys zu suchen und Veranstalter heranzuholen. Wenig später stand der Termin für das erste Fest. Aber dann schaltete sich das Umweltamt ein und meldete Bedenken wegen des Ortes an – bedrohte Zaun­eidechsen würden dort leben.

Nach langem Hin und Her stieg die Party 2015 doch noch. Und weil sie so ein Erfolg war, wollte der Bezirk Spandau die Fläche im Stadtteil Haselhorst kaufen – damit Spandauer und andere Berliner dort regelmäßig feiern können. Bis ­heute ist das nicht passiert. Der Grund: Das Umweltamt hat Bedenken wegen der Eidechsen – man müsse an bestimmten Stellen Zäune ziehen, um die Biotope der Tiere zu schützen. Wo genau, das sagt das Amt nicht. Und ­solange das so ist, handelt auch der Bezirk nicht. „Da fühlt sich keiner zuständig“, sagt Thomas Scheele von der Club Commission. Aber das heißt nicht, dass an dem Ort keine Partys mehr steigen, denn er war schon vorher bei Veranstaltern bekannt. „Nach der offiziellen Party ist der Platz in der Szene noch bekannter geworden. Bei gutem Wetter gibt es da jetzt manchmal drei Open-Airs auf einmal. Ohne Kontrollen und ohne ­Zäune. Und eine Roma-Familie lebt da auch“, sagt Scheele.

Vernetzungstreffen der Open-Air-Veranstalter
Foto: Xenia Balzereit

Es war nicht das letzte Mal, dass Politik und Behörden im Zusammenhang mit Open-Air-Partys in unterschiedliche Richtungen arbeiten. Von den acht Test-Open-Airs, die die Club Commission in diesem Sommer veranstalten will, konnte bislang nur eins stattfinden. Der Grund: Bisher hat erst ein Bezirk sein Einverständnis gegeben. Ohne Test-Events und deren Ergebnisse kann die Club Commission aber nicht weiterarbeiten und ihre Handreichung für die Politik erstellen.

Franziska Pollin kennt das Problem aus Brandenburg. Sie ist die erste Ressortleiterin für Offensive ­Popularmusik bei der Brandenburger Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur und vertritt Bands und Musikprojekte, Festival- und Partyveranstalter gegenüber der Politik. Und was in Berlin die Open-Airs sind, sind in Brandenburg die Technofestivals. „So wie sich in Berlin die Bezirke oft unterschiedlich verhalten, ist das mit den Kommunen in Brandenburg. Jede Kommune kann in bestimmten Belangen ihre eigenen Regeln aufstellen. Manche sind total offen und kommunikativ, andere weniger“, sagt Pollin. In Brandenburg sei zwar mehr Platz, sagt sie, aber das heiße nicht, dass es keinen Streit um die Nutzung dieses Platzes gebe.

Deswegen will Pollin, ähnlich wie die Club Commission, eine Handreichung für die Brandenburger Poli­tik erstellen. Die soll erklären, wie Kommunen am besten mit Festivals umgehen. Denn auch in Brandenburg gibt es Lärmbeschwerden: „Schon ein einzelner Bürger mit Kopfschmerzen kann ein Festival mit 10.000 Gästen potenziell gefährden“, sagt sie.

Aber Pollin sagt auch: „Je besser die Anwohner mit einbezogen werden, desto weniger Konflikte gibt es meist. Sie können Gastrostände betreiben oder Freikarten erhalten.“

Auf der Wiese im Humboldthain ist die Musik immer noch fröhlich funkig. Die Traube vor dem DJ-Pult hat sich vergrößert, die Familien packen ein. Es ist 19 Uhr. Dann sieht jemand ein Polizeiauto. Die Gäste fangen an zu tuscheln. „Ist doch erst sieben“, sagt einer. Die Beamten gucken sich die Party etwa eine Viertelstunde an, dann kommen sie zu viert. Die Musik geht aus, manche gehen langsam zu ihren Decken, packen ein. Die Party ist vorbei. Helmut Cool übernimmt die Verantwortung. Fucks and Friends drohen mehr als 1.000 Euro Bußgeld. Wegen Ruhestörung und Verstoß gegen das Grünanlagengesetz. Das haben die Beamten gesagt. Und, dass es keine Chance gäbe, die Anzeige fallen zu lassen. Fucks and Friends fangen an, zusammenzu­packen. Ein paar Gäste sammeln Geld für sie.

Ein Bußgeldbescheid kam bisher nicht. Inzwischen hat das Kollektiv Fucks and Friends noch ein zweites Open-Air veranstaltet, in Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier funktionierte im Kleinen, was die Club Commis­sion gerade im Großen in der ganzen Stadt versucht: Alle Beteiligten haben einen Kompromiss gefunden. „Vorher sind wir zu allen Nachbarn gegangen und haben sie informiert und eingeladen“, sagt Helmut Cool. „Wir haben denen dann ein Bierchen vorbeigebracht und ihnen versprochen, dass wir spätestens um halb 11 die Musik ausmachen und aufräumen.“ Die Polizei kam zwar dennoch – allerdings erst um 22.30 Uhr. Und sie fuhr wieder weg, ohne Fucks and Friends anzuzeigen.

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