Wann kommt die Flut?

Wie der Kohleabbau die Spree und unser Trinkwasser gefährdet

Aus dem Lausitzer Braunkohlerevier strömen immer mehr Sulfate in die Spree. Bis zu einer Million Berliner müssen um ihr Trinkwasser fürchten. Während Forscher versuchen, das Schlimmste zu verhindern,drückt sich der Energiekonzern Vattenfall vor der Verantwortung

Elke Wittstock, die Herrscherin über das Wasser, sagt: „Wir haben große Besorgnis.“ Die Chefin des zweitgrößten Wasser­werks der Stadt sitzt an einem grauen Tisch in ihrem sehr aufgeräumten Büro, hinter sich Zimmerpflanzen und Jalousien. Obwohl sie eine sachliche Frau ist, kann sie ein mulmiges Gefühl kaum verbergen. Was die Diplom-Ingenieurin und ihre Kollegen alarmiert: Die wichtigste Wasserquelle ihres Werks in Friedrichs­hagen, der Müggelsee, ist in zunehmender Konzentration mit Sulfaten aus Lausitzer Tagebauen belastet. Sie sickern in die Bodensedimente, aus denen die 215 Brunnen der Anlage das Wasser herauspumpen – täglich 130.000 Kubikmeter, die Versorgung für bis zu einer Million Menschen im Osten der Stadt.

Wasserwerk Friedrichshagen

Hier werden täglich 130.000 Kubikmeter Wasser gewonnen. Die Quelle ist der Müggelsee, wo die Sulfatwerte zuletzt gestiegen sind.

Wittstock reicht ein Dokument herüber, das den Ernst der Lage in Zahlen fasst. Aufgelistet sind die Sulfat-Werte, die in diesem Jahr an der Ablege­stelle der Rahnsdorfer Fähre gemessen wurden, einen Steinwurf vom Werk entfernt. Die Stichproben zeigen Werte zwischen 232 und 251 Milligramm. Damit kratzen sie an dem Grenzwert von 250 Milligramm, den die Trinkwasser­verordnung vorschreibt, überschreiten ihn einmal sogar. Würde im Werk selbst dieser Wert dauerhaft übertroffen, müsste es streng genommen seine Maschinen abstellen. Zuletzt lagen dort die Daten noch im grünen Bereich. Aber Zahlen jenseits der gesetzlichen Grenze sind nicht mehr ganz auszuschließen.

Für Wittstock ist klar: „Berlin ist auf das Wasserwerk Friedrichshagen angewiesen. Es ist das zweitgrößte der Stadt.“ Ohne dieses Werk würde die Wasserversorgung der Stadt zusammenbrechen. Damit die Anlage im Fall einer Grenzüberschreitung weiter betrieben werden kann, müssten die Beamten tricksen: Dann würden die Wasserbetriebe eine Sondergenehmigung der Gesundheitsbehörde erhalten, die Grenz­werte vorübergehend übertreten zu dürfen – bis die Sulfat-Schwemme eingedämmt ist. Zwar könnten die Menschen weiter ihr Leitungswasser trinken, sogar bedenken­los, zumal die Sulfat­mengen vorerst nicht so hoch sein werden, dass sie auf den Magen schlagen. In höheren Konzentrationen kann Sulfat jedoch, häufig konsumiert, zu Durchfall führen. Außerdem greift es dann Beton an, kann es rissig und porös machen – eine Bedrohung für die Kanalsysteme. Alles beunruhigende Aussichten. Die bloße Vorstellung reicht, um das Vertrauen der Bürger in ihre Versorgungsbetriebe zu erschüttern.

Bislang haben sich die Berliner auf das Wasser aus der Kanalisation blind verlassen können. Der Tropfen aus dem Hahn verkörpert so etwas wie Lebensqualität. Das frische Glas Leitungswasser hat das teure Marken­wasser, von Apollinaris bis Volvic, von den meisten Küchentischen verdrängt. Belastetes Wasser existiert nur noch in der Erinnerung, ein Schauermärchen aus einer fernen Vergangenheit, als etwa Industriekombinate der DDR bedenkenlos toxische Brühen ins Öko­system schleusten. Selbst Meldungen im Jahr 2006, die vor Arzneimittel-Resten im Trinkwasser warnten, konnten das Urvertrauen nicht trüben. Stattdessen wurden sie als Hysterie abgetan. Die Werte bewegten sich im unteren Nanogramm-Bereich. Nun müssen die Berliner um ihr Lebens­elixier, das sie nicht nur trinken, sondern auch zum Duschen, Baden oder Spülen brauchen, wieder Angst haben.

Das Kohlerevier

Fünf Tagebaue betreibt Vattenfall in der Lausitz.
Dazu  existieren Restseen, die von der
Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) betreut werden.

Wer die Quelle für die Sulfat-­Bedrohung finden will, muss sich 150 Kilometer weiter südlich umschauen, in der Niederlausitz. Das Wasser, das die öffentliche Infrastruktur der Hauptstadt aus dem Gleichgewicht bringen könnte, schießt aus einem schmalen Rohr. Angewidert verzieht Karin Noack ihre Mundwinkel, als sie sich über die Fontäne mitten im Wald beugt – wie eine Kronzeugin, die ein Corpus Delicti näher inspiziert. Dann trägt sie Zahlen vor: 920 Milligramm Sulfat, das sei, je Liter, die Schadstoffmenge, die man in der Flüssigkeit gemessen habe. Ein Vielfaches über der Norm. Der BUND und Greenpeace haben den Wert gemessen.

Karin Noack zeigt in Richtung Süden, dorthin, wo sich die Bäume zu lichten beginnen. „Da drüben kann man den Ver­ursacher finden.“ Hinter den Bäumen erstreckt sich der Tagebau Welzow-Süd in der Niederlausitz, betrieben von Vattenfall, flächenmäßig so groß wie die Ostsee-Insel Hiddensee. Von dort kommt die Flüssigkeit, die Karin Noack so aufbringt. Sie wird bei der Entwässerung des Tagebaus abgeleitet. Doch auch auf anderen Wegen strömt solches Wasser in die Landschaft der Lausitz. Wenn zum Beispiel in den Tagebauen das Grundwasser ansteigt, wird es ausgespült, nicht nur in Welzow-Süd, sondern auch in Nochten und Reichwalde, den benachbarten Abbaugebieten. Kleine Fuhren stammen auch aus Altkippen, die von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungs­gesellschaft (LMBV) betreut werden. Über Bäche und andere Gewässer gelangen all diese Frachten in die Spree – und werden von dort in den Müggelsee getragen und damit ins hauptstädtische Wassernetz.

Das ökologische Gleichgewicht ist bedroht

Karin Noack, eine 37-jährige Frau in Outdoorjacke, blond und zupackend, beobachtet die Verunreinigung an ihrem Ent­stehungs­ort. Die Umweltschützerin, Mitglied im Kreisverband der Grünen, wohnt in Nachbarschaft zum Abbaugebiet, in dem 4.000-Einwohner-Dorf Welzow. Wie eine Detektivin streift sie regelmäßig durch die Wälder und Wiesen ihrer Heimat, den Folgen des Tagebaus auf der Spur. Neben dem Sulfat strömt auch Eisen in die freie Wildbahn, in hohen Konzentrationen, bis zu 13 Milligramm pro Liter. Wegen hoher Eisenwerte sind manche Bachläufe schon ockerbraun verfärbt.

Die Eisenpartikel sickern auch in umliegende Flüsse und Seen. Dort können sie zum Teil gravierende Schäden anrichten: Sie ersticken Muscheln und Larven in den Betten der Flüsse; sie verkleben die Kiemen von Fischen und zerstören deren Brutstätten. In einigen Gewässern im Umland ist das ökologische Gleichgewicht deshalb bedroht. Auf dem Weg nach Berlin bleibt das Eisen auf den Flussböden liegen, besonders im Spreewald. Dort verwandelt es das Wasser der Bäche in braune Brühe. Die Tourismuswirtschaft fürchtet deshalb um die Anziehungskraft ihrer Heimatregion.

Schmutzige Frachten

Von den Abbaugebieten in der Lausitz strömen Sulfate und Eisenpartikel in umliegende Gewässer. Eisen färbt das Wasser in Flüssen ockerbraun. Auf dem Weg nach Berlin bleibt es auf den Böden liegen – während die Sulfate über die Spree nach Berlin getragen werden.

Das Eisen, aber auch das Sulfat, sind Nebenprodukte des Tagebaus. Sie ent­stehen, wenn Pyrit, ein Mineral im Erd­reich der Abbaugebiete, mit Sauerstoff und Wasser in Kontakt kommt. Das passiert jedes Mal, wenn das Grundwasser in den Tagebauen abgesenkt wird, damit die Berg­arbeiter die Kohle­schichten abschürfen können.

In Berlin blickt die Politik immer nervöser auf die Absonderungen aus dem Braunkohlerevier. Erwartungsgemäß wollen die energiepolitischen Sprecher sämtlicher Senatsfraktionen etwas tun, von der Linkspartei bis zur CDU. Sie wollen zum Beispiel ein Gutachten in Auftrag geben, aus dem hervorgeht, welche Sulfat-Werte künftig zu befürchten sind. Demnächst soll sich außerdem eine Arbeitsgruppe mit Vertretern von Vattenfall, LMBV und den Wasserbetrieben treffen, heißt es.. Man will  nach den Ursachen für die Sulfat-Schwemme forschen. Dass die Werte verrückt spielen, erklären sich Experten damit, dass zuletzt weniger Regen gefallen ist als sonst – und so eine natürliche Verdünnung in den Gewässern ausgeblieben ist. Das Problem: Für Erhebungen ist nur wenig Zeit. Technische Vorkehrungen sind nötig, um die Sulfat-Flut zu stoppen.

Die Billig-Variante wäre eine Problem­bekämpfung nach dem Sankt-Florian-Prinzip: Man reicht die Sulfat- und Eisen­be­lastungen an andere Ökosysteme weiter, um die Grenzwerte einhalten zu können. Sprich: Belastetes Spree­wasser wird in die Neiße, den nächstgroßen Fluss, umgeleitet, ein Verfahren, das Vattenfall anwenden möchte, „zur weiteren Entlastung der Spree“. Tatsächlich verringern sich dann die Konzentrationen der unerwünschten Stoffe. Weil die Stoffe aber weiter im Umlauf bleiben, bleibt die Strategie nur eine Notlösung. Sie würde zudem Maßnahmen von Vattenfall ergänzen, die bislang keine durch­schlagende Wirkung erzielt haben – etwa die Verdünnung von Grubenwasser. Im Ergebnis zu wenig, zumal die Sulfat- und Eisen-Belastungen auf lange Sicht weiter steigen könnten. Denn im Lausitzer Braun­kohle­revier sollen weitere Tagebaue in den Boden gestampft werden, zum Beispiel Welzow-Süd II und Nochten II.

Jörg Gelbrecht

Jörg Gelbrecht, Chemiker am Leibniz-Institut für Gewässer­ökologie und Binnenfischerei, fordert deshalb die Bildung einer länder­übergreifenden Taskforce, unterstützt von mehreren Naturwissenschaftlern. Sie soll eine nachhaltige Säube­rungsmethode entwickeln. Experten von Forschungs­instituten würden  mit Behörden sowie Vertretern von Vattenfall und der LMBV einen Masterplan aufstellen.

Gelbrecht hält ein „ganzes Maßnahmenbündel“ für notwendig. Der 62-Jährige erkundet Gewässer in Berlin und Brandenburg, besonders ihren unnatürlichen Wandel unter dem Einfluss des Tagebaus. Die Gebrechen der Spree sind sein Großthema. Zur Gesundung des Flusses und seiner Zuläufe empfiehlt er: Spundwände und Kläranlagen an den Tagebauen, außerdem künstliche Feuchtgebiete, überwachsen mit Schilfrohren, die schädliche Frachten neutralisieren. Eine Aktion dieser Art würde die hohe Sulfat- und Eisen­konzentration an ihren Quellen beseitigen. Doch das Rundum-­sorglos-Paket wäre teuer.

Womit die Frage ins Spiel kommt: Wer soll das alles bezahlen – ob in der Luxus- oder Billig-­Version? Kosten in Millionen­höhe sind abzusehen, der Chemiker Gelbrecht spricht sogar von „ein paar Milliarden Euro“. Senats­politiker würden am liebsten den Vattenfall-Konzern, den Haupt­verursacher, zahlen sehen, ebenso die Berliner Wasserbetriebe. Elke Wittstock sagt: „Wir haben in Deutsch­land das Verursacher­prinzip.“ Doch das ­Unternehmen verschanzt sich hinter Floskeln. Wenn man nach Auswegen aus dem Sulfat-Desaster fragt, antwortet die Presse­stelle in ­unverbindlicher PR-Prosa: „Vattenfall nimmt seine Verantwortung für diesen Sachverhalt sehr ernst und wird sich auch bei der Bewältigung der künftigen Herausforderungen zur Einhaltung der Trinkwassergrenzwerte aktiv mit einbringen.“

Anzeige gegen Vattenfall

Die Berliner Politik könnte zum Äußersten greifen: Anwälte einschalten und Vattenfall auf Schadensersatz verklagen. Doch ein Umweltjurist sagt: „Es dürfte schwierig werden, Vattenfall eine Regresspflicht nachzuweisen. Schließlich hat Vattenfall die wasser­rechtlichen Genehmigungen für seinen Tagebau.“ Ein weiteres Hindernis: Es gibt keine rechtlich verbindlichen Grenz­werte für Sulfat­frachten, die in Flüsse und Seen strömen. Vattenfall könnte seine Hände in Unschuld waschen. Die laschen Umwelt­auflagen würden den Bittstellern zum Verhängnis.


Elke Wittstock gibt Befehle in der Zentrale des Friedrichshagener Wasserwerks.
Um die Sulfat-Flut zu stoppen, ist sie auf Hilfe von Vattenfall angewiesen

BUND und Greenpeace versuchen, Vattenfall straf­rechtlich unter Druck zu setzen. Sie haben Anzeige erstattet, auf Grundlage des Paragrafen 324 im StGB, der eine Strafverfolgung vorsieht, wenn Gewässer unbefugt verunreinigt werden. Ein hehrer Schachzug: Er konfrontiert Vattenfall mit der Schuld­frage. Aber Geld, das in die Behebung der Tagebau-Schäden fließen könnte, springt dabei nicht heraus.

Die aktuellen Geschäfts­pläne, die Vattenfall verfolgt, werden die Zahlungs­moral ebenso wenig heben. Der Konzern möchte seine Braunkohle-Werke in der Lausitz nämlich schnellstmöglich loswerden. Teuer, dreckig, ruf­schädigend: Das hat man mittlerweile auch in der Stockholmer Firmen­zentrale erkannt. In eine Sparte allerdings, die man abstoßen will, in der End­phase noch einmal zu investieren: nach betriebs­wirtschaftlicher Logik unwahrscheinlich.

Wenn der Vattenfall-Konzern nur wenig oder gar nichts beisteuert, müsste am Ende die öffentliche Hand die Rechnung begleichen. Auch die LMBV, wegen der Schmutzmengen aus ihren Altkippen immerhin ein Nebenverursacher, könnte etwas springen lassen. Klar ist: Eine Rettungs­­aktion ist unausweichlich. Auf das Wasserwerk Friedrichs­hagen kann niemand verzichten. Andernfalls gibt es keine Garantie dafür, dass die Wasserversorgung in der Hauptstadt weiter funktioniert.

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