zitty 25/2012

Wie es wurde, was es ist

In der Straßenbahn. Ein Kind, offensichtlich überzuckert, turnt unbändig über die Sitze. Seine Oma ist machtlos, findet sich resigniert damit ab, dass der Enkel freidreht. Das Kind klettert über meine Rückenlehne. Gesicht an Gesicht fragt es mich: „Bist du ein Mann?“. Ich sage: „Genau!“ und „du hast ja gute Augen“. Hat es nicht, es trägt eine dickglasige Brille. Das Kind stört sich nicht an meiner fiesen Retourkutsche und sagt: „Du musst mal zum Friseur gehen!“ Wir schenken uns nichts, das Kind und ich. „Messerscharf beobachtet“, stichele ich zurück und erkläre: „Meine Friseurin hat gerade keine Zeit für mich.“ Das Kind überlegt: „Dann musst du zu einer anderen gehen“. „Mach ich aber nicht“, sage ich. Hinter den dicken Brillengläsern verengen sich zwei Augen zu Schlitzen. Ich ahne, was kommt. Aber da treibt die Oma das Kind aus der Straßenbahn.

Ich bin froh, dass ich mich nicht weiter erklären musste. Denn gern hätte ich gesagt: „Ich gehe immer zu ihr, weil meine Friseurin Berlins Beste ist!“ Aber das wäre gelogen. Sie ist okay. Mal mehr, mal weniger. Ich gehe zu ihr, weil wir uns arrangiert haben: Wir begrüßen uns knapp und tauschen kleine Belanglosigkeiten aus. Beim Schneiden schweigen wir: Sie schnippelt, ich lese. Zum Abschied gebe ich ihr noch ein ehrliches Feedback, irgendwas zwischen „super Typ, scheiß Frisur“, oder „super Frisur, scheiß Typ“. Je nachdem. Inzwischen fragt sie nicht mal mehr, wie ich die Haare geschnitten haben möchte. Ich trage ihren Façon mit Fassung.

Wir haben uns die Auswahl von „Berlins Beste 2012“ (ab Seite 14) nicht leicht gemacht, haben Vorschläge gesammelt, verglichen und aussortiert, haben Kollegen und Freunde befragt, Berlinexperten angerufen und bis zur Drucklegung für unsere Favoriten gekämpft. Ohne Rücksicht auf Verluste. Viele Kandidaten sind so von stichhaltigen Argumenten niedergemetzelt worden. Ganze Kategorien wurden hinweggefegt. Das hat tiefe Gräben durch die Reihen unserer Redaktion getrieben. Aber am Ende hatten wir sie zusammen: Unsere Lieblinge 2012 – kompetent, unbestechlich und gnadenlos subjektiv ausgewählt von Berlins hoffnungslos zerstrittener zitty-Redaktion.

Redakteure, die den „Chefinquisitor“ (vormals Chefredakteur) nicht mehr grüßen    5

Was wird in den nächsten zwei Wochen passieren? Einiges davon steht in diesem Heft. Alles andere müssen Sie schon selbst erleben. So wie wir.