»Man dreht durch«

Wie es zur Eskalation in Kreuzberg kommen konnte: Interview mit Aktivist Heinz Ratz

Zehn Tage belagerten bis zu 1.000 Polizisten die von Flüchtlingen besetzte Schule in Kreuzberg. 40 Besetzer durften bleiben, weil sie gedroht hatten, sich lieber umzubringen, als wieder in ein offizielles Flüchtlingslager zu gehen. Heinz Ratz, Musiker und Aktivist, hat deutschlandweit 160 dieser Lager besucht. Interview: Martin Schwarzbeck


 

Heinz Ratz, 46, kommt am 27.8. mit seiner Band Strom&Wasser und etwa 30 Flüchtlingsfrauen auf zwei Flößen nach Berlin. Mehr Infos: www.fluchtschiff.de

Herr Ratz, die von Flüchtlingen besetzte Schule in Kreuzberg ist auch deshalb fast geräumt worden, weil dort menschenunwürdige hygienische Zustände geherrscht haben sollen. Wie leben Flüchtlinge in Deutschland denn normalerweise so? Im ersten Lager, das ich je gesehen habe, 2011, gab es eine Toilette für 30 Personen, eine Waschmaschine für 60 Personen, es gab seit zehn Jahren immer das gleiche Essen, 50 Euro Taschengeld im Monat für Arzt und Medikamente, Kleidung, Schulsachen, alles. Das zweite Lager lag drei Kilometer von der nächsten asphaltierten Straße entfernt, direkt neben einer Schweine-mastanlage. Da waren mitten im Winter die Heizungen defekt, die Fenster waren zum Teil kaputt, es war alles voll mit Kakerlaken, weil der Müll nicht rechtzeitig abgeholt wurde. Die Leute waren völlig verzweifelt oder depressiv. Und diese Zustände bilden leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Einige der Flüchtlinge haben damit gedroht, vom Dach zu springen, wenn sie die Schule verlassen müssen. Die fühlen sich so an die Wand gedrängt, dass sie nicht wissen, wie sie sonst reagieren sollen. Und dann gehen sie nach Protest und Hausbesetzung auch bis zur letzten Konsequenz, zum Freitod. Ich habe einige Flüchtlinge kennengelernt, die sich mittlerweile umgebracht haben.

In der Kreuzberger Schule wurde ein Mensch erstochen. Kommt Gewalt unter Flüchtlingen oft vor? Ich habe mal einen Iraner getroffen, der Kindersoldat war und viele Menschen umgebracht hat. Er hat foltern müssen und wurde jahrelang selbst gefoltert. Der empfindet alles als Bedrohung, ist hochtraumatisiert. Solche Menschen müssen eigentlich eine psychologische Behandlung bekommen. Stattdessen werden sie mit acht anderen in einen engen Raum gesteckt. Da hat man keinen Rückzug. Da hat man überhaupt nichts. Nichts, was einen ablenkt. Sie dürfen nicht arbeiten und keine Ausbildung machen, sind da vielleicht schon seit zehn, zwanzig Jahren. Da dreht man durch. Da gibt es manche, die bringen sich um, und manche, die bringen andere um, da gibt es leider alle Spielarten von traurigen Erlebnissen. Das verwundert keinen, der ein bisschen mit Flüchtlingen zu tun hat. Im Gegenteil, es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig da noch passiert.

Deshalb hat auch der Versuch der Selbstverwaltung in der Schule nicht funktioniert? In so einem Lager kommt sozusagen die ganze Welt unfreiwillig zusammen. Was diese Menschen vereint, ist die verzweifelte und hilfesuchende Position, aber es gibt Sprachbarrieren, da sind zum Teil Flüchtlinge von zwei verschiedenen Kriegsparteien zusammen. Es gibt viele Mentalitäten, und alle stehen unter hohem Druck. Dann gibt es noch die verschiedenen Strategien: Die einen wollen keine Konflikte, die anderen für ihre Rechte kämpfen. Da eine gemeinsame Linie zu finden, das ist ungeheuer schwer.

Einige der Menschen, die die Schule freiwillig verlassen hatten, wurden nach Hohengatow an den Rand Berlins gebracht. Warum sind die Heime oft so abgelegen? Damit die Flüchtlinge isoliert werden. Sobald sie Bekanntschaften mit Deutschen haben, ist es sehr viel schwieriger, sie abzuschieben oder ungerecht zu behandeln. Es gibt viele Beispiele, wo Schulen oder Kirchen Abschiebungen verhindert haben. Und das ist natürlich auch der Grund, warum die Flüchtlinge nach Berlin gekommen sind und Oranienplatz und Schule besetzt haben, weil sie merken, dass sie in der Isolation keine Chance haben. Ich finde das auch sehr mutig. Jeder von denen verstößt gegen die Residenzpflicht. Sie laufen Gefahr, abgeschoben zu werden. Und das wiederum endet in manchen Fällen mit Gefangenschaft oder Tod.

Wie wurde den Protestlern in Berlin begegnet? Abgesehen von den Sympathien der Bevölkerung leider auch mit offensichtlicher Staatsgewalt, sehr rigoros. Da trifft Verzweiflung auf gnadenlose Politik, die versucht, mit Autorität das Ganze aufzulösen, still zu machen.

Was sollten wir konkret verbessern? Natürlich müssen wir prüfen, ob Asyl in Deutschland im einzelnen Fall angebracht ist. Aber solange diese Prüfung läuft, sollten wir diese Menschen mit Respekt behandeln und ihnen die Möglichkeit geben, sich irgendwie geistig zu betätigen, sich zu bilden, zu arbeiten, Verwandte zu besuchen. Anstatt die Kinder irgendwo in Schleswig-Holstein unterzubringen und die Eltern in Bayern und dann zu sagen: Ihr dürft nicht reisen. Das ist unmenschlich. Man sollte sie so behandeln, wie man selber auch gern behandelt werden möchte. Und ich kenne niemanden, der freiwillig in einem der Lager übernachten würde.

»Jeder von denen verstößt
gegen die Residenzpflicht.
Sie laufen Gefahr, abgeschoben zu werden.

Und das wiederum endet
in manchen Fällen
mit Gefangenschaft oder Tod«

Die Versprechungen, die der Senat gemacht hat, um die Besetzer aus der Schule zu bekommen, waren Einzelfallprüfung, Behandlung des Falls in Berlin und eine kleine finanzielle Unterstützung. Ändert das die Situation der Betroffenen? Sie werden das erst mal nicht schlecht finden, dass so etwas dabei rauskommt. Aber es ändert letztendlich gar nichts. Wenn Leute rausgezogen und besänftigt werden, indem ihnen ein paar kleine Vorteile gewährt werden, dann ist das natürlich in erster Linie ein Mittel, diesen Skandal wegzukriegen.

Aber mal ehrlich: Würde Deutschland nicht zusammenbrechen, wenn wir einfach alle einbürgern? Es geht ja nicht darum, jeden einzubürgern. Es ist auch nicht so, dass jeder Flüchtling per se ein guter Mensch ist – es geht nur darum, dass unter den Flüchtlingen sehr viele sind, die in höchster Not hierherkommen. Und diese müssen hier eine faire Chance erhalten, jedenfalls solange wir ein Staat sind, der sich Menschenrechte und Demokratie so groß auf die Fahne schreibt. Diese Menschen sind ja auch in einem unglaublichen Maße bereit, etwas zurückzugeben. Sie sind dankbar, hier sein zu dürfen. Sie wollen arbeiten. Sie wollen dem Land etwas bringen. Und werden dann total ausgebremst.

Sie haben mit Flüchtlingen eine Band gegründet. Gerade Künstler bekommen in totalitären Systemen Schwierigkeiten, weil der geistig Arbeitende immer Freiheit sucht. Wir haben wirklich hochbegabte, ganz tolle Menschen für die Band gewonnen, gesehen, kennengelernt. Und es ist ein Jammer, die in den Lagern verblühen zu sehen. Die gehen kaputt. Wenn man nichts machen kann, jahrelang eingesperrt ist, würde uns das allen so gehen.

Wie bekommen Sie Zugang zu den Flüchtlingslagern? Früher hatte ich Riesenprobleme. In einem Lager in Gerstungen, an der thüringisch-hessischen Grenze, hat schon die Polizei auf mich gewartet, damit ich auf keinen Fall hineingehe, zwei Wochen vorher hatte die NPD eine Besuchsgenehmigung bekommen. Inzwischen habe ich durch die Integrationsmedaille der Bundesregierung und Kontakte zu Medien eine gute Position, und es ist für die Betreiber schwer geworden, mich rauszuhalten.

„Die Betreiber“, sagen Sie. Sind das Unternehmen? Das wissen die wenigsten: Oft sind es Firmen, zum Beispiel Bauunternehmer, die die Unterkünfte stellen und von den Gemeinden Geld pro Flüchtling bekommen. Und je mehr sie einsparen an sanitären Einrichtungen, an der Müllabfuhr, desto mehr Gewinn wirft das ab.