1001 Nacht

Wie junge Syrer das Berliner Nachtleben erleben

Sie fliehen vor den Bomben und landen beim Bass. Ihr neuer Wohnort ist Berlin. Ein Hotspot der westlichen Dekadenz. Die Stadt, in deren beliebtester Diskothek Männer öffentlich Sex mit Männern haben. Wo der Konsum von Drogen zur Banalität verkommen ist, Frauen natürlich auch mehrere Partner haben können. Wer mit rigiden religiösen Maßstäben aufgewachsen ist, wie viele Menschen in Syrien, für den ist Berlin ein Sündenpfuhl.

Text: Medea Daghstani  Fotos: F. Anthea Schaap

Es gibt zwei Arten, mit einem Sündenpfuhl umzugehen, wenn die Umstände -einen zwingen, dort zu leben: Man kann versuchen, die Tempel der Sünde weiträumig zu umgehen. Oder man stürzt sich einfach kopfüber hinein. So wie die jungen Menschen es getan haben, die wir für diese Reihe interviewten. Sie suchen in Deutschland nicht nur einen neuen Job, sondern auch Spaß und Party.

Auf der anderen Seite des Kulturschocks stehen die Deutschen, die verdutzt sind, wenn sich herausstellt, dass die Flüchtlinge auch nur Menschen sind. Er oder sie spricht flüssig Englisch, hat einen guten Musikgeschmack und verhält sich auch sonst nicht anders als andere. Er oder sie entspricht nicht der typischen Vorstellung, die Europäer von Flüchtlingen und Syrern haben.

Der Weg in den Club und wieder hinaus aber ist für sie schwerer zu gehen. Sie müssen ein starres Korsett von Konventionen ablegen, die bei dunkleren Gesichtern oft besonders kritischen Türsteher passieren, sich nach und nach die Regeln des ungezwungenen Zusammenseins erschließen. Dann aber erleben sie eine Freiheit, von der sie lange nicht dachten, dass sie möglich ist.


»Das Haus der Freuden«

Ali, 26, aus Masyaf im Umland von Hama

„Das erste Mal, dass ich das Nachtleben in Berlin ausprobierte, war ein Zufall. Ich war dort mit einem Freund, der mir von Massagen im Club als möglichem Job erzählte. Als ich reinkam, fühlte ich mich eigenartigerweise sehr wohl. Ich sah Menschen, die frei wirkten. Ich werde es niemals vergessen: Ich traf einen Lufthansa-Piloten, der nur Shorts trug.

Foto: F. Anthea Schaap

So etwas habe ich in Syrien nie gesehen. Mir wurde klar, dass das Nachtleben hier der Ausweg aus dem Druck und dem Tempo des Alltagslebens ist. Zwei Tage später ging ich mit Freunden ins Berghain. Ich habe vorher nie davon gehört. Aber ich verstand sofort, warum es so berühmt ist. Es ist buchstäblich das Haus der Freuden. Als Musiker war ich ergriffen von dem Soundsystem, seiner Stärke, seiner Reinheit – diese Qualität von Techno war mir nicht vertraut. Ich spürte, dass die Menschen Teil der selben Welle waren, ohne dabei das Territorium der anderen zu verletzen. Ich mag die Atmosphäre.

In Syrien gibt es strikte Regeln, wie man das Leben genießen darf. Es gibt Grenzen, die respektiert werden müssen. Hier ist jeder frei, zu wählen und zu genießen, was auch immer seine Seele unterhält. Mein Leben und meine Arbeit hier beinhalten viel Druck und Verantwortung. Den Druck, sich an ein neues Land anzupassen, die Verantwortung, mich um den Teil meiner Familie zu kümmern, der noch in Syrien ist. Ich habe meine bessere Hälfte über zwei Jahre nicht gesehen. Über allem steht der Flüchtlingsstatus, das ist schwer zu ertragen. Im Club fühle ich mich weit weg von all diesem Druck, ich lade dort meine Energie wieder auf.

Das Nachtleben ist eines der schönsten Gesichter Berlins und es hat mich gelehrt, diese Stadt und ihre Menschen zu lieben. Im Club sind alle Kumpel, Freunde und friedliche Menschen, ohne Kategorisierung in Schubladen. Im Club habe ich gelernt, mit anderen zu kommunizieren, wie ich es vorher nicht konnte.“


»Wir sind nicht alle gleich«

Firas Alshater, 25, aus Damaskus

Mit seinem Youtube-Kanal Zukar hat Alshater in Deutschland eine gewisse Berühmtheit erlangt. Er erklärt dort Deutschland aus Sicht eines Flüchtlings und gibt Tipps für Geflüchtete. Dennoch hat auch er bereits Diskriminierung erlebt.

Firas
Foto: F. Anthea Schaap

„Ich kam mit meiner deutschen Freundin und einem syrischen Freund zu einem Club, wir beiden Syrer hatten Hipster-Bärte. Der Türsteher hat uns gestoppt und meine Freundin gefragt, wer diese Piraten bei ihr seien. Sie sagte: Mein Freund und ein Freund von ihm. Der Türsteher hat dann nach einem Ausweis gefragt und sie verhört über meine Nationalität und den Status, der in meinen Papieren angegeben wird. Sie antwortete ihm, aber er ließ uns nicht ein, er war nicht überzeugt, dass sie uns wirklich kannte. Er dachte, sie hätte unsere Namen vor dem Club auswendig gelernt und wolle uns helfen, reinzukommen. Es war für ihn unmöglich, dass wir Freunde dieses schönen Mädchens sein könnten. Schließlich erklärte er seine Ablehnung: Er habe kein gutes Gefühl mit uns. So etwas ist mir nie wieder passiert.

Die meisten Deutschen haben keine Vorurteile über Syrer. Den meisten ist bewusst, dass die Syrer, die kürzlich nach Deutschland kamen, verschiedene Schichten des syrischen Gesellschaftssystems repräsentieren. Wir sind nicht alle gleich. Es gibt die Gebildeten und die Ungebildeten, es gibt die Konservativen und die Freigeister, welche die gerne in Clubs gehen und andere, die das nicht tun. Wann immer ich Berlin verlasse, um Geschäfte in anderen europäischen Ländern zu machen, sind die Clubs das, was ich am meisten vermisse. Die Musik und die Atmosphäre dort sind sehr speziell, anders als an irgendeinem anderen Ort, den ich besucht habe. Die Freizeit in Syrien wird kontrolliert von Bräuchen und Traditionen. Viel von dem, was Menschen hier spontan und frei genießen, ist dort nicht möglich.


»Als würde ich über den Wolken fliegen«

Mervat, 36, aus Damaskus

Mervat
Foto: F. Anthea Schaap

Viele Syrer – vor allem Frauen –  die in Clubs gehen, bevorzugen, über diese Tatsache nicht vor anderen Syrern zu sprechen. Mervat arbeitete in Syrien als Projektmanagerin bei einer Organisation, die Schulen in Damaskus renoviert. Sie ist vor zwei Jahren nach Berlin gezogen und sagt: „Ich mag es nicht zu lügen. Also spreche ich lieber nicht über das Nachtleben. Eine Frau, die mit jungen Menschen in Clubs geht und Drogen nimmt? Als Syrer haben wir eine Kultur des angemessenen Benehmens. Ein großer Teil des Nachtlebens wird als nicht akzeptabel für eine Frau angesehen.“

In der ersten Nacht, in der Mervat im Club Drogen konsumierte, nahm sie Ketamin. „Ich fühlte mich, als würde ich über den Wolken fliegen. Ich war überwältigend aufgeregt. Ich war so glücklich und das Gefühl war eine Überraschung für mich: unbekanntes Gebiet, das ich plötzlich entdeckte. Ich tanzte und meine Muskeln harmonierten mit den Tönen. Ich habe jeden Muskel beobachtet, wie er sich bewegt. Ich war schnell und fühlte, dass die Musik mir folgt.“

Mervat ist nicht ganz zufrieden mit diesem Teil ihres Lebens. Sie war eine Weile depressiv. Die Depression war immer besetzt mit der Idee, nach Syrien zurückzugehen. „Manchmal fühle ich, dass die Alternative, die ich heute lebe, mich nicht befriedigt. Ich will etwas echtes. Ich will ein ausgewogenes Leben, in dem Clubbing nicht synonym ist mit Angst vor mir selbst. Ich will das, was im Leben fehlt, nicht mit Alkohol und Drogen kompensieren. Ich muss glücklich sein und dann in den Club gehen und da etwas von diesem Glück freilassen. Nicht als eine düstere Person, die versucht, ihre Depression zu mildern. Es hat lange gedauert, dahin zu kommen. Ich brauchte eine Zeit, um aus der Depression herauszukommen. Jetzt spüre ich, dass das Leben es wert ist, gelebt zu werden. Meine Situation verbessert sich, obwohl ich immer noch außerhalb meines Landes bin. Ich habe das Glück des Nachtlebens kennengelernt hier in Berlin. Es erinnert mich an Damaskus. Es ist schmutzig wie Damaskus, und anders als andere deutsche Städte, schätze ich. Ich nehme an, dass Deutschland anders ist als Berlin.

Die schönsten Zeiten, die wir in Syrien durchlebt haben, fühlten sich wie gestohlene Momente an. Sie geschahen außerhalb der Öffentlichkeit, weil einige Freuden verboten oder gesellschaftlich geächtet sind. Liebe, Nachtleben und eine Menge anderer Vergnügungen werden verschwiegen und versteckt. Das Wort Nachtleben ist in Syrien und anderen Ländern der Region synonym mit moralischer Regression und Dekadenz. Unsere strengen Gewohnheiten und sozialen Traditionen sind mächtig. Liebe und Nachtleben geschehen fernab der Öffentlichkeit und es fühlt sich immer an wie ein unverdienter, gestohlener Moment. Beinahe wie ein Raubüberfall.“


»Ich lebe meine Freiheit«

Wassim, 34, aus der Nähe von Damaskus

Wassim studierte in Syrien Kommunikation, arbeitete als Webdesigner und lebt seit 2014 in Berlin. Hier arbeitet er bei einer Organisation, die die Integration von Flüchtlingen fördert.

Wassim
Foto: F. Anthea Schaap

„Ich habe vom Berliner Nachtleben gelernt, dass mein Leben mir gehört und niemandem sonst. Im Club lebe ich meine Freiheit, trinke und tanze, auch wenn ich kein guter Tänzer bin. Das ist nicht wichtig, hier schaut niemand auf mich und niemand wird mich auslachen. In Syrien ist es normal, dass andere stören und gucken und spotten. Aber hier ist es anders.

Der größte Teil meines Nachtlebens in Damaskus spielte sich im Haus eines Freundes ab, wo wir Musik hörten, tranken, tanzten. Alle paar Monate mieteten wir eine öffentliche Fläche, um eine Party zu organisieren. Wir versammelten 50 bis 100 Menschen, darunter auch Ausländer, die in Damaskus studierten. In Syrien wird das Nachtleben wahrgenommen wie ein Kasino: Ein Ort des moralischen Verfalls, wo einige Frauen sexuelle Versuchungen gegen finanziellen Ertrag tauschen. Eine Atmosphäre, die mir nicht passt.“

Das Leben in Berlin bringt Geflüchtete möglicherweise auf unerwartete Wege. Es braucht viel Selbstkontrolle und klare persönliche Prioritäten und Ziele um nicht allen Möglichkeiten hinterherzulaufen, die Berlin an Freude und Spaß zu bieten hat.

Wassim sagt: „Das Berliner Nachtleben lehrte mich, wie ich stabil bleibe, wenn ich viele mögliche Optionen habe. Es gibt da Alkohol aller Arten, Drogen und die Möglichkeit, wunderschöne Frauen kennenzulernen. In dieser Atmosphäre lernte ich, mich selbst zu beherrschen und mich weise zu verhalten, um nicht zu sagen: angemessen. Es ist nicht einfach, mit so vielen Versuchungen umzugehen, vor allem am Anfang.“


»Ich muss tanzen«

Obeida, 37, aus Deir al-Zour

„Ich fühle, dass andere mich als Fremden ansehen. Sogar wenn ich mit jemandem spreche oder zu einem Getränk eingeladen werde, fühle ich mich, als wäre es ein Kompliment – oder dass er seinen Freunden zeigen will, dass er offen gegenüber Fremden ist.

Ich fühle nicht, dass es authentisch ist. Wenn Menschen realisieren, dass ich Syrer bin, zeigen sie sich darüber überrascht, dass ich in einem Club bin. Sie bewirken, dass wir uns so fühlen, als sollten wir nicht clubben gehen, sondern im Camp bleiben. Ich spüre Erstaunen, wenn andere Clubgäste, die wissen, woher ich komme, mich sehen, wie ich Geld für Drinks ausgeben oder jemanden zu einem Drink einlade. Das führt dazu, dass ich mich fühle, als würde ich dringend gebrauchtes Geld ausgeben.

Einmal fragte mich jemand, wie ein Flüchtling, der Geld vom Job-Center bekommt, einen Club besuchen kann. Ich musste dann erklären, dass ich arbeite und das Geld verdient habe. Ich fühle mich, als würde ich genötigt, mich zu rechtfertigen und das ist ärgerlich. Und die Frauen denken, dass wir nur in den Club gehen, um Frauen zu treffen und mit ihnen im Bett zu landen. Natürlich bin ich hier an einem öffentlichen Ort, also ist es wahrscheinlich, dass ich eine Frau mögen werde und mit ihr sprechen will.

Es ist möglich, dass eine von ihnen mich mag, aber sie würde meistens nicht die Initiative ergreifen, aus Angst vor dem Urteil ihrer Freunde, wenn sie mit einem Fremden spricht. Einmal bekam ich von einem deutschen Mädchen ganz klar gesagt, dass sie mich mag, aber nicht mit mir zusammen sein kann, weil es sie dem Sarkasmus ihrer Freunde aussetzen würde. Ihre Eltern würden das auch nicht mögen. Sie war nicht bereit oder willens, das durchzustehen. Eines Nachts, als ich mit einer deutschen Frau tanzte, kamen drei jungen Deutsche und sprachen leise mit ihr. Ich habe nicht verstanden, was sie sagten. Aber die Frau entschuldigte sich und ging.

Ich gehe in Clubs, um überschüssige Energie loszuwerden. Ich muss tanzen, sprechen und mich selbst ausdrücken. Die menschliche Natur will akzeptiert und glücklich sein und das ist, was ich auch will.“


»Wir haben keinen Krieg«

Steve, 27, geboren in Homs

Steve
Foto: F. Anthea Schaap

„Wenn mich jemand nach meiner Nationalität fragt, bitte ich ihn oft, zu raten. Die Antworten sind sich immer sehr ähnlich. Ich bin entweder Israeli, Australier oder Italiener, manchmal auch Spanier. Es ist sehr selten, dass jemand rät, dass ich aus Syrien stamme. Später sind sie schockiert und versuchen, Mitgefühl zu zeigen, indem sie mich nach meiner Familie fragen und wie die es schafft, unter den extremen Bedingungen in Syrien zu überleben.

Eines Tages flirtete ein Mädchen mit mir im Club, bis sie sich entschied, zu fragen, ob ich Engländer sei. Als ich antwortete, ich sei Syrer, drehte sie sich um und ging. Bei einem anderen Vorfall wollte ich mit einem Freund von mir, einem Israeli, in den Club. Als sie uns nach unseren Ausweisen fragten, waren sie sehr überrascht, uns zusammen zu sehen, weil unsere Länder Feinde sind. Ich habe geantwortet, dass das nur natürlich ist. Wir haben keinen Krieg. Wir sind Freunde.“


»Es war ein Kulturschock«

Samara, 28, aus dem Umland von Aleppo

„Ich habe mich wie im Himmel gefühlt. Mein Ehemann kam von den Toten zurück, er war mit mir da. Ich habe geweint und getanzt. Fünf Stunden lang. Mein altes Leben ist weg, mein Neues hat angefangen. An meinem ersten Abend im Club.“

Die größte Party, auf der Samara bis dahin war, war die Dorfhochzeit ihrer Cousine. Vor drei Jahren ist sie, begleitet von ihren zwei Kindern, nach einer gefährlichen Reise übers Meer in Berlin angekommen. „Das Nachtleben war ein Kulturschock für mich. So etwas konnte ich mir vorher nicht einmal vorstellen“, sagt sie.

Samara war Lehrerin in Syrien, hat schnell deutsch gelernt und arbeitet jetzt als Übersetzerin. Sie trennte sich von ihrem Kopftuch, das sie trug, seit sie zehn Jahre alt war. Ein deutscher Freund hat sie ermutigt, das Kopftuch abzunehmen und ihr Leben zu leben. Es hat eine Weile gebraucht, bis sie den Mut fand, ihrer Familie zu gestehen, dass sie den Hidschab nicht mehr trägt. Es kam nicht gut an. Heute sprechen nur noch ihre Mutter und ihre Schwester regelmäßig mit ihr.

Samara sagt: „Als ich angefangen habe, Drogen zu nehmen, habe ich anfangs die Kontrolle über mich verlore. Ich blieb während der ersten Woche nachts wach. Dann hat es mich erwischt. Ich musste die Kontrolle über mein Leben zurückgewinnen. Mindestens zum Wohl meiner Kinder. Ich habe entschieden, mich zurückzuziehen und allmählich immer weniger zu nehmen. Vor fünf Monaten habe ich dann komplett mit den Drogen aufgehört.

Das Berliner Nachtleben hat mich gelehrt, stark zu sein, mich in meiner eigenen Haut wohlzufühlen, ohne verurteilt zu werden. Das Leben ist zu kurz und die Menschen sind zu beschäftigt mit ihren eigenen Leben, um eine Person wie mich für ihren Lebensstil zu verurteilen. In Syrien war das anders. Während meiner Clubnächte waren viele schockiert, wenn sie hörten, dass ich aus Syrien komme. Sie hatten jedes Recht dazu. Sogar ich hätte mir niemals vorstellen können, dass mein Leben so eine Wende nehmen würde. Clubs waren etwas, das ich bisher nur im Fernsehen gesehen hatte. Es wirkte dort so übertrieben und unhöflich. Zu meiner Überraschung hatten die meisten Menschen, die ich im Club kennengelernt habe, gute Manieren, einen ehrlichen Job und waren respektvoll.“

Samara hat ihren Mann bei einem Luftschlag in Syrien verloren. Inzwischen ist sie glücklich mit ihrem neuen Leben. Sie will nicht mehr zurück. „Ich würde lieber für immer hierbleiben. Ich bin lebendig hier. Zu Hause will mich jeder lebendig begraben, weil ich die Witwe eines Märtyrers bin.“

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