Feiern, als gäbe es kein Morgen

Wie nachhaltig ist feiern?

Berlin ist die Nachtleben-Hauptstadt der Welt. Aber welche Folgen hat der süße Hedonismus für die Umwelt? Wir waren feiern – und haben anschließend Bilanz gezogen

Es sollte ein ruhiger Samstagabend werden. Ein paar Gläser Wein mit ­Freunden, mehr nicht. Wir sitzen in der Küche und ­reden, als jemand die Frage aufwirft: Gleich noch ­feiern gehen? Zwei Drinks, bis der Einwand, am Sonntag zu tun zu haben, sich auch beim Letzten auflöst – und sich in ein süßes, fieses Gefühl verwandelt: die Vorfreude auf eine unvernünftige Partynacht. Die Nachbarn sind sauer und alle Bedenken zerstreut, als wir durchs Treppenhaus poltern, vor der Tür den ersten Sektkorken knallen lassen und uns in Bewegung setzen: hinaus in die Samstagnacht. 

Keine Stadt ist für ihre Partys so berühmt wie Berlin. Aber längst ist die Clubszene nicht mehr nur ein Image-, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor: Laut der kürzlich veröffentlichten Studie „Clubkultur Berlin 2019“  der Clubcommission, Interessenvertretung der Berliner Clubs, spült der Party­tourismus pro Jahr 1,48 Milliarden Euro in die Kassen der Stadt. Von den 13 Millionen Gästen, die es 2018 nach Berlin zog, kam ein Viertel zum Feiern. Hinzu kommen die tausenden Berliner*innen, die jedes Wochenende in den Clubs der Stadt tanzen.

Berlin feiert, als gäbe es kein Morgen. Und das hat Folgen, für Umwelt und Gesellschaft. Denn der schöne Hedonismus geht immer auch auf Kosten anderer.

20 Minuten Laufzeit zum Club, zehn ­Personen. Gemessen in Getränken macht das: acht Flaschen Bier, Sekt, Schnapsreste aus dem WG-Kühlschrank. Und viele, viele Kippen. Beim Versuch, zugleich eine Zigarette zu ­drehen und das Bier zu halten, fällt eine Flasche zu ­Boden und zerbricht. Nach der Westhafen­brücke stoppt die Gruppe: Irgendwer muss ­pinkeln. Wir warten, lachen, drücken Zigaretten mit der Stiefelspitze aus. Die leere Schampusflasche landet im Gebüsch.

Beim Feiern können die Mülleimer manchmal gar nicht nah genug sein, und Flaschen landen aus Faulheit im Busch, auf der Wiese oder auf der Straße
Foto: Olaf Selchow / imago

Wo gefeiert wird, fällt Müll an. In den letzten zehn Jahren musste die BSR ihre Reinigungsintervalle in den einschlägigen Ausgehkiezen verdoppeln. 2008 wurden etwa die Simon-Dach-, Oranien- und Wrangelstraße, die Schlesische sowie die ­Warschauer Straße und Brücke siebenmal pro Woche ­gereinigt – 2018 waren es schon 14 Mal.

­Besonders verheerend für die Umwelt ist die Angewohnheit vieler Raucher*innen, Zigarettenstummel nicht im Müll oder in tragbaren Aschenbechern zu entsorgen, sondern auf die Straße zu werfen. „Eine weggeworfene Kippe verunreinigt einen Kubikmeter Wasser“, sagt Astrid Hackenesch-Rump von den Berliner Wasserbetrieben. 7.000 Chemikalien und Elemente wie Zink, Arsen, ­Cadmium und natürlich Nikotin könnten durch eine weggeworfene Kippe in die Flüsse und sogar ins Grundwasser gelangen.

Wo gefeiert wird, fällt Müll an. In den letzten zehn Jahren musste die BSR ihre Reinigungsintervalle in den einschlägigen Ausgehkiezen verdoppeln. 2008 wurden etwa die Simon-Dach-, Oranien- und Wrangelstraße, die Schlesische sowie die ­Warschauer Straße und Brücke siebenmal pro Woche ­gereinigt – 2018 waren es schon 14 Mal. ­Besonders verheerend für die Umwelt ist die Angewohnheit vieler Raucher*innen, Zigarettenstummel nicht im Müll oder in tragbaren Aschenbechern zu entsorgen, sondern auf die Straße zu werfen. „Eine weggeworfene Kippe verunreinigt einen Kubikliter Wasser“, sagt Astrid Hackenesch-Rump von den Berliner Wasserbetrieben. 7.000 Chemikalien und Elemente wie Zink, Arsen, ­Cadmium und natürlich Nikotin könnten durch eine weggeworfene Kippe in die Flüsse und sogar ins Grundwasser gelangen.

Angekommen. Schlangestehen. Draußen Eises­kälte, drinnen schließlich: die Verheißung von Rausch und Gemeinschaft. Vor den Boxen schwitzen die Dauertänzer, auf den Couches lungern die Ruhebedürftigen und streicheln die Hände von Unbekannten. Ich kaufe ein Bier und danke dem Erfinder des Stroboskoplichts: Das irre Flackern und der dunkle Bass lassen uns vergessen, dass wir längst schlafen wollten. Wie kann etwas, das man dutzendfach erlebt hat, einen immer wieder so schnell fesseln?

»Während viele Clubgäste sich vegetarisch oder vegan ernähren, verschwenden sie oft wenige Gedanken an die Herkunft ihrer Aufputschmittel«

Soweit keine Überraschung: Tausende Menschen mit Musik auf Maximallautstärke zu versorgen, kostet Energie. Und zwar viel. Konstanze Meyer vom Verein „clubliebe e.V.“ hat schon viele Berliner Clubs in Energiefragen beraten – und bilanziert:  „Ein mittelgroßer, also weniger als 300 Quadratmeter großer Club verbraucht an einem Wochenende 1.000 Kilowattstunden – das entspricht einem Singlehaushalt im Jahr“, sagt Meyer. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) berechnete, dass ein Club im Schnitt 30 Tonnen Kohlendioxid im Jahr ausstößt. Die Probleme sind sehr unterschiedlich: Während große Betonhallen wie das Berghain oder der Tresor mit ihren hohen Decken viel Energie schlucken, ist etwa das Yaam, ebenfalls unter den größten Clubs Berlins, in einer schlecht isolierten Brache untergebracht. „Ein kaputtes, altes Gebäude bedeutet: veraltete Infrastruktur und hoher Energieausstoß“, sagt Geoffrey Vasseur, Geschäftsführer des Yaam.

Als „dreckigste“ Energiequelle nennt Martin Gräff, Haus­techniker des Yaam, Kühlschränke sowie ­Tiefkühltruhen und Kühlhäuser – die kriegt ein Club von seinen Getränkelieferanten und Brauereien. „Wenn ein Club viel verkauft und ein guter Kunde ist, bekommt er auf Anfrage regelmäßig neue Geräte“, sagt Gräff. Das Yaam spare mittlerweile viel durch ein modernes Kühlhaus. Ein Umweltfaktor seien außerdem die Lichtanlagen – und die Papierverschwendung durch Flyer und Plakate. „Wir drucken teilweise 5.000 Flyer für eine Veranstaltung und haben gut 200 Veranstaltungen im Jahr. Vieles liegt nach einer Party auf Boden oder wird nass“, sagt Gräff.

Zur Afterhour in den Mauerpark? Beim Chillen nach der Party bleibt meist viel Müll zurück
Foto: Sabine Gudath / imago

Fünf Uhr, Partyzenit. Die Tanzfläche ist voll, die Musik schön fies. Und die Menge wie in Trance. Man könnte es fast unheimlich ­finden, wie hunderte Menschen kollektiv dem Takt des DJs verfallen, würden nicht immer wieder kühne Tänzer*innen den Rhythmus ändern, grinsend die Arme ausbreiten – oder vor Euphorie ihr Bier verschütten.

Um der Energieverschwendung durch Sound- und Lichtanlagen entgegenzuwirken, eröffnete etwa der Rotterdamer Club „Watt“ vor zehn Jahren seinen ­„Sustainable Dancefloor“ – eine Tanzfläche, die kinetische Energie der Tanzenden in Elektrizität umwandelt. Nur sind solche Anschaffungen für die meisten Berliner Clubs viel zu teuer, genau wie Renovierungen nach den höchsten Energiestandards. „Eine ­rundum energetische Sanierung würde Summen kosten, die ein Club nicht auf einmal allein aufbringen kann, zumal die meisten nur temporäre Mietverträge haben“, sagt Geoffrey Vasseur vom Yaam. Dabei liege ihm und dem Yaam-Team, trotz ungünstiger Start- und Rahmenbedingungen, das Thema Nachhaltigkeit sehr am Herzen. 

Welche Maßnahmen bleiben also? „Bei der Licht- und Lasertechnik, zum Beispiel bei Projektionen, ist der Einsatz von LED-Leuchten entscheidend“, sagt Marcel Weber, Geschäftsführer des SchwuZ. Außer­dem nennt er intelligente Stromsteuerung für Be- und Entlüftungsanlagen oder Kühlungssysteme. Moderne Toilettenspülungen können laut Angaben von „clubliebe e.V.“ den Wasserverbrauch im Jahr halbieren, während Leckagen und tropfende Wasserhähne schon mal 3.000 Liter Wasser im Jahr verbrauchen. Im Yaam wiederum versucht man, bei der Gastronomie so grün wie möglich zu denken: keine Plastik­flaschen, keine Plastikstrohhalme, keine Einwegbecher- und Gläser – und, wenn möglich, nachhaltige Getränkemarken. 

Noch einmal Schlangestehen, diesmal an der Toilette. Ich warte schon zehn ewige Minuten, als vor mir vier Personen gemeinsam in der Kabine verschwinden. Scheiße. Das kann dauern.

Drogenkonsum gehört zum Berliner Nachtleben wie Techno und grantige Türsteher*innen. Laut einer im letzten Jahr veröffentlichten Studie der Senatsverwaltung für Gesundheit belegen unter den beliebtesten Rausch- und Suchtmittel der Berliner*innen Alkohol, Zigaretten und Cannabis mit 87,8 Prozent, 72,3 Prozent und 62,3 Prozent die vordersten Plätze. Auf weiteren Rängen folgen Amphetamin, MDMA, Kokain, Ketamin, LSD und GHB beziehungsweise GBL. Deutschlandweiter Drogen-Spitzenreiter ist Berlin allerdings nicht: Im Dortmunder Abwasser fanden Forscher*innen pro 1.000 Einwohner täglich 461 Milligramm des Kokain-Abbauprodukts Benzoylecgonin – in Berlin sind es nur 290 Milligramm.

Drogen sind dreckig

Während viele Clubgäste sich vegetarisch oder vegan ernähren, bei Produkten wie Kaffee oder Kleidung genau darauf ­achten, dass sie fair gehandelt und bio sind, verschwenden sie oft wenige Gedanken an die Herkunft ihrer Aufputschmittel. Wie weit eine Droge gereist ist, bevor sie in ­Berliner Clubtoiletten konsumiert wird, variiert je nach Produktionsort: Kokain gelangt aus Mittel- und Südamerika über den See- und Luftweg nach Europa, Heroin aus dem Mittleren Osten. Bekannte Schmuggelstrecken sind die Balkan- oder ­Spanien-Route, wie das Rauschgiftdezernat der Polizei auf Anfrage mitteilt. Cannabis aus Nordafrika k­ommt über den See- und Luftweg nach Berlin, Cannabis und Amphetamin aus den Niederlanden gelangen vor allem über das Straßennetz nach Deutschland und weiter nach Berlin. Auch Crystal wird aus den Laboren in Tschechien, ­Polen oder den Niederlanden meist auf dem Landweg nach Deutschland transportiert. Außerdem nutzen Dealer*innen das Darknet und den europa- und weltweiten Postversand für den Drogentransport. Rauschmittel aus regionalem Anbau? Fehlanzeige.

Bilanz einer Nacht
Foto: Müller-Stauffenberg / imago

Die ersten sind schon vor zwei Stunden ­gegangen, aber wir halten noch die ­Stellung. Holen uns eine letzte Limo, geben dem DJ noch eine Chance. Ist die Musik kraftlos geworden – oder sind wir es? Auf die Uhr mag ich nicht schauen. Meine Beine werden schwer. Sieht so aus, als war es das für heute Nacht. So lustig die Anreise zu Fuß war, so wenig Lust haben wir, nach Hause zu laufen. Ob irgendwer noch Geld für ein Taxi hat?

Wer verschwitzt und berauscht den Heimweg antritt, hat oft keine Lust, den Nahverkehr zu nutzen – oder vergisst, dass er ein Fahrrad besitzt. Die Konsequenz: „Der Verkehr im Bereich der ,Ausgehviertel‘, etwa auf der Achse von der Warschauer Brücke bis zur Prenzlauer Allee, hat in den letzten Jahren definitiv zugenommen“, sagt Leszek Nadolski, Vorsitzender der Berliner Taxi-Innung. „Nur wirkt sich das nicht auf die Anzahl der Taxen aus. Die Fahrgäste verteilen sich auf alternative Anbieter wie Uber, BerlKönig und CleverShuttle. ­Dadurch verdichtet sich der Verkehr spürbar, wie die Kollegen aus dem Nachtdienst berichten.“

Sonntagabend. Kopfschmerzen, Kater und Fertigpizza vom Späti. Gekauft von den ­letzten drei Euro im Portemonnaie. Das schlechte Gewissen meldet sich – des verschleuderten Geldes und der Unvernunft wegen. Klar, sehr verantwortungsvoll ist so ein Partyabend sicher nicht. Aber genau das sollte er ja auch sein: eine letzte Bastion der Sinn- und Sorglosigkeit im zermürbenden, durchoptimierten Alltag. Überhaupt ist auch dem Engagiertesten ein Leben ohne Widersprüche, und wenn er sich noch so sehr müht, nun einmal nicht möglich. Glaube ich.

Wie gewissenlos ist die Partyszene? Konstanze Meyer hat – gemeinsam mit Katharina Wolf und Hanna Mauksch, ebenfalls vom Verein „clubliebe e.V.” – in drei wissenschaftlichen Studien die Nachhaltigkeitsbereitschaft von Clubgästen und -betreiber*innen untersucht. Als drängendste Probleme für die Clubszene nannten die Befragten Gentrifizierung, die Benachteiligung von Frauen im Techno und ­Konflikte mit der Nachbarschaft an erster Stelle – Klima­schutz folgte auf dem letzten Platz. 

Was nicht heißt, dass es unter Raver*innen kein ökologisches Problembewusstsein gibt: 89 Prozent der Befragten wollen, dass Clubbetreiber*innen für eine klimagerechte Partyszene aktiv werden. Auch Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommis­sion, sagt: „Clubkultur in Berlin ist nicht nur reiner Konsum, die Gäste erwarten ein anspruchsvolles Booking und eine Haltung zu soziokulturellen Themen.“

Clubs wollen Klimaschutz 

Die Clubbetreiber*innen, so ergab die Studie von „clubliebe e.V.“, finden Klimaschutz ebenso wichtig – nur kam aus der Politik bislang wenig konkrete Unterstützung. Das soll sich nun ändern. Im Rahmen des „Berliner Energie- und Klimaschutzprogramms 2030“ stellt der Senat Geld für Nachhaltigkeitsinitiativen für Clubs zur Verfügung. Ende Januar startete nun ein gemeinsames Projekt des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und des Vereins „clubliebe e.V.“, das mittels Beratungsangeboten den Klimaschutz in der Clubszene der Stadt vorantreiben will.

Georg Kössler
Gern auch mal bis 10 Uhr morgens. Georg Kössler von den Grünen im Kater
Foto: Patricia Schichl

Georg Kössler, klima- und clubpolitischer Sprecher der Grünen, plädiert dafür, der Welt nicht nur vorzuleben, wie toll ­Partys im Techno-Epizentrum Berlin sein können – sondern auch wie klimafreundlich. „Es ist wichtig, das Signal zu senden, dass Feiern in Berlin ökologischer als ­anderswo abläuft“, sagt er. Bleibt ­dabei nicht die Leichtigkeit, die Freiheit auf der Strecke? „Für mich ist es eine Form von Freiheit, mir beim Feiern keine Gedanken darum machen zu müssen, dass ich gerade Ressourcen verschwende“, sagt er.