Berlin lieben

»Wie Sid und Nancy«

Zweimal fuhr Redakteurin Julia Lorenz schulterzuckend nach Hause. Dann verliebte sie sich doch noch

Moabit
Foto: flickr/Klaas Brumann

2009 Berlin, ich muss dir gestehen: Nein, das war keine Liebe auf den ersten Blick. Mit 15 Jahren latschte ich auf Stadttour mit meinen Eltern über den Potsdamer Platz, der mir, der Provinzlerin, damals vorkam wie eine langweilige Version von Gotham City, und dachte: aha. Wenige Jahre später irrte ich auf Klassenfahrt durch die Hochhausschluchten um das Axel-Springer-Gebäude, stand vor dem Brandenburger Tor, beglotzte den Fernsehturm und fühlte: nichts. Eine Stadt aus disparaten Versatzstücken, die sich nicht zu einem Gesamtbild fügen mögen, so sah ich Berlin. Zweimal fuhr ich schulterzuckend nach Hause.

Dann lernte ich auf einer Reise meine Freundin R. kennen. Sie kam aus Berlin, und wir mochten uns sofort. Als der Sänger Pete Doherty, für uns damals der größte lebende Rockstar, 2009 auf dem Berlin-Festival auftreten sollte, lud sie mich ein. Mit ihrer Mutter wohnte R. in Moabit, und was ich dort fand, löste eine nie gekannte Sehnsucht in mir aus.

Der Norden von Mitte, das war Spannung unter rauer Oberfläche. Die Lautstärke der Turmstraße, die Altbauzeilen, die Ramschläden. Die schönen Menschen mit ihren irren Frisuren, die finsteren Kids im Kleinen Tiergarten, der Bäcker, der Waren vom Vortag zum halben Preis verkauft. Die Spree, das Ufer und diese herrlich zweckfreie Geschäftigkeit, wie ich sie nur aus dem Urlaub im warmen Süden kannte: Ich liebte alles. So kalt, wie mich die Stadt bislang gelassen hatten, so sehr elektrisierte mich dieses schwer greifbare Lebensgefühl zwischen Hektik und Laissez-faire. Schnell unterwegs sein ohne genau zu wissen, wo man ankommen mag, so hatte ich mir mein Leben vorgestellt. Ich wollte weiter an der Fassade Berlins kratzen, bis etwas zum Vorschein kommt, das ganz allein mir gehört.

Auf dem Berlin-Festival spielten die Bands in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Ich guckte über das gewaltige Feld und konnte nicht fassen, dass es einen Ort wie diesen gibt, mitten in der Stadt. Abends zogen R. und ich durch Kreuzberg, aßen Schawarma und tranken schlechte Cocktails. Wenn wir länger als ein paar Minuten auf eine Bahn warten mussten, rollte R. mit den Augen und schlug vor, lieber Bus zu fahren. Ich musste ein bisschen lachen, wenn ich daran dachte, dass ich zu Hause in Sachsen jedes Wochenende eine halbe Stunde zur Regionalbahn lief, um überhaupt in die nächstgrößere Stadt zu gelangen.

Foto: David von Becker

Berlin und ich, wir lernten uns kennen, kurz bevor es seine Unschuld verlor, bevor es begann, große Not am eigenen Mythos zu leiden. Noch gab es das Tacheles, die Bar25, die billigen Mieten in Neukölln. Alle wollten nach Berlin. Nun auch ich. Auf der Rückfahrt weinte ich ein bisschen im Zugklo, weil ich nicht fort wollte. Und ein Jahr später sollte ich schließlich zurückkehren: mit einem Auto voller Umzugskartons.

Es ist schon lustig, dass mir heute so vieles in dieser Stadt, was mir einst das Herz übergehen ließ, wahnsinnig auf die Nerven fällt. Die Styler mit ihren gemusterten Söckchen und blöden Sonnenbrillen. Der Dauerstress, die langen Wege. R. ist noch immer eine meiner besten Freundinnen, aber heute bin ich die Person, die am heftigsten mit den Augen rollt, wenn die Bahn nicht kommt. Berlin und mich, uns verbinden nun acht Jahre Geschichte. Nach manch exzessivem Wochenende denke ich, wir sind wie Sid und Nancy: Heftig verliebt, aber am Ende bringen wir uns noch ins Grab. Im Alltag wiederum komme ich mir oft vor wie eine müde Ehefrau, die beim Sex die Socken anlässt. Irgendwo dazwischen liegen Momente riesigen Glücks. Noch immer.


Hilft gegen Liebeskummer: Gäste einladen

Wie gut ich es in Berlin eigentlich habe, merke ich immer, wenn mich Freunde oder Verwandte von außerhalb besuchen. Dann nämlich wird man zur Goldgräberin in der eigenen Stadt, um den Gästen ein feines Besuchsprogramm zu bieten. Man testet neue Clubs oder Galerien, verbringt Stunden in schönen Cafés, kurz: tut endlich mal wieder alles, was diese Stadt so lebenswert macht.

 

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