Was mich beschäftigt:

Wieviel Eskalation darf’s sein?

Ey, Vollmeise, oder was? Ich will mit dem Auto in die Straße einbiegen, in der ich wohne. Geht aber nicht. Auf der Gegenfahrbahn staut sich der Verkehr, ein weißer Lieferwagen hält vor meiner Straße, vor sich anderthalb Meter Platz. Der Fahrer guckt zu mir rüber, wie ich hilflos herumblinke, rührt sich aber nicht. Ich mach Gesten und Gesichter: Ob er vielleicht, hm? Ein bisschen nach vorn? Damit ich vorbei? Der Typ guckt nur, nicht sauer oder genervt, nicht belustigt, ein Typ Mitte 30, schwarze Wollmütze und so richtig mit Hass.

Okay, zuhause. Erst mal Zeitung lesen. Brände in Kalifornien, Zyklone über Java. Sonderermittler Mueller findet neue Indizien für Russlands Einmischung in US-Wahlen. Weihnachtsmärkte jetzt neu mit Betonpollern: Alarm in Potsdam wegen verdächtigen Päckchens, Alarm in Charlottenburg wegen Munitionsfund.

Okay, anderntags raus nach Brandenburg. Habe mir vorgenommen, trotz Berufsverkehrs ruhig zu bleiben, und höre extra Cellomusik. Ey, die Typen, die zweite Reihe alles zuparken! Habe gelesen, die Verdichtung der Innenstädte stresse die Bewohner. In den vergangenen zwei Jahren sollen so viel Menschen nach Berlin gezogen sein, wie in Lübeck oder Magdeburg wohnen. Fahre besonnen in den Tiergartentunnel ein. Überholt mich einer von rechts. Mit wohl 100 Sachen. Schert vor mir ein, rutscht im Tunnel ganz nach links, knallt fast gegen die Wand. Reifen quietschen, der Wagen schlingert davon. Ey, hakt’s?

Brandenburg. Eine Flagge in Schwarzweißrot mit NS-Adler drauf. Der hing doch schon zur Wahl mal hier. Wer erstattet Anzeige? Icke jetzt? Gibt’s hier keinen örtlichen Sozialdemokraten?

Das Radio sagt, Martin Schulz will jetzt doch GroKo, AfD-Wähler finden Lindners Rückzug dufte.

Jeden Morgen nehme ich mir vor, konzentriert zu arbeiten, eins nach dem anderen. Auf dem Twitter-Account trollt einer rum. Das geht auf @zitty_Art seit den Kunst-Bussen am Brandenburger Tor immer mal wieder so, schimpf, pöbel, knöter, Merkel und Flüchtlinge an allem schuld. Der hier schreibt jetzt über die Theatergruppe Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) und von „Nazi-Berlin“. Wie jetzt nazi, in Berlin regiert R2G. Ich muss mir auf die Finger hauen, damit ich nicht zurücktrolle. ICEs fahren jetzt in dreieinhalb Stunden von München nach Berlin. Ich glaub’, ich muss noch mehr meditieren. Drei Zentimeter Schnee, und der Berliner Verkehr bricht zusammen.

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Diesmal: Claudia Wahjudi

Auch das ZPS schickt News. Zu seinem Nachbau des Holocaust-Mahnmals vor dem Haus von AfD-Politiker Björn Höcke in Thüringen. Zur angeblichen Bespitzelung von Höcke. Videos von Pöbeleien vor der Wohnung des ZPS neben Höckes Haus. Zu Höckes angeblicher DNA. Das ZPS hat einen Eskalationsbeauftragten.

Trump entscheidet, die US-amerikanische Botschaft soll nach Jerusalem ziehen.­ ­Hamas-Chef will neue Intifada.

Ich wünsche mir einen Deeskalationsbeauftragten.

Wann war es – und warum eigentlich – hierzulande so weit, dass es als kitschig galt, ­Gan­dhis gewaltfreien Marsch gegen das Salzmonopol der britischen Besatzung gut zu finden oder Martin Luther Kings Adaption von ­Gandhis Methode? Wenn Sie Antworten und Vorschläge zum weiteren Vorgehen haben, gern an @zitty_Art.