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Wildes Herz

„In einem Zeckenviertel wie Berlin-Kreuz­berg wäre ich wohl der unpolitischste Typ weit und breit gewesen. Aber bei uns zu ­sagen: ,Ich find’ Nazis scheiße!ʻ – damit ist man schon die absolute Vollzecke. Das sind ganz andere Relationen.“ Markige ­Worte von Jan „Monchi“ Gorkow, dem Sänger von Feine ­Sahne Fischfilet. Sätze mit viel Wahrheit und einem kleinen Fragezeichen.

Foto: Neue Visionen

Wahr ist, dass ein Positionieren gegen rechts in der mecklenburgischen Heimat der Band viel mehr Mut und Kraft erfordert als in ­linken Berliner Komfortzonen. Nur das mit dem „unpolitischen Typen“ nimmt Gorkow keiner mehr ab, der in den letzten Jahren die Entwicklung der Band und besonders die von Monchi als ihrem Frontmann verfolgt hat. Feine Sahne Fischfilet zählen zu den Aktiv­posten der Musikszene, wenn es darum geht, Kante zu zeigen gegen rechtsnationale, völkische Stimmungs­macherei, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Und sie sind mittlerweile drauf und dran, mit ihrer „Antifaschistischen ­Bierzeltmusik“ (Selbstzuschreibung), einer Kraftrock-Punk-­Mucke mit unmissverständlichen Texten, erfolgreich im Mainstream anzukommen. Der Schauspieler Charly Hübner („Polizei­ruf 110“, „Mag­ical Mystery“) hat mit ­„Wildes Herz“ – zusammen mit seinem Koregisseur Sebastian Schultz – seinen ersten langen Dokumentarfilm nun ausgerechnet über Monchi und Feine ­Sahne Fisch­filet ­gedreht, mit Monchi ist er seit ­Jahren gut befreundet.

Das Timing ist gut, das Ergebnis noch besser. „Wildes Herz“ ist das intime und ­zugleich energiegeladene Porträt eines ­jungen Mannes aus der Provinz, der mit seiner Band für linke Ideale steht: ­Haltung, Klarheit und Zusammenhalt. Und dessen Leidenschaft es ist, mit Musik, Texten und schweißtreibenden Bühnenshows dies an sein Publikum weiterzugeben.

Das Wort „weitergeben“ benutzt ­Charly Hübner auch im Interview, um zu erklären, warum Monchi Dreh-und Angelpunkt des Films geworden ist. „Für mich ist er eine ­tolle Filmfigur, von der ich gerne erzähle und die ich gerne an das Publikum weitergeben möchte.“ Über 180 Stunden Film­material standen Hübner und Schulz am Ende zur Verfügung, der Dreh ging mit Unterbrechungen von 2014 bis zum Herbst 2016.
„Wir haben uns im Schnitt ­entschieden, alles über die Figur ,Jan Gorkowʻ zu erzählen, damit man das ganze Spektrum dieser Energie versteht. Er hat etwas, was viele von uns nicht mehr haben: Er hält mit nichts hinter dem Berg. Und das in einer Zeit, die von einem immer stärker verlangt, sich zu positionieren: Du machst Karriere! Du bist gegen das System! Das macht er nicht, er ist einfach er und nicht der, der er sein müsste und den ganz viele um uns herum – Kapita­listen, Politiker, Ideologen – ihm als Muss aufschwatzen möchten. ­Monchi steht einfach für sich selbst.“

Dass in Monchi schon früh viel ambivalente Rebellion steckte, bereitete ­den Eltern Gorkow schlaflose Nächte. Er schloss sich dem harten Fan-Kern von Hansa Rostock an, als 14-Jährigen mussten sie ihn nach einem Auswärtsspiel mit Randale in Dortmund bei der Polizei abholen, und das war erst der Auftakt zu seiner Ultra-Zeit, in der er viel Scheiße baute. Hübner und Schultz gehen mit diesem besonders für die Eltern heiklen Thema sehr sensibel um. Die reden im Film dann so unglaublich offen darüber, wofür wiederum Hübner großen Respekt zollt: „Die Eltern hatten im Film den Mut, sich dieser ganzen krassen Pubertät ihres Jungen zu stellen. Und das dein Kind sich so radikal mit staatlichen Stellen anlegt, das musst du als Eltern erst einmal verknusen.“ Diese sehr privaten Momente im Film beeindrucken, weil sie die besondere Chemie zwischen allen Beteiligten zeigen.

Und dass Hübner als gebürtiger Mecklenburger ein genaues Gespür für das Land hat, dessen Leute und Mentalität, bewies er bereits 2013 in einem für das ­Fernsehen gedrehten Kurzporträt über Mecklenburg-­Vorpommern, in dem Monchi sein Heimatverständnis bereits trocken auf den Punkt brachte: „Erstmal ’n geiles Meer. Aber auch 40.000 Rassisten, die NPD wählen.“

„Wildes Herz“ endet im Herbst 2016 mit einem von Feine Sahne Fischfilet orga­nisierten Open Air in ihrer ­Heimatregion, „Wasted In Jarmen“, am Vorabend zur Landtagswahl in ­Mecklenburg-Vorpommern, als Abschluss ihrer Kampagne namens „Noch nicht komplett im Arsch!“. Den Rechtsruck durch die AfD konnten sie zwar nicht ­verhindern, aber Kleinbeigeben läuft bei Monchi nicht: „Auch wenn es in den nächsten fünf Jahren beschissener wird, hier geht noch was. Hier gibt es geile Leute, die was reißen.“ 

D 2017, 90 Min., R: Charly Hübner, Sebastian Schultz

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