Kunst

Wilson Díaz

Macht macht Musik: Der Kolumbianer und DAAD-Stipendiat Wilson Díaz stellt in seiner Arbeit „Chimera“ Plattenhüllen aus zwei Jahrzehnten aus

Auf den ersten Blick könnte der Besucher glauben, er befinde sich in einem Plattenladen. Der 54-jährige Kolumbianer Wilson Díaz, derzeit Stipendiat im Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), sammelt Schallplatten aus den 1970er- bis 1990er-Jahren. Eine ganze Reihe davon hängt nun an der Längswand der Kreuzberger Daad-Galerie. Bis unter die Decke hat er sie auf acht lange, übereinander angebrachte Holzschienen gestellt. Im Hintergrund läuft südamerikanische Musik.

Wilson Diaz, Chimera, Ausstellungsansichten daadgalerie Berlin. Foto: Jens Ziehe

Die beiden großformatigen Aquarelle im Raum fallen erst auf den zweiten Blick ins Auge. Eines zeigt einen jungen Soldaten in Kampfanzug, auf dem anderen stellt sich ein futuristisch anmutender Krieger einem außerirdischen Monster entgegen. „Chimera“ heißt die Installation des Malers, Video- und Installationskünstlers, was soviel wie „Schreckgespenst“ oder „Schimäre“ bedeutet. Denn die Schallplatten spiegeln nicht etwa den Musikgeschmack des Künstlers wider. Vielmehr zeigen sie, wie die Mächtigen über Jahrzehnte populäre Musik eingesetzt haben, um das Volk zu verführen.
Damals haben ganz unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen Schallplatten herausgegeben, um für ihre Interessen zu werben: Gewerkschaften und Kirchen, Parteien und Konzerne, Militär und Drogenkartelle. Auch Bayer und Mobil haben dort Platten veröffentlicht.

Kolumbien 1960-2000

Ob klassische und religiöse Musik, ­„Spanish-­Rock“ oder „Politrock“, Pop oder traditionelle Folklore: Nahezu jede Richtung haben die Beteiligten für ihre Zwecke missbraucht, wie Wilson Díaz’ Sammlung zeigt. Die Ausstellung verrät auch, welche Künstler sich für welche politische Kraft vor den Karren spannen ließen. In einem krisengeschüttelten Land wie Kolumbien dürfte das für die Betroffenen nicht unproblematisch gewesen sein. Denn nicht nur Korruption und Misswirtschaft prägten das südamerikanische Land. Die Zeit zwischen den 1960er- und den frühen 2000er-Jahren steht auch für die Aushöhlung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Kolumbien, für eine Zeit, in der die Drogenmafia und die Guerilla die Macht übernahmen.
Überrascht erfährt der Besucher, dass das kolumbianische Militär nicht nur Musik produzierte, sondern sogar eigene Bands zusammenstellte. Die Combo „Hombres de Acero“ (Männer aus Stahl) versuchte etwa, mit harter Rockmusik junge Männer zum Eintritt in die Armee zu bewegen.

Platten auflegen lassen

Pop ist also alles andere als unpolitisch, wie die so sinnliche wie engagierte Ausstellung „Chimera“ zeigt. Nicht zuletzt ruft sie dazu auf, zu erforschen, welche politische Rolle die Popkultur in unserer Gesellschaft spielt. Davon können sich Besucher vor Ort überzeugen: Lassen sie eine Schallplatte auf dem bereitstehenden Plattenspieler abspielen, entfaltet die Musik – ganz „anhörlich“ – ihre sinnlich-verführerische Kraft. 

 

Bis 29.10.: Daad-Galerie, Oranienstr. 161, Kreuzberg, Di–So 12–19 Uhr, Eintritt frei