Beatles oder Stones?

»Wir haben einfach nur Sex drauf geschrieben«

Die ehemaligen Chefredakteure Kevin Cote (ZITTY) und Karl Hermann (tip)  über alte Rivalitäten, Kreuzberger Biotope und die Zukunft von Stadtmagazinen

Interview: Eva Apraku und Friedhelm Teicke

Liebe Ex-Chefs, dass die beiden Berliner Stadtmagazine zusammen Jubiläum feiern, ist etwas, das vor Jahren noch unvorstellbar war. Karl Hermann, du selbst hast auf Facebook die gemeinsame Geburtstags-Veranstaltung so kommentiert: „Zu meiner Zeit hatten Zitty-Redakteure Hausverbot.“ War das denn wirklich so feindselig zwischen euch?

Karl Hermann: Offiziell würde ich dazu stehen. Aber nein, das ist natürlich Quatsch. Es war ja so, dass die beiden Stadtmagazine sich schon aus Selbstschutz überlegt haben: Wie teilen wir die Stadt auf? An den Grenzlinien gab es ab und zu mal Konflikte, aber im Großen und Ganzen hat man doch in friedlicher Koexistenz gelebt.

Kevin Cote: Tatsächlich haben wir beide uns regelmäßig ausgetauscht, aber nicht sehr oft. Also nicht alle zwei Wochen, aber mindestens zwei bis dreimal im Jahr, mitunter auch über geplante Titelstorys, damit wir nicht womöglich mit derselben Geschichte am Kiosk liegen.

die ehemaligen Chefredakteure Karl Hermann (links) und Kevin Cote (rechts)
Foto: Lena Ganssmann

Es war also eher eine sanfte Konkurrenz?

Cote: Nein, ich hätte gerne die Auflage von Karl gehabt, 150.000 Leser (lacht). Tatsächlich waren wir uns beide niemals feindlich.

Hermann: Das änderte sich in den Nullerjahren. Das Verhältnis zu ZITTY wurde unter späteren Chefredakteuren eher schlechter. Zu unserer Zeit war es sehr gut, muss man sagen. Es war ja wunderbar – nicht nur überspitzt gesagt –, dass die Stadt für uns nicht nur geografisch aufgeteilt war, sondern dass wir auch inhaltlich sehr schön abgegrenzt agierten: ZITTY hat eher die stadtpolitisch Interessierten mitgenommen. Das lag wahrscheinlich daran, dass ZITTY sich zu einer Zeit gründete, als die TUNIX-Bewegung sehr stark war, aus der viele alternative Projekte erwuchsen. Das war auch gewissermaßen der Anfang der Hausbesetzer-Bewegung.

Und beim tip?

Hermann: Die Gründung des tip fünf Jahre zuvor fiel noch in eine leicht andere Generation hinein, die 68er waren eigentlich bereits vorbei. Man hat sich eher um Kultur, vor allem Kino und Off-Kino gekümmert. Die ganze Off-Kultur wurde ja damals von den etablierten Medien nicht nur relativ stiefmütterlich behandelt, sie wurde gar nicht behandelt. Der „Tagesspiegel“ etwa hatte zwar zwei Seiten mit Gottesdiensten drin, aber alles andere, jenseits der großen Häuser, blieb außen vor.

Kevin Cote, erster Chefredakteur der ZITTY
Foto: Lena Ganssmann

Cote: Daher hatte damals ein Medium auch eine gewisse identitätstiftende Funktion. Du bist in Berlin und entscheidest dich für eine bestimmte Tageszeitung oder in unserem Fall eine Stadtillustrierte. Bist du vor allem ein filmbegeisterter Mensch oder eher politisch interessiert? Darin entscheidete es sich bereits, ob du eher den tip oder die ZITTY liest.

Hermann: Das Tolle war, wenn du nach Berlin kamst – und so ist es mir selbst ergangen – fragte man sich beim Kennenlernen: Was liest du? ZITTY oder tip? Im Prinzip konnte man schon aus der Antwort schließen, was für ein Mensch das Gegenüber ist. Da konnte man sich die vielen Fragen, die man heute bei Parship oder so ankreuzen muss, schenken. Da wusstest du sofort – ZITTY, aha, Ofenheizung, wohnt in Kreuzberg in einer WG, hört Ton Steine Scherben. Der tip-Leser war hedonistischer, neigte dann doch eher mal dazu, einen Chardonnay zu trinken. Das Image hatte aber auch viel mit der Druckqualität zu tun; tip war eher Hochglanz und bunt, ZITTY eher Altpapier und Schwarz-Weiß.

Aber stimmte das noch in den 90er-Jahren, als ihr Chefredakteure wurdet?

Cote: Ja, in der Tendenz stimmte das weiterhin. Doch es spielte auch der Zufall eine Rolle, welches Magazin man am Kiosk kaufte. Wenn man nach einem Urlaub zurück in die Stadt kam, kauften viele das jeweils gerade aktuellere Heft, da wir beide ja versetzt zweiwöchig erschienen. Und man behielt den Rhythmus dann bei, bis man mal wieder länger verreiste. Aber es gab auch immer die Leser, die sich entschieden haben: Ich kaufe nur die ZITTY oder nur den tip.  Das hatte übrigens auch etwas mit den Kleinanzeigenmarkt zutun. Die Teile waren in beiden Magazinen üppig, aber ZITTY hatte wesentlich mehr Psycho- und Bürgerinitiativen-Anzeigen, der tip mehr Computer und Elektronik.

Hermann: Ja, aber nicht nur in den Kleinanzeigen, auch die Anzeigen als solche. Wir hatten ganz viele Computer-Anzeigen, bis zu 18 Seiten hintereinander weg – ganz ohne dass es irgendeinen redaktionellen Input dazu gab.

Ihr wart ja beide Chefredakteure zu einer Zeit, als die Auflagen beider Hefte noch richtig gut waren, aber es dann erstmalig einen Knick nach unten gab. Hat das den Konkurrenzdruck unter euch verschärft?

Hermann: Eigentlich nicht, denn Im Grunde genommen war schon Mitte der 90er der Peak überschritten. Vielleicht war er sogar schon in den 80ern überschritten, aber durch die Wende gab es nochmal einen ganz neuen Markt. Aber es war doch so, dass nicht nur die Tageszeitungen inzwischen bemerkt hatten, dass sie da ein ganzes Segment links liegen gelassen haben und sie es sich auch nicht mehr leisten konnten, das zu Ignorieren. Und dann kam natürlich spätestens seit Mitte der 90er das Internet hinzu. Die Exklusivität, die Stadtmagazine in den 70ern und 80ern hatten, hat es in den 90ern nicht mehr gegeben.

Immerhin waren beide Titel lukrativ genug, dass sie Ende der 90er-Jahre von zwei Großkonzernen gekauft worden sind. Der tip kam zu Gruner & Jahr mit der „Berliner Zeitung“, die ZITTY zu Holtzbrinck mit dem „Tagesspiegel“.

Cote: Das waren zum Teil auch marktstrategische Gründe. Die wollten einfach Anzeigenvolumen für sich sichern. Als die ZITTY verkauft wurde und ich die ersten Gespräche mit der Holtzbrinck-Geschäftsführung gehalten habe, haben die relativ wenig von dem Konzept Stadtillustrierte verstanden. Das was wir jahrelang gemacht und eingeführt haben, war ihnen völlig fremd.

Ex-tip-Chefredakteur Karl Hermann
Foto: Lena Ganssmann

Hermann: Ich war ja, bevor ich zum tip kam, fünf Jahre beim „Prinz“, wo die Kultur schon eine vollkommen andere war. Stadtmagazine leben ja ganz stark davon, dass sie eine Art von Authentizität erzeugen konnten, die aus der Szene kam. Und der „Prinz“ kam von oben, die wollen einfach nur rein ins Segment Stadtmagazin. Das hat in Berlin von Anfang an nicht richtig funktioniert. Diese gewisse Authentizität, die kann man nicht künstlich erzeugen.

Wie wichtig waren die Titelgeschichten?

Hermann und Cote: Sex Sells!

Hermann: Aber das durftest du nicht zu oft machen.

Cote: Wir hatten einen Sex-Test gemacht. Berlins allerersten Sex-Test. Sex hat immer gut funktioniert.

Der tip 14/99

Hermann: Wir haben das auch gemacht. Aber wir haben es besonders bescheuert gemacht oder raffiniert oder wie man will. Wir haben einfach nur Sex drauf geschrieben. Schwarzes Cover: Sex. Mal sehen, ob es funktioniert. Und es funktionierte: 10.000 verkaufte Hefte mehr.

Cote: Bei unserem Sex-Test hatten wir vielleicht 2.000 oder 3.000 mehr.

Hermann: Was bei uns auch gut gelaufen ist, war eine Drogengeschichte, bei der ich es irgendwie geschafft hatte, die Druckerei dazu zu bringen, ein Cannabis-Öl – allerdings THC-frei – als Riechfarbe auf das Titelbild zu bringen, bei dem man den Haschisch-Duft freirubbeln konnte. Und innen hatten wir diverse Cannabis-Sorten getestet oder testen lassen. Das gab natürlich wahnsinnig viele empörte Leserbriefe, aber das Heft hat sich sehr gut verkauft.

Ernsthaftere Servicegeschichten sind hingegen im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Stimmt dieser Eindruck?

Cote: Ja, es war aber immer umstritten, inwieweit dieser Service die stadtpolitische Berichterstattung dominieren darf. Wir hatten leider nie das Geld, um tatsächlich investigativ zu arbeiten und einen Reporter zwei, drei Monate an eine Geschichte zu setzen, um ausgiebig zu recherchieren. Wir konnten das nur stemmen, wenn der Kollege teilweise auf eigene Kappe und Rechnung loslegte, so wie Mathew D. Rose, der für uns die Olympiageschichte über die dilettantische Bewerbung Berlins recherchierte, bei der Steuergelder sinnlos verschleudert wurden …

Chefredakteure just wanna have fun…
Foto: Lena Ganssmann

… was immerhin zur Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses führte.

Cote: Ja, aber sonst hatten wir mehr eine kommentierende Funktion, was die Stadtpolitik angeht. Es gab in der Verlagsgruppe später auch die Ansicht, dass diese kostenintensiven Geschichten wenig bringen, weil damit kaum mehr Hefte verkauft werden. Was teilweise auch stimmte, Servicethemen goutierten die Leser mehr.

Die investigativen Geschichten waren meist von Prozessen begleitet, aber sie haben keine Leser gebracht?

Cote: Ja, anders als bei „Stern“ oder „Spiegel“ hatten die Titelgeschichten kaum Einfluss auf die Auflage, das waren höchstens ein paar tausend Hefte plus oder minus.

Hermann: Die Kulturgeschichten waren für uns immer das Futter, um die Kompetenz zu untermauern. Der Dialog mit den Künstlern spielte auch immer eine gewisse Rolle, weil sehr viele Kunstschaffende hier in Berlin immer eines dieser beiden Stadtmagazine gelesen haben. Der tip hatte immer einen großen Filmteil, er hat sich ja auch aus einem Filmmagazin heraus entwickelt. Vielleicht ist das auch ein Teil der unterschiedlichen Profilierungen zwischen tip und ZITTY, dass wir insgesamt mehr die Großkultur im Fokus hatten, während ZITTY immer eher das Trüffelschwein war. Darüber war ich auch ein bisschen neidisch: Ihr konntet die Szene sehr viel glaubwürdiger abbilden als wir, weil ZITTY selbst „szeniger“ war, ein bisschen schmutziger, das Kreuzberger Biotop spielte einfach eine größere Rolle.

Foto: Lena Ganssmann

Stadtmagazine als Gegensätze – über die Entstehungsgeschichte von tip und ZITTY