Bühne-Porträt

Wir sind aus Sprache gemacht

Martin Heckmanns ist nicht nur ein sehr erfolgreicher Dramatiker, er ist auch ein sehr guter. Im DT sollte jetzt mit „Kommt ein Mann zur Welt“ eines seiner komischsten Stücke Premiere haben

Wie definiert man einen Erfolgsautor? Bei Martin Heckmanns vielleicht so: Autor von einem knappen Dutzend Theaterstücken, die in über zehn Ländern inszeniert wurden. Gleich acht Bühnen haben in dieser Spielzeit „Das wundervolle Zwischending“ im Spielplan, bereits 2002 wählte eine Kritiker-Jury Heckmanns zum „Nachwuchsdramatiker des Jahres“, und drei seiner Werke kamen 2007 an großen Bühnen zur Uraufführung: in Stuttgart „Wörter und Körper“, in Düsseldorf „Kommt ein Mann zur Welt“ und am DT „Ein Teil der Gans“.

Vielleicht noch das: Geboren in Mönchengladbach. 36 Jahre alt. Studierter Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler. Magisterarbeit über den Witz in der Frühromantik. Lebt in Berlin. Was weiß man damit?

Er ist erfolgreich, ja. Aber was ist schon Erfolg? In „Kommt ein Mann zur Welt“ telefoniert Bruno, der Protagonist, einmal mit Rob, dem „Leiter des Lebensberatungsstudios Provitalofen“. Rob sagt: „Du willst Erfolg.“ – Bruno: „Wahrscheinlich, ja.“ „Und in fünf Jahren, wo willst Du da sein?“ – „Manchmal will ich einfach nur tot sein.“ – „Ist das Erfolg? Nein.“ – „Kommt drauf an.“

Kommt drauf an. Aber worauf genau? Das ist Brunos Frage, und nicht nur seine. Das Bruno-Leben gleicht entsprechend einem Gemischtwarenladen aus ungeordneten Gefühlen und halbfertigen Gedanken, und nicht nur sein Leben ist so. Dennoch ist dieser Bruno, dessen irdische Existenz der Text von der Geburt bis zum Sterben im Zeitraffer darstellt, keine aus der Wirklichkeit herauskopierte Figur, sondern ein Zwitterwesen, angesiedelt zwischen Wiedererkennbarkeit und Verfremdung. In einem Stück, das einer Verwechslungskomödie ähnelt. Nur, dass sich hier keine Figuren, sondern das Selbst-Sein mit dem Fremd-Sein und die Kunst mit dem Leben verwechselt. Auch deshalb sind Dialoge mit Kommentaren, narrative mit lyrischen Passagen gemischt.

Wie leben und warum?

„Ich will im Theater lieber unwahrscheinliche Existenzen kennen lernen und von fremden Möglichkeiten erfahren als immer nur die Bestätigung, dass der Mensch so ist, wie ich ihn schon zu kennen glaube“, sagt Heckmanns. Man sehe auf Bruno, und man weiß, was er meint; man schaue auf den psychologischen Realismus des Fernsehens und weiß, was nicht gemeint ist. Die tradierten Erwartungen, Hoffnungen, Illusionen befragen statt bestätigen, darum geht es Heckmanns. Sein Thema ist: „Wie leben und warum?“

Von Anfang an. „Ich wache auf / manchmal / wache ich auf / und liege neben dem Bett / und suche nach Erklärungen.“ Das sind die ersten Worte jenes jungen Mannes, der in Heckmanns erstem Stück spricht. „Finnisch“, ein Monolog, dessen Uraufführung 1999 am Stadttheater Herford stattfand. Wer kennt Herford? Heckmanns kannte damals auch kaum jemand.

Das hat sich rasch geändert. „Disco“ kam zwei Jahre später bereits am seinerzeit für die Freie Szene so wichtigen und inzwischen geschlossenen Dresdner Theater in der Fabrik heraus, „Kränk“ lief 2004 am Schauspiel Frankfurt, „4 Millionen Türen“ im gleichen Jahr am Deutschen Theater. Heckmanns bekam allerlei Preise, reichlich öffentliche Wahrnehmung und viel Zuspruch. Das Problem war nur: die Inszenierungen gingen oft schief. „Anrufung des Herrn“ – eine Nummernrevue, „4 Millionen Türen“ – eine platte Satire, „Wörter und Körper“ – ein Missverständnis. Und „Ein Teil der Gans“, im vergangenen Oktober von Philipp Preuss in den Kammerspielen des DT uraufgeführt – ein Desaster. Die Regien von Simone Blattner in Frankfurt und von Rafael Sanchez bei der Uraufführung von „Kommt ein Mann zur Welt“ sind Ausnahmen, sonst jedoch müssen Heckmanns Texte meist arge Trivialisierungen ertragen. Denn stets scheint das Theater in ihnen nach einem Anker im Realistischen zu fahnden, den sie gerade nicht liefern. „Aufgabe der Kunst ist es, die Wirklichkeit unmöglich zu machen“, heißt es programmatisch in „Das wundervolle Zwischending“.

Zwischendinge wollen seine Stücke immer sein: unerklärlich und deshalb so aussagekräftig. „Die schönsten Inszenierungen waren die“, sagt Heckmanns, „bei denen ich den Eindruck hatte, dass das Ganze mehr war als die Summe der Teile.“ Bei denen etwas zur Sprache kommt, das im Zwischenraum der Wörter zu Hause ist.

Der Sprachphilosoph unter den jüngeren Dramatikern

Überhaupt, Heckmanns und die Sprache. Er ist der Sprachphilosoph unter den jüngeren Dramatikern. Die frühen Stücke sind Sprach-Experimente im besten Sinne, seine jüngsten entwickeln ihre Komik aus der Differenz zwischen dem Gesagten und Gemeinten. Und doch ist diese Komik frei von Angestrengtheit, weil sie auch aus der Musikalität der Sprache geboren wird. „Wo bin ich, wenn ich denke? Was liegt in meiner Hand? Wem nützt der Mond?“, wundert sich Bruno. Es ist dieser bestimmte Rhythmus, der besondere Sound, die solche Fragen vor dem Kitschverdacht bewahren.

So wundert es nicht, dass Heckmanns ein Musiker ist (und im Februar in der DT-Box nicht nur lesen, sondern auch singen wird). In Bands gespielt und Songtexte verfasst hat er lange, bevor er für das Theater schrieb. Vielleicht wirken seine Texte deshalb wie genau gesetzte Akkorde, die den Resonanzboden der Sprache, die Gegenwart, das Vergangene, die Zukunft der Worte, zum Schwingen bringen.

„Die Sprache ist älter als wir“, heißt es einmal. Man könnte auch sagen: Wir sind aus Sprache gemacht, von Worten durchsetzt. Ich ist mit Ich im Dauergespräch. In „Kommt ein Mann zur Welt“ treten deshalb „Stimmen“ als Erzählerfigur auf – und als „Ausländer im Kopf“ des Bruno. „Ist das noch Krankheit oder bin das schon ich?“, fragt sich dieser Bruno, den bei Hanna Rudolph Samuel Finzi spielen wird. Finzi in einem so klugen wie komischen Heckmanns-Stück – das riecht nach Erfolg.

Also doch? Wie gesagt: Es geht nicht um Erfolg. Bei Martin Heckmanns geht es um – ja, um Wahrheit. Die des eigenen Schreibens und des Theaters. Und die des Lebens, Liebens, Scheiterns. Aber Wahrheiten sind ständig in Bewegung, stehen immer unter Irrtumsverdacht. Die Heimat der Wahrheit ist der Konjunktiv.

„Ich hätte vielleicht …“, sagt Bruno im Sterben. „Das war das Ende / Mitten im Wünschen“ antworten die Stimmen.

„Kommt ein Mann zur Welt“, 5. (Fällt leider aus), 17, + 27.1., 20.30 Uhr, Deutsches Theater Box + Bar.
Regie: Hanna Rudolph, mit Kathrin Wehlisch, Samuel Finzi, Michael Gerber, Mathis Reinhardt, Pedro Stirner. Eintritt 12-16, erm. 6 Euro