Berlin

Wir sind viele: Auf dem Ausflugsdampfer

3,4 Millionen Menschen. Das ist Berlin. In der Serie "Wir sind viele" berichten zitty-Autoren aus dem ganz normalen Leben der unterschiedlichsten Berliner

Die Weiterfahrt verzögert sich. Ein Frachter versperrt die Kammer der Mühlendammschleuse, mindestens 20 Minuten zusätzliche Wartezeit. In Bus und Bahn würde nun das große Stöhnen beginnen. Doch hier, auf einem Ausflugsdampfer inmitten der Spree, ist kein Mucks zu vernehmen. Die vier jungen Spanier im vorderen Teil des Schiffes betrachten vergnügt die Wasseroberfläche, auf der sich verschwommen ein angrenzender Plattenbau spiegelt. Drei Charlottenburger Rentnerinnen sprechen über die Brücken Berlins, „mehr als Venedig, das glaubt man ja nicht“, und die zwei Touristenpaare aus ­Celle nippen zufrieden an ihren Berliner Weißen.
Es ist wieder Saison. Seit einigen Wochen tuckern Dampfer der Reedereien in Kolonnen über die Gewässer. Sie bieten Touristen wie Einheimischen die Disney-Version zur Erkundung Berlins, in der Schmutz und Zumutungen der Stadt allenfalls in Gestalt der vielen Graffitis auftauchen, die an Brückenpfeiler und Ufermauern gesprayt sind.
Auch die vier Spanier empfinden das so. Als das Boot endlich um 1,60 Meter angehoben ist und die Schleuse passieren kann, beginnen sie zu schwärmen. Die Studentin Izaskun sagt, sie beobachte seit Fahrtbeginn an der Hansabrücke die Menschen an Land, „und alle wirken unbeschwert, keiner ist gehetzt.“ Das sei so anders als in ihrer Heimat Madrid, ergänzt ihre Freundin Pamela und sagt mit Nachdruck: „Berlin muss die entspannteste Großstadt der Welt sein!“ Und tatsächlich, die Brückenfahrt, bei der es über Spree und Landwehrkanal geht, dauert dreieinhalb Stunden – und in all der Zeit ist nicht ein gestresster Mensch zu sehen. Am Bundesratufer, auf Bänken am Märkischen Museum, an den ­Böschungen des Paul-Lincke-Ufers oder auf der Wiese vorm Urban-Krankenhaus, überall liegen und sitzen Menschen und strahlen eine Ruhe aus, als läge die nächste Aufgabe, die es zu bewältigen gebe, noch Wochen vor ihnen.
Wasser beruhigt, hier auf dem Boot gilt dies umso mehr. Denn wo gibt es das noch, dass der moderne Mensch einfach nur guckt, stundenlang ohne Ablenkung die Stadt an sich vorüberziehen lässt? Und wo in Berlin begegnen sich die Menschen noch so freundlich? Angefangen beim Kapitän – der jeden vorbeifahrenden Kollegen mit einem Wink grüßt, als gelte es, einem Freund seine besondere Verbundenheit zu versichern – bis zu den Menschen, die von Ufer und Brücken aus grüßen. Das Winken verleiht dieser Zufriedenheit, die mit dem Wasser einhergeht, ihren gestischen Ausdruck.
An der Kottbusser Brücke steigen die ersten Passagiere aus, unter ihnen die drei Rentnerinnen, die mal wieder durch Kreuzberg schlendern wollen. Auf dem Kottbusser Damm werden sie gleich von einem Fahrradfahrer gerammt. „Was steht ihr so blöd im Weg rum!“, schreit der ihnen zu, bevor er schnell davon­fährt. Willkommen an Land. Jannis von Oy