Berlin

Wir sind viele: Bei den Bitcoin-Fans

3,4 Millionen Menschen. Das ist Berlin. In der Serie "Wir sind viele" berichten zitty-Autoren aus dem ganz normalen Leben der unterschiedlichsten Berliner

Es ist eine komplett neue Währung. Sie wird mit nerdigen, handverschraubten PC-Maschinen aus vertrackten Zahlenreihen geprägt und dann in einem Geldbeutel abgelegt, alles digital und passwort­verschlüsselt. Seit 2009 gibt es die neue Währung, Bitcoin heißt sie. Sie ist begehrt, bewundert, gefürchtet. Banken warnen vor ihr. Mit realem Geld kann man sie auf Börsen kaufen, und manche Internetportale akzeptieren sie als Zahlungsmittel. Vor allem lebt sie von der Spekulation. Zuletzt gab es einen extremen Kursanstieg.

Berlin gilt wegen der vielen Startups als deutsche Bitcoin-Hauptstadt. Selbst einige Mieter im Kreuzberger Kreativzentrum Betahaus begreifen nicht, wie die Leute an diesem Samstag bei der Bitcoin-Börse eigentlich ihr Geld verdienen. Normalerweise rätselt der Rest der Gesellschaft ja immer, womit die Mieter des Betahauses eigentlich ihr Geld verdienen. An diesem Tag lehnt ein smarter Startup-Angestellter am Kaffee-Tresen im Foyer, einen Pappbecher in der Hand und beobachtet die Gruppe der Bitcoin-Freunde. Ein wilder Haufen: Technik-Enthusiasten, stiernackige Ost-Europäer, Anarcho-Kapitalisten. Später kommt eine Bande von Jungs in schlecht ­sitzenden Anzügen und stellt ein „Zu verkaufen“-Schild auf: 620 Euro für ­einen Bitcoin.

Die Idee einer rein digitalen Währung

Die „Bitcoin-Börse“ hat Aaron Koenig organisiert, der war auch mal Vorstand der Piratenpartei. 2009, lange her. Heute sagt er: „Der Euro ist Falschgeld von der Europäischen Zentralbank, mit Zahlen drauf.“ Die Bitcoin-Börse sei eigentlich eine Informationsveranstaltung, meint er, gemacht für Neulinge, denen der Online-Kauf zu komplex und zu schwierig sei. Aaron Koenig sitzt auf einer Art Bühne und schmachtet wie der Rest der Bitcoin-Leute eine ­junge Frau mit Korsett, lockigem Haar und einem ­Namen an, der genauso fantastisch kling wie die Idee einer rein digitalen Währung: Margaux Avedisian. Sie schreibt über sich selbst, dass sie einen ­„Silicon Valley Background“ habe und jetzt in New York lebe.

Koenig hat sie eigens für diese Veranstaltung zur „Königin des Bitcoins“ ernannt. Avedisian verdient ihr Geld als Marketing-Direk­torin einer Bitcoin-Firma und will als Kupplerin für die reichen Bitcoin-Jünger arbeiten. Wer wirklich viele Bitcoins hat, soll zu ihr kommen, wer viele kaufen will, auch. Ein Typ mit Kamera verfolgt sie. Gekauft oder verkauft hat heute wohl nur einer: ein ledriger Mann mit verhuschtem Blick und einem abgewetzten Rucksack über der Schulter. Er sei Techniker im Theater, und er wolle Bitcoins haben, für den Fall, dass er sie denn einmal wirklich brauchen wird. 150 Euro hat er dem Verkäufer vorhin in die Hand gedrückt. Dafür gibt es zumindest einen Bruchteil des neuen Goldes. Etwas „Spielgeld“, wie er sagt. „Man braucht auch selbst Bitcoins, um wirklich mitfiebern zu können.“

Kursanstieg: Der Wert eines Bitcoins stieg binnen eines Jahres von zehn auf über 600 Euro. Spekulanten wie Hedgefonds haben genauso Interesse wie Kriminelle, da Bitcoins Anonymität erleichtern. In China ist die größte Bitcoin-Börse, auch die chinesische Suchmaschine Baidu nutzt den Bitcoin.