Berlin

Wir sind viele: Bei den Native Americans

3,4 Millionen Menschen. Das ist Berlin. In der Serie "Wir sind viele" berichten zitty-Autoren aus dem ganz normalen Leben der unterschiedlichsten Berliner

Bloß nicht „Indianer“ sagen! Die Menschen hier sehen zwar aus wie Indianer, bewegen sich wie Indianer und tanzen wie Indianer, doch „Indianer“ sagt man trotzdem nicht. Richtig ist: „Native American“. Einige Hundert deutsche Native Americans haben sich an diesem Samstag in einer Turnhalle der Fritz-Reuter-Oberschule zu einem Powwow* versammelt. Die Turnhalle und der Hohenschönhausener Plattenbau-Canyon vor der Tür sind wenig geeignet, in Präriestimmung zu kommen, doch die Menschen in ihren bonbonbunten Trachten schert das wenig: In Tänzen, die Gadá:tro:t, Otsínhaho und Gayó:wah heißen, springen und wirbeln sie auf der Tanzfläche. Die Trachten der Tänzer sind besetzt mit Perlen und Stickereien, Federn und allerlei Klimbim. Die Tracht von Dominik (Foto) gehört zu den aufwändigsten, immer wieder lassen sich Leute mit ihm fotografieren. Schon als Achtjähriger hat er mit den Trachten und Tänzen angefangen, weil er nahe einer amerikanischen Militärkaserne lebte und so (echte) Native Americans kennenlernte. Ein Cherokee-Medizinmann hat ihm den Namen „Dancing Eagle Child“ gegeben, weil er als Kind oft von Adlern träumte. Inzwischen ist er 28 Jahre alt und wohnt in Mitte, er hat als Stylist gearbeitet und will nun Medizin studieren. Von vielen anderen Tänzern hier grenzt sich Dancing Eagle Child ab, „Hobbyisten“ nennt er sie und missbilligt, dass sie historische Trachten tragen und religiöse Riten imitieren, obwohl es die Kultur ja noch gebe und sie sich weiter entwickle. „Auf amerikanischen Powwows tragen viele Natives sogar Neon und Glitzer“, sagt er.

Traditionalisten und Modernisten

In der Kantine gibt es Kaffee, Kuchen und Bisonbockwurst, die Ohren finden Ruhe vom ununterbrochenen Trommeln der Musikgruppen. An der Kasse steht Ralph, er hat einen dichten grauen Bart, um seinen Hals trägt er „Steinmedizin“, ein Knäuel aus Leder, Steinen und Perlen. Ralph sagt, für ihn sei das alles viel mehr als ein Hobby: „Ich habe mich in den letzten vierzig Jahren akribisch in Kultur und Denken der Natives vertieft, inzwischen ist das für mich zur Philosophie geworden.“ Man begegnet auf diesem Powwow vielen, die Tanz und Tracht ernst nehmen, immerzu blickt man in gestrenge Mienen, „Hobby“ gilt als Schimpfwort. Hier können sogar Native Americans lernen, was ein echter Native American ist: Robert ist ein Sioux aus South-Dakota. Er ist nicht zum Tanzen hergekommen, sondern im Auftrag einer Tabakfirma, die das Powwow sponsert. Seit 17 Jahren lebt er in Deutschland, seine Herkunft ist sein Job: „Ich bin immer dann zur Stelle, wenn einer einen braucht, der nach Indianer aussieht“, sagt er. Solche Zusammenkünfte findet Robert lustig, allzu ernst nimmt er sie aber nicht, er will nichts wissen vom Richtungsstreit zwischen Traditionalisten und Modernisten unter seinen Stammesbrüdern: „Soll doch jeder rumlaufen, wie er will.“            
Text: Michael Sellger

*Powwow: Überregionales Treffen von Freunden des Federschmucks, die in traditionellen Tänzen um die Gunst der Punktrichter buhlen.