Berlin

Wir sind viele: Beim Ringbahnsport

3,4 Millionen Menschen. Das ist Berlin. In der Serie "Wir sind viele" berichten zitty-Autoren aus dem ganz normalen Leben der unterschiedlichsten Berliner

Nächster Halt: Wedding. „Jetzt alle in die Hocke und Hüfte lockern.“ Benni, der Fitness-Coach, startet mit dem Aufwärmprogramm. Westhafen: Arme zur Seite und die Schultern strecken. Beusselstraße: Es verbreitet sich Schweißgeruch in der S42. „Kann mal jemand die Fenster aufmachen?“, ruft einer. 120 Sportler haben sich am Sonntagnachmittag in die Ringbahn gequetscht, um dort Gymnastik zu machen. „Weil es im Fitnessstudio langweilig ist“, sagt Tim aus Kreuzberg. Eine Ringbahnrunde, 27 Stationen, 27 Übungen – die Fitness-Fahrt dauert eine Stunde. Mit zwei Trainern und tragbaren ­Anlagen machen die Sportler Workout zwischen Klappsitzen und Fahrgastbeinen. Ausgedacht haben sich die Blödelei die Macher der Internetplattform Firsty*. Eine Art Facebook-Party in der S-Bahn, bei der niemand weiß, was am Ende geschieht. Als sich um 13 Uhr die Teilnehmer am Treffpunkt vor dem Gesundbrunnen-Center einfinden, beäugen etwa 20 Polizisten sie aus einiger Entfernung. Dann kommen zwei Sicherheitsbeamte der Deutschen Bahn herüber und fragen, ob man vorhabe, das Hausrecht der Bahn zu wahren. „Wir wissen ja nicht, was bei euch abgeht.“ Die Initiatoren der Ringbahn-Fitness versichern, man werde sich benehmen und allesamt Fahrscheine lösen. Da winkt der Mann von der DB Sicherheit aber schon ab. Die Fahrkarten interessieren nicht. „Viel Spaß“, wünscht er noch und geht zurück zu seinem Beobachtungsposten. Der Pulk aus Turnern in Jogginghosen wird von den Polizisten zum Bahngleis eskortiert, in der S-Bahn sich selbst überlassen.

„Das ist so Berlin“

„Das ist jetzt eine lange Station“, sagt Trainer Benni zwischen Beusselstraße und Jungfernheide – und ordnet Liegestützen an. Am Boden liegend, auf den Sitzplätzen, quer über die Lehnen gebeugt, folgen die Teilnehmer seinen Anweisungen. Messe Nord/ICC: Kniebeugen. Westkreuz: Die Musik wird lauter, ein Johlen geht durch die Menge, dann ein Stöhnen bei der ersten Partnerübung. Die Fahrgäste gucken skeptisch von draußen rein, manche flüchten in den nächsten Waggon. Ein paar filmen die Sportler mit ihren Handys. „Das ist so Berlin“, sagt eine Frau mit dickem Schal zu ihrer Begleitung. „Es stinkt“, sagt eine andere. Ein Mann von der Bahnreinigung nutzt sein Kehrwerkzeug, um die Sportler beiseite zu stoßen. Hohenzollerndamm: Die meisten haben jetzt ihre Jacken ausgezogen. Heidelberger Platz: Auf den T-Shirts breiten sich erste Schweißränder aus. Initiator Martin verlässt seinen Workout-Platz, um zwei zugestiegenen älteren Damen die Sitzfläche anzubieten. Seine Freundin Shanti findet, dass es „eines der coolsten Firstys“ ist, an denen sie teilgenommen hat. „Es geht darum, dass man mit anderen Augen durch den Alltag geht“, sagt sie. „Und dass man den Leuten ein Lächeln schenkt.“ Bei dem einen oder anderen Fahrgast hat es funktioniert.

*Firsty: Etwas, das man zum ersten Mal tut. So nennen das zumindest die Betreiber der Seite www.firsty.net, auf der sich Menschen zu Firstys verabreden – sei es, einen Tag lang nicht nein sagen, Candlelight-Dinner auf dem Bürgersteig oder hinten auf einem Müllwagen mitfahren