Wir sind viele:

In der Obdachlosen-Uni

3,4 Millionen Menschen. Das ist Berlin. In der Serie „Wir sind viele“ berichten zitty-Autoren aus dem ganz normalen Leben der unterschiedlichsten Berliner

Heute muss es besser laufen. 5,3 Promille hatte Bert­ram Lattner im Blut, als er letztes Mal zum Treffen seiner Kochgruppe kam. Er ging freiwillig und rief sich einen Krankenwagen. Heute, acht Wochen später, ist er nicht nur nüchtern, sondern versucht sich sogar als als Küchenchef. Eine Großküche im Keller der Volkshochschule Treptow. Der Essensgeruch ist tief in die Wände eingezogen.

Vier Koch-Lehrlinge und Kursleiterin Maria Wagner, normalerweise Köchin einer vegetarischen Kita, stehen an Edelstahl-Arbeitsplatten. Die Teilnehmer, meist Obdachlose, ehemalige Obdachlose oder anderweitig sozial Benachteiligte, besuchen diesen Kochkurs, weil sie Struktur, einen Weg zurück ins Leben suchen. Und weil sie gerne essen. Es soll Kosheri, Falafel und Hummus geben – Chefkoch Lattner hat vier Jahre als Reiseleiter in Ägypten gelebt. Die Zutaten zahlt die Gebewo, eine Sozialdienst-GmbH, die Küche stellt die Volkshochschule Treptow.

Maik Emertenbrink, 38, hat diesen und die übrigen Kurse der Obdachlosen-Universität in seiner Freizeit organisiert, Räume, Materialien und Dozenten zusammengebracht. Bertram Lattner ist seit zwei Jahren und damit von Anfang an dabei. Der 57-Jährige mit der knarrigen Stimme trägt sein strähniges Haar zum Zopf gebunden, an den Händen schweren Silberschmuck, ein Fingernagel ist rotlackiert und zugefeilt, ein Bein etwas kürzer als das andere. Lattner sieht ein bisschen aus wie ein Pirat.

„Von Hartz IV kann man doch nur Schrottfleisch kaufen“

Bevor sich die Kochgruppe ans Werk macht, werden exotische Gewürze beäugt, dann gibt es Kaffee für alle. Anschließend: Zwiebeln schneiden, Koriandersamen mörsern. Kollektives Rauchen vor der Tür.

Nur Mandy bleibt drin. Sie raucht nicht, nimmt keine Drogen, trinkt keinen Alkohol. Die ehemalige Messeangestellte bekommt wegen eines Schufa-Eintrags keine Wohnung mehr. Sie lebt mit ihrem Mann in einer Schreber-Laube auf 28 Quadratmetern. „Das ist brutal im Winter, aber besser als vorher, da haben wir unter Brücken geschlafen“, sagt sie. Kursleiterin Maria Wagner fragt: „Hummus probieren?“ Chefkoch Lattner hält den Löffel rein, kos­tet, nickt und lutscht gründlich ab. Umzug in einen Aufenthaltsraum. Klaus hat schon gedeckt. Das vegetarische Essen ist ungewohnt. „Aber mit unserem Budget viel sinnvoller, von Hartz IV oder Sozialhilfe kann man doch nur Schrottfleisch kaufen“, sagt Lattner, der in der Suchthilfeeinrichtung, in der er wohnt, alle drei Wochen kochen muss. Wohliges Stöhnen nach dem Nachtisch, Eis mit Birne und Schokopudding, Eigenkreation vom Chefkoch.

Lattner würde auch gerne einen Kurs anbieten und das Schreiben von japanischen Gedichten oder Englisch lehren. „Aber auf mich ist kein Verlass“, sagt er. Ein bisschen Verantwortung hat er heute dennoch übernommen. Es war ein kleiner Schritt für Lattner und ein großer für seine Kochgruppe. Es hat allen geschmeckt.
Text: Martin Schwarzbeck

Kochkurs: Teil des kostenfreien Programms der Obdachlosen-Universität.  Daneben gibt es Kurse in Philosophie, Theater, Trommeln und vielem mehr. Mitmachen kann jeder und auch Dozent kann jeder werden, mit (fast) jedem Programm.

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