INTERVIEW

»Wir stehen stets unter Rechtfertigungsdruck«

Das Gefängnistheater aufBruch feiert sein 20-jähriges Jubiläum mit einem „Parsifal“-Spektakel in der JVA Tegel. Regisseur Peter Atanassow zieht eine ­Bilanz seiner Theaterarbeit mit harten Jungs

Wagner im Knast: Proben zur Jubiläumsproduktion „Parsifal“ – Foto: Thomas Aurin

Interview: Axel Schalk

Herr Atanassow, wie kam es vor 20 Jahren zu der Idee, Theater mit Gefangenen zu machen?
Ausgangspunkt war die Arbeit von ­Roland Brus mit den Ratten 07, dem Obdachlosen­theater an der Volksbühne in den 90er-­Jahren. Da entstand zusammen mit dem Bühnenbildner Holger Sybre die Idee, mit Leuten Theater zu machen, die aus dem gesellschaftlichen Spektrum ­herausgefallen sind. Der auch von Frank Castorf unterstützte Impuls war, an neuen Orten mit dem nach der Wende in der DDR entstandenen neuen Prekariat, mit Abgewickelten, mit Amateuren zu arbeiten. Insofern ist aufBruch auch ein Wendeereignis.

Wie befruchtet oder überlappt das Soziale das Künstlerische bei der Arbeit mit Gefangenen?
Ich bin mehr Sozialarbeiter als ich es ­möchte, ich kann nicht nur als Regisseur einfach die Puppen tanzen lassen. Die ­Arbeit bietet aber auch künstlerische Chancen. Sie hat den Vorteil, dass die Beteiligten kaum Vorbildung haben, die Naivität direkter Fragen setzt Impulse frei. Gerade in den Pausen zwischen den Proben muss man aufmerksam sein, da passiert einiges, da bringen sich die Leute ein – und plötzlich entstehen eigene Texte aus den jeweiligen Biografien. Vieles hängt von der Bereitschaft der Darsteller ab, sich aus dem geregelten Gefängnisalltag zu lösen und sich auf Neues, Ungewohntes einzulassen.

Es gibt ja mindestens zwei aufBruch-­Ensembles – eins drinnen und eins draußen. Was unterscheidet die beiden – abgesehen natürlich von der Tatsache, dass die einen einsitzen und die anderen nicht?
Eine wichtige Frage; die Arbeit hat etwas von einem Gottesdienst: Es ist eine Art ­Ritual, ein gemeinsames Zusammenkommen. Die Einsitzenden machen kaum szenische Angebote, da muss etwas freigelegt, angestoßen werden. Ich bin eine Art Vorarbeiter, aber auch ein Kommunikator. Die beteiligten Profischauspieler dagegen arbeiten an ihrer Marke und bestehen auf Absprachen, da entstehen Konflikte, das ist ein Fluch und zugleich ein künstlerischer Segen. Der Prozess ist kompliziert und hat auch manchmal etwas von Monty Python. Wesentlich ist die Unterstützung der Anstalten, der Leiter, des Vollzugspersonals, darauf sind wir angewiesen, wir sind Gäste. Es gibt auch den Rechtfertigungsdruck. Nicht jeder teilt die Auffassung, dass Theater die Resozialisierung befördert. Ein Beweis dafür ist aber schwer lieferbar.

Ist das ein Grund, warum es kaum andere Gefängnisensembles gibt?
Das ist auch eine Frage der Akzeptanz im herrschenden Kulturbetrieb. Die ­kulturelle Öffentlichkeit hat elitäre Züge, sie folgt einem fixen Begriff von Kunst. Wir ­haben auch den Ruf des Schmuddeligen, da braucht man Unterstützer. Unser Theater setzt aber tatsächlich einen anderen Blick auf Kunst voraus. Wir verlangen dem Pub­likum viel ab, wenn wir versuchen, einen neuen Blick auf Theater zu entwickeln. Das Ungewohnte beginnt schon im bespielten Raum, Gefängnisse sind eine Architektur der Kontrolle und der Gewalt. Und diese Architektur schafft Demut.

Seit 2001 immer wieder freiwillig im Knast: Peter Atanassow, 49, Regie und künstlerische Leitung – Foto: Sandra Bergemann

aufBruch inszeniert oft Klassikerstoffe und die harten Jungs gerne als Chor – wie hat sich das entwickelt?
Im antiken Theater spielt der Chor den Part der Ausgestoßenen; das sind die, die nicht mehr partizipieren können, Hungernde, Flüchtlinge, Arbeitslose, Habenichtse, Prekäre, die aber wieder dazugehören wollen. Im Chor artikulieren sich die Randständigen. Die Chorarbeit, so ist meine Erfahrung, schafft ein Ensemble, hier sind alle gleichgestellt. Wir schließen bewusst an die ­Antike an, an ein ganz archaisches und auch existentielles Theater, die Stoffe haben etwas mit den Beteiligten zu tun, es ist ein nichtelitäres Theater, eine Art Nische.

Die Jubiläumsinszenierung „Parsifal“ ist ein komplexer Stoff. Wie kam es zu der wagemutigen Idee, diesen Stoff in Tegel zu inszenieren?
Mich haben Mythen immer interessiert. Der Stoff ist vieldeutig; es geht um eine Gruppe Auserwählter, die als Geheimnisträger, als Gralshüter der Welt abgeschworen haben. Sie folgen der Idee: Wir entsagen der Welt und versuchen aus der Isolation etwas Gutes zu schaffen. In ihrer elitären Haltung werden sie aber tatsächlich zu Gefangenen des eigenen Denkens. Das trifft auch auf die Situation der Beteiligten zu, die ­Isolation im Knast, die Gemeinschaft im Sündenfall. ­Gezeigt werden Menschen, die Opfer einer eigenen Lebensentscheidung sind. Und alle warten nun auf den Retter von außen.

„Parsifal“: 1., 2., 7., 8., 9., 14.–16., 21–23.3., 17.30 Uhr, JVA Tegel, Seidelstr. 39, Tegel, Tor 2. Eintritt 15, erm. 10 € (nur im Vorverkauf und ab 16 Jahren über Kasse der Volksbühne oder online www.gefaengnistheater.de)