INTERVIEW

»Wir wollten etwas Neues ausprobieren«

Peter Lund über sein neues Musical „Kopfkino“, seine 20-jährige Zusammenarbeit mit der Neuköllner Oper und die erste gleichzeitige Verfilmung eines Stücks

Interview: Gerd Hartmann

Herr Lund, herzlichen Glückwunsch zur 20-jährigen Zusammenarbeit Ihres Musical-­Studiengangs der UdK mit der Neuköllner Oper, was ja durchaus eine Erfolgsgeschichte ist. Ihre Jubiläumsproduktion „Kopf­kino“ wirkt allerdings wie eine Fortsetzung von „Stimmen im Kopf“,  der Abschlussarbeit des Jahrgangs 2013. Geht es nicht in beiden um die Macht innerer Stimmen?

Es ist eine Fortsetzung von allem, was wir mit den Studierenden der UdK in 20 Jahren aufgegriffen haben. Als Schreiber tastet man sich ja quasi biografisch durchs ­Leben. Da liegt das nächste Thema immer vor der Haustür. „Stimmen im Kopf“, das in der Psychiatrie spielt, war von einer Sozialarbeiterin an uns heran getragen worden. Jetzt tauchen viele Motive wieder auf. „Kopf­kino“ ist eine klassische Coming-of-age-Story: Mein Protagonist Lennard zieht nach Berlin in eine WG mit Männchen und Weibchen und kann sich noch nicht richtig entscheiden – das klassische Berliner Phänomen. Außerdem sind seine Mitbewohner politisch aktiv. Da rutscht er rein.

Und seine inneren Stimmen?

Die Stimmen in seinem Kopf personifizieren seine Grundgefühle und Grundängste. Lennard ist extrem blockiert, er kommt nicht zur Tat. Er ist ein höflicher Mensch und lässt immer alle Stimmen ausreden. Bis die durch sind, ist die Situation natürlich längst verflogen.

Der Musical-Autor und -Regisseur Peter Lund, 51, ist seit 2002 Professor im UdK-Studiengang Musical/Show. In Koproduktion mit der Neuköllner Oper schreibt er seit 20 Jahren seinem jeweiligen Absolventenjahrgang sehr erfolgreich ein Stück auf den Leib, oft mit Thomas Zaufke als Komponisten. Für das Grips Theater schrieben beide die Erfolgsproduktion „Die letzte Kommune“. – Foto: Matthias Heyde

Wie sehr beeinflussen die Studierenden die Stoffe ihrer Abschlussarbeit?

Sehr. Da steckt unglaublich viel von denen drin. Zum einen thematisch und zum anderen unbewusst, so wie sie eben sind. Diesmal war es allerdings etwas schwierig. Die Figuren haben wir gemeinsam entwickelt. Aber mit sechs Stimmen ist das Improvisieren schwer. Sie reden alle gleichzeitig. Deshalb sind auch viele Situationen der Diskommunikation entstanden.

Die UdK ist stolz darauf, dass fast alle Absolventen des Musicalstudiengangs direkt ins Engagement gehen. Haben sich die Studierenden im Lauf der Jahre geändert?

Am Anfang waren alle unbedarfter. Musical war ein größerer Traum. Welche Maschinerie dahinter steckt, weiß die heutige Studentengeneration viel besser. Heute wollen sie schneller professionell werden, aber nicht mehr unbedingt in Richtung der großen Karriere. Nicht mehr dieses 20.-Jahrhundert-„Ich bin der Star“-Ding. Sondern da ist vor allem der Wunsch, vom Beruf glücklich leben zu können – gern mit Familie. Viele Studentinnen bekommen Kinder nebenbei, das war früher noch nicht möglich.

Und die Themen?

Die kreisen heute viel stärker darum, dass hoffentlich alles so erhalten bleibt wie es ist, dass man nichts verkehrt macht und seinen Platz findet. Aber gerade kommt auch ein neues politisches Bewusstsein auf. In „Kopfkino“ etwa spielt Gentrifizierung eine wichtige Rolle. So ein Thema hätte es vor fünf Jahren noch nicht gegeben.

Gentrifizierung und Widerstand: Lunds UdK-Musical-Abschlussjahrgang 2017 spielt „Kopfkino“ – Foto: Matthias Heyde

Zum ersten Mal wird ein Stück parallel zur Bühnenfassung auch verfilmt. Wie kam es dazu?

Thomas Zaufke und ich wollten etwas ­Neues ausprobieren. Für die Studenten ist das ein guter Einstieg als erste Dreherfahrung, für mich als Regisseur eine Mega-Überforderung. Das Medium funktioniert im Film total anders. Zum Beispiel manche Songs – auf der Bühne wunderbar, im Film wirken sie total kitschig.

Fließen Bühnenaktion und Film irgendwie zusammen?

Lennard traut sich nicht aus der Wohnung. Immer wenn er rausgeht, wird das zum Alptraum. Das sind dann kurze Filme. Ansonsten ist es kein abgefilmtes Theater: Dialogbuch neu, die Nummern teilweise neu. Der Film wird eine ganz andere Temperatur haben. Das ist im Prinzip ein eigenes Produkt, aber ein absolutes No-Budget-Projekt. Ich hatte schon Momente, wo ich mich gefragt habe: Wieso tust du dir das an? Aber es hat den Effekt wie ins Sportstudio gehen. Man hat keine Lust, muss es aber machen. Und da ich nicht ins Sportstudio gehe, muss ich zumindest Filme machen.

„Kopfkino“ von Peter Lund und Thomas Zaufke: 13., 14. + 17.4., 20 Uhr, Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131–133. Regie: Peter Lund, musikal. Ltg.: Hans-Peter Kirchberg, Tobias Bartholmeß; mit Markus Fetter, Jasmin Eberl, Linda Hartmann, Lisa Hörl, Friederike Kury, Lisa Katharina Toh, Adrian Burri, Jonathan Franke, Helge Lodder, Nico Went. Eintritt 16 – 25, erm. 9 Euro