Integration

Wo ist Heimat? – Türkisch-deutsche Stimmen

Türkischstämmige sind die größte Minderheit in Deutschland. Wie gestaltet sich ihr Leben zwischen den Kulturen, wie gehen sie mit Begriffen wie Identität, Integration, Heimat und Zugehörigkeit um? In dem jüngst erschienenen Buch „Haymat. Türkisch-deutsche Ansichten“ (Suhrkamp) von Kristina und Firat Kara werden diese Fragen entlang von biografischen Interviews erörtert.

Sie kamen als Gastarbeiter*innen in die Bundesrepublik. Viele blieben, manche unfreiwillig. Kinder wurden geboren, Existenzen aufgebaut. Heute fußt die türkisch-deutsche Community zum Teil auf bis zu vier Generationen. Sie ist ein fester Bestandteil von Deutschland. Und vor allem von Berlin. Rund 180.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund leben in der Hauptstadt und prägen diese nachhaltig. Dabei haben sich auch Persönlichkeiten hervorgetan, die für Politik, Wissenschaft, Kultur und Sport einen besonderen Beitrag geleistet haben, stets begleitet von zwei Kulturen, zwischen Integration und Alltagsrassismus, zwischen Ausgrenzung und Toleranz.

In ihrem Buch „Haymat. Türkisch-deutsche Ansichten“ gehen die Journalistin Kristina Kara und der Fotograf Firat Kara, der für den Band auch die Bilder lieferte, dem Begriff „Heimat“ in 30 Interviews mit Persönlichkeiten aus der deutsch-türkischen Gemeinschaft auf den Grund. Wie nehmen Türkischstämmige ihr Leben in Deutschland wahr? Schlagen in ihnen zwei Herzen? Welcher Kultur fühlen sie sich zugehörig? Die Gespräche kreisen um das Verhältnis von Identität und Integration.

Foto: Firat Kara

Ersan Mondtag wurde 1987 in Berlin geboren und arbeitet interdisziplinär zwischen Theater und Musik, Performance und Installation. Er ist einer der angesagtesten deutschsprachigen Theaterregisseure und Kuratoren. Aufsehen erregte er unter anderem mit dem Stück „Party # 4 – NSU“, das er aus Gerichtsprotokollen des NSU-Prozesses formte. Zurzeit arbeitet er an seinem vorerst letzten Theaterprojekt für das Berliner Ensemble, um sich nach einer Bühnenpause seinem ersten Filmprojekt zu widmen. Für Ersan Mondtag waren seine türkischen Wurzeln nie ein Thema: „Ich wollte damit auch nie in Verbindung gebracht werden“, sagt er in dem Band. Als Mondtag, dessen Nachname damals noch Aygün lautete, im Rahmen eines Schüleraustausches in die USA kam und sich dort erstmals intensiv mit dem Thema beschäftigte, veränderte sich sein Selbstbild des Türken: „Die Amis konnten das gar nicht nachvollziehen. Für die war ich deutsch, weil ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin.“

Foto: Firat Kara

İdil Nuna Baydar wurde 1975 in Celle geboren. Mit ihren YouTube-Kunstfiguren, der 18-jährigen Deutschtürkin und Kreuzbergerin Jilet Ayse und der Berliner Rentnerin Gerda Grischke wurde die Schauspielerin und Komödiantin 2011 einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Mit ihrem Comedyprogramm „Ghettolektuell“, das sie 2018 durch ganz Deutschland führte, machte sie auf Vorurteile aufmerksam, die immer noch in der Gesellschaft vorherrschen, Vorurteile gegenüber Ausländern, Integration und Rollenverständnissen. 2015 wurde Baydar mit dem „Sonderpreis für Integration und Toleranz“ der Initiative Hauptstadt Berlin e.V. ausgezeichnet. Sie fühlt sich als Deutsche und empfindet die Rolle, in die sie und viele hier lebende Menschen mit Migrationshintergrund gedrängt werden als grotesk. „Ich wurde hier geboren und bin somit ein Teil dieser Gesellschaft. Deshalb verstehe ich nicht, warum man aus mir unbedingt eine Migrantin machen will. Das ist für mich anstrengend. Ich fühle mich migrantisiert.“, sagt sie. Auf die Frage „Woher kommst du“ kann sie dann schon mal zickig reagieren – „Berlin, aus Berlin, Ja, so sehen jetzt Deutsche aus.“

Foto: Firat Kara

Tayfun Bademsoy wurde 1958 in Mersin geboren. Er kam mit seinen Eltern 1969 nach Deutschland, machte sein Abitur und studierte Psychologie an der TU Berlin. Als Sohn einer Schauspielerin fand er schließlich auch zur Schauspielkunst. „Irgendwie wurde mir das halt doch in die Wiege gelegt“, sagt Bademsoy. Anfang der 1990er Jahre wurde er einem breiten Publikum durch die Vorabendserie „Zwei Schlitzohren in Antalya“ bekannt. Mittlerweile hat er in über 250 Kino- und TV-Produktionen mitgewirkt, darunter in Formaten wie „Tatort“, Polizeiruf 110″ oder „Ein starkes Team“. Für ihn ist sein Hintergrund keine Barriere für persönliche Empfindungen und auch kein Handlungsrahmen. Er sinniert: „Ich bin ein Weltbürger. Ich fühle mich überall wohl und bin nicht an eine Heimat oder Kultur gebunden. Ich übernehme gerne gute Mentalitätsmuster anderer Kulturen.“ Trotzdem wird er wie viele andere ausländische Schauspieler auf seine Herkunft beschränkt und nimmt so oft die Rolle „des Türken“ ein. „Klar, ich fühle mich da ganz sicher diskriminiert. Kollegen in meinem Alter spielen universelle Figuren.“

Foto: Firat Kara

İpek İpekçioğlu wurde 1972 in München geboren. Die studierte Sozialpädagogin ist DJane mit Herzblut, Produzentin, Sound-Designerin, Autorin und eine wichtige Figur in der LGBT-Szene. Seit vielen Jahren füllt sie als DJ Ipek Clubs auf der ganzen Welt mit ihrer Musik, die sie „Eklektik BerlinIstan“ nennt. In ihrer Musik ist sie immer von Neugierde und Weltoffenheit getrieben, nicht selten von gesellschaftskritischen Fragen. So sagt sie: „Ich bin ein sehr politisch denkender Mensch, in meinen Tracks geht es es viel um sozialkritische Haltung. Ich möchte als Musikerin meine Plattform nutzen, um Botschaften zu vermitteln.“ Für viele Migranten sei es İpekçioğlu zufolge immer noch schwierig sich mit dem Deutschsein zu identifizieren. Sie hat hingegen damit kein Problem: „Ich bin beides, eine Deutsche und eine Türkin.“

„Haymat“ ist ein Kunstwort. Es ähnelt dem deutschen Wort „Heimat“, öffnet aber auch eine andere Perspektive: „Hayat“ bedeutet auf Türkisch „Leben“. Genau diese Brücke versucht das Buch von Kristina und Firat Fara zu schlagen, die Verbindung vom Gefühl der Zugehörigkeit und der Lebenswirklichkeit. Dieser Versuch glückt allemal. Die 30 Protagonisten erzählen ihre ganz eigene Geschichte und erschaffen in der Gesamtheit ein ebenso persönliches wie komplexes Bild einer Situation, die sich mit den abstrakten Schlagworten wie „Identität“, „Zugehörigkeit“ und „Heimat“ nur schwer fassen lässt.

Zwangsläufig stellt sich am Ende die Frage, ob erfolgreiche Schauspieler, Musiker und Theatermacher für 2,9 Millionen in Deutschland lebende Menschen mit türkischer Herkunft stehen können. Wohl kaum. Die geführten Interviews sind nicht repräsentativ, hier werden Ausnahmegeschichten erzählt. Das hat aber durchaus etwas mit Selbstbehauptung und dem Abstreifen von Klischees zu tun. „Haymat“ verdeutlicht damit, dass Integration letztlich ein individueller Prozess ist.

Haymat. Türkisch-deutsche Ansichten von Kristina Kara und Firat Kara, Suhrkamp, 256 S., 20 €