Orte des Erinnerns

Wo man nie vergisst

Michael Moore lobt in seiner neuen Doku „Where to Invade Next“ die Deutschen für ihre  Vergangenheitsbewältigung. Als Beispiel dienen die „Orte des Erinnerns“ im Bayerischen Viertel in Schöneberg, ein Kiez, aus dem im Dritten Reich mehr als 6.000 Juden deportiert wurden.  Eine Begehung des Denkmals – mit den Urhebern und mit Betrachtern

Fotos: BA Schöneberg

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1993 wurden die „Orte des Erinnerns“ im Bayerischen Viertel eingeweiht. Das Flächendenkmal der Künstler Renata Stih und Frieder Schnock besteht aus 80 Tafeln, die an Laternenmasten befestigt sind. Texte antijüdischer Verordnungen etwa zum Badeverbot korrespondieren mit Illustrationen auf der anderen Tafelseite, deren Bildsprache luftig-leicht ist – also das komplette Gegenteil zur strengen Nazi-Ästhetik. Quer durch den Kiez lässt sich nachvollziehen, wie eine Bevölkerungsgruppe mit jeder neuen Verordnung mehr Bürgerrechte verlor und der Holocaust möglich wurde.

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Michael Moore thematisiert das Denkmal in seiner neuen Doku „Where to Invade Next“, einer Hommage auf das Leben in Europa. Es dient dort als Beispiel für gute Vergangenheitsbewältigung. Wir haben mit den Künstlern über ihr Werk gesprochen. Ebenso mit Betrachtern: einem Berliner Juden und israelischen Hauptstadtbesuchern. 

Renate Stih, Künstlerduo Stih & Schnock

„Michael Moores Filme sind oft getragen von Wut. ,Orte des Erinnerns‘ entstand auch aus einer Wut. Wir hatten von der Ausschreibung erfahren und flanierten durchs Bayerische Viertel. Wir setzten uns auf eine Bank und sahen Menschen, die vom Frisör kamen oder den Hund ausführten. Es war überhaupt nichts von der Vergangenheit zu spüren. Da packte uns eine Wut, weil diese Vergangenheit so vergessen schien. Unsere Zielrichtung stand fest: Wir wollten die Erinnerung zurück holen und die Vergangenheitsbewältigung für künftige Generationen unausweichlich machen. Deshalb war uns wichtig, dass das Denkmal verständlich ist und auch Kinder erreicht. Wir entschieden uns gegen die Vorgabe, dass das Mahnmal zentral am Bayerischen Platz zu stehen habe. Jeder sollte es von seinem Haus aus sehen können. Wir verzichteten auf eine Barriere des Wohlgefühls und setzten einen Kontrapunkt, indem wir das Böse zeigten.“

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Ehud, 29, aus Jerusalem und Erez, 31, aus Tel Aviv

Ehud: Wie man dieses kraftvolle Denkmal immer so nah um sich herum haben kann, ist mir nicht klar. Vielleicht gewöhnt man sich daran, aber die bunten Bilder ziehen den Blick auf sich, und die Texte sind hart. Es ist sicher schwer, dieses Mahnmal zu vermeiden.
Erez: Ich finde es reizvoll, dass es in diesem Viertel auch Schulen gibt und dass die Kids auf dem Weg zur Schule Geschichte lernen. Mich beeindruckt, wie Deutschland sich seiner Vergangenheit stellt.Ehud: Die Tafel, dass Juden den Schutt der in der Reichskristallnacht zerstörten Synagogen selbst wegräumen mussten, ist eine ziemlich unerträgliche Info. Man denkt sofort: Fuck you!
Erez: Vielleicht kennen Menschen solche Infos gar nicht und werden neugierig, mehr zu erfahren.
Ehud: Hoffentlich werden sie dann nicht kreativ und erfinden neue Gesetze (lacht).

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Harry, 61 und Jude, lebt nahe am bayerischen Viertel

„Das große Holocaust-Mahnmal am Tiergarten ist eine abstrakte Sache, man muss wissen, wofür es steht. Es spricht nicht für sich selbst. Mir gefallen die ,Orte des Erinnerns‘ besser, weil die Schilder in die Gegenwart holen, was damals wirklich geschah. Es lässt sich nachvollziehen, wie die Ausgrenzung Schritt für Schritt in den Alltag übergegangen ist und Juden aus dem öffentlichen Leben verschwanden. Das Denkmal ist ein echtes Stück Aufklärung. Michael Moore hat recht. Sich so der Vergangenheit zu stellen, ist ein deutsches Alleinstellungsmerkmal. Ich möchte aber einschränken, dass eine intellektuelle, politische und mediale Oberschicht das durchgesetzt hat. Einem Teil der Bevölkerung ist das bis heute egal. Es hat nicht alle erreicht.“

Mehr Infos zu den Orten des Erinnernswww.stih-schnock.de/remembrance