Lorenz Kienzle

Wo Stine sann und Effi litt

Der Berliner Fotograf Lorenz Kienzle erinnert an Fontanes Romanfiguren

Ist das Kunst oder kann das weg? So steht es auf einer Postkarte, die in Lorenz Kienzles Wilmersdorfer Atelier hängt. Direkt daneben ein großes Plakat, das eine Ausstellung des Bildhauers Richard Serra im New Yorker MoMA bewirbt. Es zeigt ein von schräg oben geschossenes Foto einer Skulptur von Serra – eines gigantischen Doppelschnörkels aus Stahl, neben dem die zwei Ausstellungsbesucher, die der Fotograf mit erwischt hat, zu Zwergen werden.
Der Fotograf heißt Lorenz Kienzle. Seit 2006 dokumentiert er Serras Arbeiten – auf Wunsch des Meisters persönlich, der über Kienzles Arbeit sagt: „Es gibt sehr wenige Schwarzweiß-Fotografen, die meine Arbeiten so erfassen, dass ich etwas damit anfangen kann. Es hat sich herausgestellt, dass Lorenz Kienzle einer der besten von ihnen ist.“
Lorenz Kienzle, 44, bleibt nüchtern, als er das hört. „Ich verstehe mich in erster Linie als Handwerker. Ich gehe ans Werk, und dann kommen die Ideen.“ Im Fall seiner Serie „Tatort Fontane“ hieß das zunächst einmal: Fontane lesen. Die Serie ist jüngst in Buchform erschienen, Teile daraus sind nun im Museum Falkensee zu sehen. „Tatort Fontane“ kombiniert jeweils ein Zitat aus einem Roman des Schriftstellers mit einem Foto von Kienzle. Fontanes Zeilen beziehen sich oft auf Berliner und Brandenburger Orte, die Kienzle aufgesucht hat, auf die Gertraudenbrücke etwa oder den Großen Stechlinsee. Manchmal aber, sagt Kienzle, sei ihm auf einem Fotostreifzug auch ein Bild untergekommen, das ihm so fontanesk erschien, dass er es eingefangen und später ein passendes Zitat dazu herausgesucht habe.
Das Fontane-Projekt ist nicht typisch für Kienzle. Die meisten der Fontane-Bilder kommen ohne Menschen aus, aber Kienzle versteht sich eigentlich als Porträtfotograf. Doch vielleicht kann man auch die Fontane-­Aufnahmen als Porträts sehen – als Bildnisse der Roman­figuren, als Andenken an sie. Sachlich unterstreichen sie die Distanz zu Fontanes Zeit: Wo Effi Briest an der Küste von Swinemünde den Mond beobachtete, wird Fontanes „großer Scheibe“ heute die Show von zwei riesigen Hafenkränen gestohlen. Zugleich haben die Bilder etwas Utopisches in ihrer Intention, literarische Fiktion sichtbar zu machen. „Dass man diese Absicht in seinen Bildern erkennt, mag ich sehr“, sagt der Literat Burkhard Spinnen, Co-Autor des Buches „Tatort Fontane“. Kienzle nehme ernst, „dass Fotografie eine Inszenierung der Wirklichkeit ist“. „Es ist ja schon eine Inszenierung, die Plattenkamera aufs Stativ zu stellen“, sagt Kienzle. Seit Beginn seiner Ausbildung in Rom und in Berlin arbeitet der gebürtige Münchner meist in Schwarzweiß und fast ausschließlich im Großformat, mit schwerer Plattenkamera und viel Geduld. „Ich baue auf und warte, bis mich jemand anspricht,“ sagt er über seine Straßenporträts. Jedes Bild ist wertvoll. Auf eine Platte passen nur zwei Aufnahmen, die Gefahr zu verwackeln ist bei der langen Belichtungszeit groß. Die Orte, an denen Kienzle fotografiert, liegen wie im Fall seiner Neukölln-Bilder in Berlin oder nicht weit wie in der Lausitz, in Luckau und Horno. „Ich finde, man sollte immer vor seiner eigenen Haustür fotografieren“, sagt er. In die Ferne ziehe es ihn nicht. Man darf sich also darauf verlassen, dass Lorenz Kienzle auch das Berlin und Brandenburg von morgen auf seine schweren Platten bannen wird.

Bis 7.10.: „Tatort Fontane“. Museum und Galerie Falkensee, Falkenhagener Str. 77, Falkensee, RB14 Bhf. Falkensee, Di, Mi 10-16, Do, Sa + So 14-18 Uhr, feiertags geschlossen, www.falkensee.de

Lorenz Kienzle und Burkhard Spinnen: „Sein Glück verdienen – Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen“. Knesebeck Verlag, Berlin 2012, geb, 164 S., 29,95 Euro

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