Quartiersentwicklung

Wohnen morgen – Neues Bauen in Berlin

Zahlreiche neue Bauvorhaben sollen dafür sorgen, dass Wohnungsknappheit und unbezahlbare Mieten wieder der Vergangenheit angehören. Ein Überblick.

Die berühmte Weissenhofsiedlung in Stuttgart – 1927 vom Deutschen Werkbund errichtet – ist Vorbild für das neue Wohnbauprojekt WerkBundStadt Berlin am Spreeufer im Norden der Stadt.    Bild: Fotolia, © crimson

Die berühmte Weissenhofsiedlung in Stuttgart – 1927 vom Deutschen Werkbund errichtet – ist Vorbild für das neue Wohnbauprojekt WerkBundStadt Berlin am Spreeufer im Norden der Stadt. Bild: Fotolia, © crimson

Masterplan City West, WerkBundStadt Berlin, Schuhmacher Quartier oder Europacity – so heißen die aktuellen Bauprojekte, die in den nächsten Jahren die angespannte Wohnsituation verbessern sollen. Schätzungen zufolge werden bis 2030 etwa vier Millionen Menschen in Berlin leben. Über zehn neue Wohnquartiere in der ganzen Stadt waren laut Senat Anfang 2016 geplant. Wieviel des Wohnraums dabei sozialverträglich umgesetzt wird ist unterschiedlich.

Politische Maßnahmen

Die Mietpreisbremse hat seit ihrer Einführung in Berlin im Juni 2015 bislang kaum Wirkung gezeigt. Die Stadt an der Spree war die Erste, die von dieser politischen Maßnahme bundesweit Gebrauch gemacht hat. Der ehemalige Bausenator Andreas Geisel (SPD) wollte Anfang des letzten Jahres noch einmal ordentlich Gas geben und mit zahlreichen Projekten der Wohnungsknappheit gegensteuern. Beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren sollten unter anderem dazu beitragen, die vorgesehenen Maßnahmen so schnell wie möglich in die Wege zu leiten.

„Jammern hilft nicht. Berlin wächst letztendlich auch ohne uns. Und unsere Aufgabe ist es, dieses Wachstum sozialverträglich zu organisieren. Dafür brauchen wir einfach Mut für Veränderung.“
Andras Geisel, ehem. Senator für Stadtentwicklung

Im neuen Koalitionsvertrag der Rot-Rot-Grünen Regierung wurde festgelegt, den Anteil der Sozialwohnungen zu erhöhen. Bei Neubauten die von landeseigenen Gesellschaften umgesetzt werden, soll dieser auf 50 Prozent ansteigen. Die neue Senatorin für Stadtentwicklung Katrin Lompscher (Linke), die Geisels Amt übernommen hat, will zur Eindämmung der Mieten nicht nur auf Neubau setzen, sondern auch den Bestand ins Auge fassen. Dazu sollen Investoren und private Eigentümer mit ins Boot geholt werden.

Kooperative Baulandentwicklung

Bereits im August 2014 wurde vom Senat das sogenannte „Berliner Modell“ zum zukünftigen Verfahren mit Bauvorhaben in der Stadt verabschiedet. Zwischen 25 und 30 Prozent muss demnach der Anteil an förderfähigem und damit sozialverträglichem Wohnraum bei einem Neubau betragen. Der Investor muss sich zudem an den Ausgaben für die soziale und technische Infrastruktur beteiligen. Im März 2016 wurden bei der Leitlinie noch Nachträge und konkretere Angaben ergänzt.

Berlin bleibt eine Stadt der Baustellen. Derzeit sind zwölf Siedlungsprojekte im gesamten Stadtgebiet geplant. Rund 15.000 neue Wohnungen sollen dabei entstehen.   Bild: Fotolia, © Heiko Küverling

Berlin bleibt eine Stadt der Baustellen. Derzeit sind zwölf Siedlungsprojekte im gesamten Stadtgebiet geplant. Rund 15.000 neue Wohnungen sollen dabei entstehen. Bild: Fotolia, © Heiko Küverling

Mit diesem Vertrag soll eine schnellere Erschließung und Durchführung von Siedlungsprojekten gewährleistet werden. Da die Stadt alleine nicht in ausreichendem Maße finanzielle Mittel zur Schaffung von neuem Wohnraum zur Verfügung hat, ist sie dabei auf die Unterstützung von Investoren angewiesen.

Kritik an der bisherigen Entwicklung

Das oben genannte Modell ist vielen Kritikern zu kurzfristig angelegt. Die Bindung daran ist bisher auf nur 20 Jahre festgelegt. Ein verschwindend geringer Zeitraum angesichts der langen Planungs- und Bauzeiten, die größere Vorhaben in Anspruch nehmen. Was passiert mit den Mietern nach diesem Zeitraum, wenn sie sich dann die steigenden Preise nicht mehr leisten können?

Es wird befürchtet, dass der Kooperationsvertrag zudem dazu führt, dass bezahlbarer Wohnraum weiter in die Vororte verdrängt wird. In den Zentren, so die Kritiker, werden sich dagegen mehr und mehr hochpreisige Miniappartements und Luxuswohnungen durchsetzen. Mit gravierenden Auswirkungen auf die dortige Sozialstruktur.

Neubau ist außerdem immer teurer als die Sanierung von Bestandswohnungen. Und neue Siedlungen und Quartiere wirken sich auch auf die Umgebung aus. Sie sorgen dafür, dass in den umliegenden Wohnungen die Mieten steigen. Es wird so viel gebaut wie lange nicht mehr, doch bisher hat sich für die soziale Unterschicht, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind, wenig verändert. Im Gegenteil wird vermutet, dass die Gentrifizierung durch viele Projekte erst richtig angestoßen wird.

Auch das sogenannte „Zweckentfremdungsverbot“ zeigt bisher wenig Wirkung. Dieses soll sicherstellen, dass Appartements statt einer Überlassung an besser bezahlende Feriengäste oder Pendlern lieber an langfristige Mieter gehen. Dazu gibt es zu wenig Kontrollen und zu viele Möglichkeiten, das Verbot zu umgehen.

Die gebaute Realität sieht oft nicht sehr ansprechend aus. Mit den Einschränkungen beim Budget bleiben häufig auch gestalterische Aspekte auf der Strecke.   Bild: Fotolia, © Tiberius Gracchus

Die gebaute Realität sieht oft nicht sehr ansprechend aus. Mit den Einschränkungen beim Budget bleiben häufig auch gestalterische Aspekte auf der Strecke. Bild: Fotolia, © Tiberius Gracchus

Ein weiterer Punkt, der oft auf der Strecke bleibt, ist die Wohnqualität der geplanten Siedlungen. Bei den vielen Hau-Ruck Verfahren spielt die Gestaltung und das Einfügen in die umgebende Baustruktur oft eine untergeordnete Rolle. Nicht nur das äußere Erscheinungsbild, auch funktionale Aspekte, innere Struktur oder Raumaufteilung sind häufig nicht zu Ende gedacht.

Vorbilder aus der Vergangenheit

Zahlreiche Wohnungsbauprojekte im frühen 19. Jahrhundert haben sich umfassend sowohl mit der funktionalen Gestaltung der Innenräume als auch dem städtebaulichen Kontext und den Auswirkungen auf soziale Strukturen beschäftigt. Dabei sind gerade in Berlin viele bemerkenswerte Projekte umgesetzt worden:

  • Gartenstadt Falkenberg in Treptow
  • Großsiedlung Siemensstadt in Spandau und Charlottenburg
  • Weiße Stadt in Reinickendorf
  • Schillerpark Siedlung im Wedding
  • Hufeisensiedlung in Neukölln
  • Wohnstadt Carl Legien im Prenzlauer Berg

Diese sind inzwischen sogar in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen worden. Der Modulor, Le Corbusiers Proportionslehre hatte damals viele architektonische Entwürfe im Ausland revolutioniert. Die Reduzierung der Raumhöhe ist dabei eines der zentralen Elemente. So konnte mit geringerem finanziellem Aufwand gleichzeitig mehr Wohnraum geschaffen werden. In Berlin durfte dieses System wegen der dort geltenden Vorschriften jedoch nicht angewendet werden.

Soziale und gestalterische Aspekte berücksichtigen

Wie sich ein neues Gebäude gut in die bestehende Umgebung einfügt, welche Auswirkungen und Anforderungen sich dabei für die Infrastruktur ergeben oder wie sich das Sozialgefüge verändert, lässt sich nicht auf die Schnelle feststellen. Umfangreiche Planungen, möglicherweise sogar in Kommunikation mit Quartierssprechern oder Vertretern der Bevölkerung sind dafür notwendig. Mit mehr Bürgerbeteiligung möchte die neue Regierung in Zukunft mehr Akzeptanz schaffen. Die Bauunternehmen befürchten dadurch jedoch eine Verzögerung bei den Vorhaben.

Dass in den vielen Projekten auch großes Potential liegt, der Stadt durch hochwertige und wohlüberlegte Siedlungen langfristig Charakter zu verleihen, wird in Anbetracht des hohen Zeitdrucks wieder relativiert. Gute Architektur braucht Zeit um entwickelt zu werden. Zeit, die bei der heutigen angespannten Wohnsituation rar ist. Regula Lüscher, Berlins ewiger Baudirektorin wird mit den letzten umgesetzten Bauten ohnehin eher „harmloser Modernismus“ vorgeworfen. Dieser prägt seit einiger Zeit zunehmend das zukünftige Gesicht der Hauptstadt.

Geplante Bauprojekte

Einer der gestalterisch vielversprechenderen Projekte ist sicherlich das Vorhaben des Werkbunds Berlin. Auf einer Fläche von 2,8 Hektar soll ein altes Öltanklager am Spreeufer in Charlottenburg weichen und ein neues Wohnquartier entstehen. Der Werkbund will dabei qualitativ an frühere eigene Bauten wie die Weißenhofsiedlung in Stuttgart oder die Hufeisensiedlung in Britz der Baugesellschaften GEHAG und DeGeWo anknüpfen.

Viele Projekte setzen auf Bauen in die Höhe. In modernen Hochhäusern soll Wohnqualität mit günstigem Wohnraum verbunden werden.   Bild: Fotolia, © Tiberius Gracchus

Viele Projekte setzen auf Bauen in die Höhe. In modernen Hochhäusern soll Wohnqualität mit günstigem Wohnraum verbunden werden. Bild: Fotolia, © Tiberius Gracchus

Der aktuelle Planungsstand kann in einer Ausstellung in der Quedlinburger Straße am Rande des geplanten Areals besichtigt werden. Ob das Vorhaben allerdings tatsächlich umgesetzt wird, ist noch nicht sicher. In einem nächsten Schritt wollen sich die Verantwortlichen um Investoren und die Konkretisierung der Pläne kümmern.

Andere Bauvorhaben wie das Schumacher Quartier am Flughafen Tegel setzen dagegen eher auf eine technologische Ausrichtung. „Smart City“ heißt hier das Konzept. Wohnen soll hier digital vernetzt werden und damit umweltfreundlicher und energieeffizienter werden. Wohnraum für die verschiedensten Lebensmodelle sind geplant, insgesamt 5.000 Einheiten stehen auf der aktuellen Agenda. Das Vorhaben befindet sich noch in der Planungsphase im Austausch mit den Behörden.

Weitere Konzepte die in den nächsten Jahren umgesetzt werden sollen, finden sich im gesamten Stadtgebiet:

  • Blankenburger Pflasterweg (Pankow): Geplant sind 2017 ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept mit Bürgerbeteiligung und ein städtebaulicher Wettbewerb (2017/18). Die Bauarbeiten könnten 2019/20 beginnen.
  • Wasserstadt Oberhavel (Spandau): Im September 2016 fand die Grundsteinlegung für die „Pepitahöfe“ statt. Bis 2018 sollen hier 1.024 Wohnungen entstehen.
  • Güterbahnhof (Köpenick): Bis zu 4.500 Wohnungen sollten auf dem Areal des alten Bahngeländes gebaut werden. Das Bezirksamt hat das Vorhaben 2016 zunächst abgelehnt. Nun will sich der Senat um die Entwicklung der Flächen kümmern.
  • Johannisthal / Adlershof (Schöneweide): Neben den Gewerbegebäuden sollen 2.500 Wohnungen entstehen. Das Planungsrecht wurde bereits genehmigt.
  • Europacity (Mitte): An den geplanten 4.000 Wohneinheiten wird bereits gebaut. Bei den momentanen Arbeiten ist der Anteil (20 Prozent) an sozialem Wohnraum allerdings noch nicht berücksichtigt. Diese sollen mit den weiteren Bauabschnitten folgen.

Neues Wohnen

Die Bundesregierung hat zur Untersuchung von zukünftigen Wohnformen, Innenraumgestaltung und effizienter Nutzung von Energieressourcen beim Bauen eine eigene Forschungseinrichtung geschaffen. Seit einiger Zeit sind 145 Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) damit beschäftigt, Prognosen zur Entwicklung der Wohnsituationen oder des Immobilien- und Bauwesens zu erstellen.

Aber auch an Universitäten und Hochschulen wird kontinuierlich an der Erforschung neuer Wohnformen oder der Inneneinrichtung der Zukunft gearbeitet. Die Ergebnisse haben dabei jedoch eher Konzeptcharakter und sind nicht immer auf reale Projekte übertragbar. Dennoch leisten sie einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung des zukünftigen Städtebaus, der Architektur und der Innenarchitektur.

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