Einen Trennungsstrich ziehen

Wolfgang Seidel über Ton, Steine Scherben

„Die Scherben“ verirrten sich in den Widersprüchen zwischen Freiheitswunsch und Ökonomie. Ein Essay von Wolfgang Seidel, Ex-Schlagzeuger von Ton Steine Scherben

Nicht schlecht: Das Video zur ersten Scherben-­Single hat bei Youtube über eine Million Klicks. Und das für eine Platte, deren Hülle noch von den Bandmitgliedern und ihren Freunden in Handarbeit zusammengeklebt wurde.

Dieser Erfolg wird aber locker von einem anderen Clip überboten. „Ton Steine Scherben-Drummer zerstört Tisch in Talkshow“ bringt es auf fast 1,5 Millionen Klicks. Was es da zu sehen gibt, ist das Ende einer Diskussionsrunde, die der WDR 1971 ausstrahlte. Drummer der Scherben? Das müsste dann ja ich gewesen sein. War ich aber nicht. Es ist wohl der schlechte Ruf, den Schlagzeuger seit Keith Moon und seinen Exzessen haben, dass man mir das zutraut. Es war aber der damalige Manager der Band, Nikel Pallat.

https://www.youtube.com/watch?v=sa0rpCgVLs4

Worum es bei den Axthieben auf den Tisch ging, ist längst in Vergessenheit geraten. Das Thema der Sendung war „Pop & Co. – die andere Musik zwischen Protest und Kommerz“. Wobei sich die Teilnehmer im Wesentlichen einig waren: Dass Popmusik irgendwie links sei. Weshalb eigentlich nicht ganz klar ist, wieso und zwischen wem da mit der Axt ein „klarer Trennungsstrich“ gezogen werden sollte. Hans G Helms, der die Diskussion moderierte, verwies zwar auf den Widerspruch zwischen dem Mitmachen in einer kapitalistischen Ökonomie und dem revolutionären Anspruch, aber die meiste Zeit wurde am Tisch gestritten, wer nun die radikalste linke Strategie hätte.

Die beiden Kontrahenten, die in der Diskussion heftigst aneinander gerieten, waren Rolf-Ulrich Kaiser, Organisator der Essener Songtage 1968, Produzent vieler Kraut­rockplatten und von Floh de Cologne, der ersten Band, die man unter dem Etikett Polit-Rock einsortierte und die zu dieser Zeit recht erfolgreich war. Sein Widerpart war Nikel Pallat, der Manager der Scherben, die in diesem Marktsegment Fuß fassen wollten. Das ging am besten, wenn man sich noch viel radikaler gab als Kaiser und Floh de Cologne. Kaisers „Makel“ war, dass er seine Platten bei einem Major-Label vertrieb, weswegen er von Pallat als Kapitalistenknecht beschimpft wurde. Die Scherben, verkündete Pallat, würden „Musik für das Volk machen“. Klingt toll, nur war die Luft im nächsten Moment raus, als Heinz-Klaus Metzger, wie Helms ein Adornos Kritik an der Kulturindustrie verpflichteter Skeptiker, fragte: „Und was ist, wenn das Volk nicht gut ist?“. Wird man ja wohl mal fragen dürfen. Seitdem Bands wie Freiwild das Bedürfnis nach Volksmusik sehr viel erfolgreicher bedienen als die Scherben es jemals taten, dürfte klar sein, dass solche Begriffe nicht ganz so unschuldig sind.

Nikel Pallat schwingt die AxtFotos: Screenshot WDR/ WDF Talkshow "Ende offen" 03.12.1971/ Quelle: Youtube
Nikel Pallat schwingt die Axt
Fotos: Screenshot WDR/ WDF Talkshow „Ende offen“ 03.12.1971/ Quelle: Youtube

Die Rhetorik der Scherben war ein unreflektierter Mix voller Widersprüche aus Agitprop der 20er Jahre und der Übernahme gegenkultureller Slogans aus den USA, wobei wir nicht merkten, dass die wörtliche Übersetzung manchmal in die falsche Richtung führte. Volksmusik ist dafür ein Beispiel. Mit dem englischen Begriff „Folk music“ hat das wenig zu tun. „My folks“ ist etwas anderes als „mein Volk“ und ist so wenig deckungsgleich wie „home“ und „Heimat“. Eigentlich wussten wir ja, dass Freiheit und das Volk, gedacht als homogene Masse, in die man sich einzufügen hätte, nicht zusammenpassen, und sangen: „Ich will ich sein“ und „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“. In den 60ern fielen politische und Jugendrevolte zusammen. Das begann Jahre vor ’68 und war vor allem zu Beginn keine Studentenbewegung, auch wenn sich dieser Begriff durchgesetzt hat. Angefangen hatte es nicht als Revolte der Bücher und Theorien, sondern als Revolte der jugendlichen Körper, die nicht länger in die Zwangs­jacke aus Disziplin in Fabrik, Schule und Militär gesteckt werden wollten. Rock’n’Roll wurde ab Ende der 50er-Jahre das Medium, mit dem man sich aus dieser Zwangsjacke tanzend befreite. Als Jerry Lee Lewis 1962 im Star-Club seine „Great Balls of Fire“ in das Klavier hämmerte, schrieb das Hamburger Abendblatt: „Die jungen Leute, zum Teil sehr jung, sind Maschinenarbeiter, Anlernlinge, Industrie-Lehrlinge, ­Hafenarbeiter – einfach, anspruchslos, stark.“ Es dauerte, bis der bürgerliche Nachwuchs auf den Geschmack der verbotenen Früchte kam.

Ende der 60er, als  wir mit dem Gefühl lebten, dass alles möglich wäre, waren wir tatsächlich überzeugt, wir spielten die Begleitmusik auf dem Weg in eine bessere Welt. Wobei wir nicht glaubten, dass das Kaufen von Platten, auch der unseren, reichen würde, um da hinzukommen. Von der Aufbruchstimmung der 60er blieb im folgenden Jahrzehnt nicht mehr viel übrig. Man musste sehen, wo man bleibt – sei es, dass man sich einen Job suchte oder, wie Rio Reiser, zu Sony ging. Dabei hatte man doch noch ein paar Jahre vorher genau da mit der Axt einen Trennungsstrich ziehen wollen. Die Axthiebe waren das spektakuläre Ende der Diskussionsrunde von 1971. Pallat hielt Kaiser seine Zusammenarbeit mit der Industrie vor. Als Beweis, wie böse die wäre, dienten die LP-Preise: 18 DM bei Kaisers Label, 15 DM für die selbstproduzierten Platten der Scherben. Kaiser antwortete darauf mit einer Gegenfrage: „Ihr macht alles selber, Aufnahme, Plattenhülle, Vertrieb?“ Pallats Antwort: „Ja.“ Kaiser, der heute nur noch als drogenumwölkter Verrückter durch die Geschichte irrlichtert, war da noch ganz wach und brachte Pallats Begeisterung auf den Punkt: „Na, da bleibt ja ganz schön was hängen.“ Daraufhin zückte Pallat die Axt, wobei sich in der Hochphase des Happenings niemand in der Runde bedroht, sondern eher gelangweilt fühlte. Kaiser sah die revolutionäre Selbststilisierung der Scherben als Geschäftsmodell, als Vorläufer von Start-up und Ich-AG. Bei Licht besehen ist eine Band ein Kleinunternehmen, in dem man das Einmaleins der Betriebswirtschaft lernt. Die letzte Managerin der Scherben brachte es zur Musterschülerin – und durfte zur Belohnung als Vorsitzende der Grünen dabei helfen, denen, die da etwas hinterherhinkten, mit den Hartz-„Reformen“ Nachhilfe zu geben.

Wolfgang Seidel, geboren 1949, ist Gründungsmitglied von Ton Steine Scherben. Von ihm erschien zuletzt das Buch „Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, -Reeducation“ im Ventil Verlag.

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