MUSIKTHEATER

Wolfskinder

Ein starker Abend über den Verlust von Heimat, mit einem Ensemble zum Niederknien

Obdachlose Kinder in einer Biedermeierwelt – Foto: Matthias Heyde

Sie flohen vor den heranrückenden Sowjet­truppen aus ihren ostpreußischen Dörfern, verloren auf ihren Irrwegen Richtung Westen ihre Familien und überlebten in den Wäldern Litauens. Die sogenannten „Wolfskinder“ sind ein weithin dunkler Fleck in der Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg. Die Neuköllner Oper gibt ihnen ihre Stimmen zurück.

Momente einzelner Fluchtgeschichten verschränkt die Regisseurin Ulrike Schwab mit Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“. In einem abgewohnt bürgerlichen Wohnzimmer, das von einem Haustorso aus Gaze umschlossen ist, erzählen sieben Performerinnen in Schlaglichtern von Hunger, Angst und Gewalt, aber auch von der Hilfsbereitschaft litauischer Bauernfamilien.

Und singen Humperdinck, mit nur wenigen schrägen Tönen verändert – als wäre es eine Art Hausmusik, die Vertrautheit und Verlorenheit zugleich spiegelt. Mit leiser Wucht verweben sich die beiden Motive zu einem bis in die letzte Nuance stimmigen Ganzen. In sich immer wieder auflösenden Konstellationen entsteht ein Mosaik aus Familien­leben, Kinderidyll und Einsamkeit, das weit über den historischen Aspekt hinausgeht.

Das Ensemble ist zum Nieder­knien: Hochkonzentriert musizieren, singen, spie­­­len die Alleskönnerinnen quer durch ihr durchsichtiges Haus, das sich nach und nach in Chaos verwandelt. Ein berührendes Musik­theater-Juwel.

8.–11., 16.–18., 23. + 24.2., 20 Uhr, Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131–133,. Regie: Ulrike Schwab; mit Angela Braun, Ildiko Ludwig, Isabelle Klemt. Eintritt 19–28, erm. 11 €