AVATAR-THEATER

Woman in Trouble

Mit leisem Humor hievt Susanne Kennedy in ihrer Einstandsinszenierung als Hausregisseurin eine multiple Figur auf die Drehbühne, deren Leiden weder Eigentlichkeit, noch Anfang oder Ende kennt

In der Alles-ist-gut-Hölle: Niels Kuiters, Bianca van der Schoot – Foto: Julian Röder

„Ups, das klang wie ein Satz aus meinem Script“, sagt eine der vielen Angelina Dreems in Susanne Kennedys neuem Stück „Women in Trouble“. Angelina ist Schauspielerin und weil sie Krebs hat, hat sie eingecheckt in einem Nicht-Ort namens Lifespring. In multipler Ausführung existiert sie unermüdlich in dieser seelenlosen Alles-ist-gut-Hölle, in der Phrasen gedroschen werden.

Sie gibt Interviews, spielt die Szene eines Films nach (eine verzerrte Reprise auf „Opening Night“ von John Cassavetes), stirbt an Krebs und ersteht wieder auf. Alles passiert in gedrosseltem Tempo zum enervierend repetitiven Soundtrack.

Für ihre erste Inszenierung an der Volksbühne erfindet Kennedy ein neues – auf seltsame Art faszinierendes –Spiel ohne Grenzen: totale Oberfläche, abgrundtiefe Geheimnislosigkeit.

Fast alles, was den Menschen ausmacht, ist im Dienstleistungsparadies wegorganisiert. Silikonmasken und Playback. Null Raum für Ich und Leid. Was wir im Spiegelbild dieser Bühne sehen, stellt eine extreme Provokation dar. Sind das wirklich wir? So stumpf, ideenlos und machbar? Nur Angelinas Körper sind noch da, zerbrechliches Material, das blutet und sich selbst zerstört.

Dramatische Erlösung ist dem Publikum gegen Ende des langen Abends vergönnt, wenn die Szene durch Mozarts „Requiem“ und das opernhafte Finale Mitleid und einen Hauch von Katharsis ermöglicht.

Nicht mit großer Geste, schon gar nicht von der wissenden Warte der Sozialkritik aus, ist dieser verstörende Abend gebaut. Und genau das macht seine Qualität aus. Dass Susanne Kennedy mit finsterer Neugierde einen unbekannten Ort imaginiert, an dem Text und Geste nur Zitat und Readymade sind, verzerrtes Echo eines verschwindenden Ortes, an dem über „Sein oder Nichtsein“ gegrübelt werden konnte. ANNA OPEL

10., 23., 27.12. + 6.1., 19.30 Uhr, Volksbühne Berlin, ­Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Regie: Susanne Kennedy; mit Suzan Boogaerdt, Marie Groothof, Niels Kuiters, Bianca van der Schoot, Thomas ­Wo­dianka. Eintritt 12–40 €

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