Berlin

Wunderdroge Ayahuasca?

Zwischen Horror-Trips und echter Heilung: Wie Ärzte, Freaks und Scharlatane um den legalen Einsatz von Drogen wie Ayahuasca ringen

Meist kommen sie am frühen Abend, mal sind es vier, manchmal 40 Leute, alle mit Schlafsack und einem Kübel ausgestattet. Gemeinsam verschwinden sie über Nacht in Privatwohnungen, Praxisräumen, auf Grundstücken im Umland. Dort trinken sie einen Pflanzensud, dann kommt der Eimer für die Kotzerei, nächste Station ist der Schlafsack. Bei den Ayahuasca-Zeremonien, die fast jede Woche in und um Berlin stattfinden, geht der psychedelische Trip ins Innere. Die Teilnehmer erhoffen sich Inspiration für ihr Leben: eine neue Richtung, die Lösung eines Problems, einen kreativen Schub. Doch unter ihnen sind auch Menschen in großer psychischer Not, die keinen anderen Ausweg sehen.

Der Ursprung von Ayahuasca

Die traditionelle Ayahuasca-Zeremonie stammt aus dem Amazonasgebiet und wird vor allem zur Selbsterfahrung genutzt. Der Besitz der verwendeten Pflanzen, der Lianen-Art Banisteriopsis caapi sowie dem Kaffeestrauchgewächs Psychotria viridis, ist in Deutschland nicht verboten – die Zubereitung des Gebräus dagegen schon. Dennoch wagen es manche Anbieter, ihre Veranstaltungen offen im Netz zu bewerben. Ihre Kundschaft ist Teil einer wachsenden Bewegung an Menschen, die in illegalisierten Drogen großes therapeutisches Potenzial sehen. Auch Wissenschaftler untersuchen etwa LSD, den Ecstasy-Inhaltsstoff MDMA, das Betäubungsmittel Ketamin und Psilocybin aus halluzinogenen Pilzen wieder auf ihren psychotherapeutischen Nutzen.

Dass diese Substanzen als hoch potente Unterstützer bei der Behandlung von Depressionen, Posttraumatischen Belastungsstörungen, Angst vor dem Sterben sowie bei Suchterkrankungen wirken können – diese Idee gibt es in der medizinischen Forschung schon lange. Doch die Verbote der Substanzen stoppte die Forschung über Jahrzehnte. Erst jetzt kehren sie in groß angelegte Studien zurück, vor allem in den USA, der Schweiz, Großbritannien, auch in Tschechien.

Zwei Tote in Reinickendorf

Erschwert wird die offizielle Rückkehr der Wirkstoffe durch fahrlässige illegale Behandlungen, die besonders bei gefährlichen Mischexperimenten tödlich sein können. So wie 2009 in einer MDMA-Sitzung in Reinickendorf. Der Arzt und Therapeut Garri R. hatte die zehnfache Dosis verabreicht und sie zudem mit einem weiteren Amphetamin-Präparat kombiniert. Zwei Männer im Alter von 28 und 58 Jahren starben.

Aus dieser Liane wird Ayahuasca gewonnen
Was aussieht, wie das nächste Urban-Gardening-Projekt, ist eine brisante Mischung. Aus der südamerikanischen Liane Banisteriopsis caapi entsteht der Pflanzensud, den man Ayahuasca nennt (unten in Flaschen auf Altar). Der Besitz der Liane ist nicht verboten, die Zubereitung schon
Foto: Jairo Galvis Henao/ Flickr/ CC BY-NC-ND 2.0

Solche Experimente seien „Menschenversuche auf hohem Niveau“, sagt Henrik Jungaberle, der Vorsitzende der Berliner Initiative MIND – European Foundation for Psychedelic Science. Die Organisation setzt sich seit Anfang des Jahres dafür ein, legale und damit sichere Kontexte für Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen zu schaffen. Das bedeutet zunächst, dass sie Wissenschaftler vernetzt – Mediziner und Neurowissenschaftler, Psychologen genauso wie Sozialwissenschaftler und Anthropologen – und gemeinsame Forschungsprojekte anstößt. Jungaberle sagt: „Im wissenschaftlichen Bereich wird alles, was mit psychoaktiven Substanzen zu tun hat, unter dem Stichwort Sucht und Krankheit und Psychose verhandelt. Dieses naive Bild möchten wir durch Sachinformationen verändern.“

Ayahuasca wird gekocht
Foto: Pluct-Plact Zoom!/ Flickr/ CC BY-NC 2.0

Der MIND-Vorsitzende, in Jeans und Hemd, wirkt weder spirituell abgehoben noch verkopft. Eher wie ein entschlossener Startup-Unternehmer. Seit 15 Jahren beschäftigt er sich als Drogen- und Präventionsforscher mit der Wirkung psychoaktiver Substanzen. Er sagt: „Die psychedelische Erfahrung ist menschliche Kultur, die wir gestalten statt verbieten sollten.“ Das Institut für Präventionsforschung, das er leitet, sitzt im Betahaus, dem hippen Co-Working­space am Moritzplatz.

der fertige Ayahuasca-Aufguss
Der fertige Sud in Flaschen abgefüllt
Foto: Henrik Jungaberle

Jungaberle unterscheidet drei Bereiche, für die die Wirkstoffe relevant seien. Da wäre zum einen der Einsatz in der Psychotherapie, eingebettet in eine langfristige therapeutische Begleitung. Die Zahl der Menschen in Deutschland, die eine solche Behandlung illegal gemacht haben, schätzt Jungaberle auf mehrere Zehntausend. Daneben gibt es die große Selbsterfahrungsszene, in der die Einzelnen ihre psychedelischen Erfahrungen ohne professionelle Hilfe verarbeiten. Als drittes unterscheidet er den Gebrauch in der Partyszene – wo es häufig unreflektierte Einnahme und Mischkonsum gebe. Wer sich für eine Legalisierung psychoaktiver Substanzen einsetze, müsse sich um alle drei Bereiche kümmern, sagt der MIND-Gründer.

Tamara, Name geändert, ist unterwegs in der Selbsterfahrungsszene. Ihrem regelmäßigen Gebrauch von Ayahuasca liegt eine therapeutische Absicht zugrunde. Die 42-Jährige schlägt als Treffpunkt einen Park in Schöneberg vor. Möglichst weit von Mithörern entfernt schildert sie, in der Sonne sitzend, wie sie ihre Trips erlebt, die sie „Reisen“ nennt. Einmal sei sie dabei ihrem verstorbenen Vater begegnet. „Da gab es so eine Kommunikation. Wo bist du? Ich bin sicher. Geht’s dir gut? Ja, es geht mir gut. Das hatte irgendwie so ein friedliches Ende.“ Dieses friedvolle Gefühl sei ihr geblieben und habe das ständige Grübeln über das Verhältnis zu ihrem Vater ersetzt. „Das Kämpfen hat aufgehört“, sagt sie.

Sie hatte nichts mehr zu verlieren

Mit Hilfe der Substanz möchte Tamara ein Kindheitstrauma überwinden. Früher habe sie nur mit ihrem Therapeuten darüber gesprochen, sagt sie. Inzwischen kann sie es ohne merkliche Anspannung schildern: Als Tamara 14 Jahre alt war, starb ihre Mutter nach kurzer Krankheit. Der Vater war nicht mehr in der Lage, einen geregelten Tagesablauf beizubehalten. Tamara landete in der Drogenszene, nahm Kokain und dealte. „Im Alter von 20 bis 23 habe ich den Großteil der Zeit in irgendeiner Gosse verbracht.“ Vom Koks kam sie los, doch das psychische Leid dauerte an. Heute weiß sie: eine Posttraumatische Belastungsstörung. „Du hast die ganze Zeit Flashbacks. Jeden Tag zwischen 30 und 40, wo es besonders schlimm war“, sagt sie. Als sie nach verschiedenen Therapien zum ersten Mal von Ayahuasca hörte, schien es ihr einen Versuch wert. Sie hatte nichts zu verlieren.
Die psychedelische Erfahrung lässt sich auf viele Arten beschreiben. Bildgebende Verfahren zeigen, dass die Steuerung durch den Neocortex vorübergehend sinkt – und damit auch Ängste schwinden, die das menschliche Ego betreffen. MIND-Gründer Jungaberle beschreibt die Erfahrung so: „Ich bin nicht dieses einsame kleine Menschenwesen, das im achten Stock einer Wohnung in Berlin hockt und mit seinem Leben so schwer klarkommt. Sondern die Welt kann in Ordnung sein, ich gehöre dazu.“ Die neurophysiologischen Veränderungen auf Zeit seien keineswegs krankhaft, sondern eine andere Funktionsweise des Gehirns. Ähnlich wie beim Sex.

Die Suche nach der psychedelischen Erfahrung scheint uraltes menschliches Verlangen zu sein. Sie ist fest in vielen kulturellen Traditionen verankert – nicht allein durch die Einnahme von Substanzen. Meditation, Tänze, Atem- und sonstige Trance-Techniken zielen alle auf den vom Alltags-Ich befreiten Zustand ab, der zur lebensverändernden Erfahrung werden kann.

Zwischen 100 und 250 Euro kostet die Teilnahme an den illegalen Zeremonien, die teilweise von selbsternannten Gurus veranstaltet werden. Das soll die Legalisierung ändern
Foto: Henrik Jungaberle

Tamara hat die erhoffte Linderung ihres Leids erreicht. Sie sagt: „Ich bin im Verhältnis zu früher richtig fröhlich, teilweise sogar glückselig, sogar mit mir alleine. Ich habe Humor für mich entdeckt. Und ich habe einen ganz anderen Zugang zu Menschen bekommen.“ Weil sich das Heilsversprechen aus ihrer Sicht bislang erfüllt, möchte Tamara auch andere über das vermeintliche Wunderkraut informieren. „Das steht ja nicht in der Apothekenumschau.“ In ihrer Arbeit als Körpertherapeutin vermittelt sie ihre Klienten ebenfalls in Zeremonien, wenn sie mit ihren Problemen bei ihr nicht weiterkommen. Bislang 100 bis 150 Leute, schätzt sie – alle hätten von der Erfahrung profitiert.

Auch sie selbst ist noch nicht fertig mit der Substanz. Sie will sie weiter nutzen, um ihr Trauma abzuarbeiten. Auf die Frage, wie oft sie Ayahuasca genommen habe, lacht sie. „Ab 40 habe ich aufgehört zu zählen.“ Dabei hat sie erst vor zweieinhalb Jahren damit angefangen. Sie selbst sieht das unproblematisch: Andere Leute gingen ja auch einmal die Woche zum Therapeuten.

Wie schnell es gehen kann, in eine Zeremonie zu geraten, zeigt sich bei der Recherche. Auf der Suche nach einer Session schreibt die Leiterin einer Zeremonie, die noch am selben Abend stattfinden soll, per SMS: „Yes you can join. It’s a private session. So the price is a bit more…“ In der Regel bewegen sich die Kosten je nach Gruppengröße zwischen 100 und 250 Euro pro Nacht. Die Anbieterin scheint weder die Anfrage genau gelesen zu haben, in der steht, dass es nur um eine Recherche geht. Noch scheint sie sich dafür zu interessieren, wer da eigentlich an der Zeremonie teilnehmen möchte. Keine Nachfrage, wer da mit welcher Absicht kommt. Und in welchem gesundheitlichen Zustand. Auch keine Nachfrage, ob die zur Ayahuasca-Einnahme empfohlene Diät beachtet wurde – einige Tage davor und danach sind zum Beispiel Kaffee und Alkohol zu meiden, aber auch bestimmte Lebensmittel und Gewürze. Die Bezahlung scheint ihr am wichtigsten zu sein. Auch Tamara weiß aus ihrer Erfahrung mit den Zeremonien: „Es hat in Berlin manchmal die Tendenz, so ein bisschen beiläufig zu sein.“ Selbsterfahrung am Fließband.

Gefahr der Psychose, die bleiben kann

Dabei zeigen die bisherigen Untersuchungen, wie entscheidend die sogenannte Integration für die psychedelische Erfahrung ist: das Erlebte zu verarbeiten und im Alltag umzusetzen. Ohne Begleitung gelingt das vielen nicht. Oft sind dann Freunde und Familie gefragt, wenn hinterher bloße Verwirrung bleibt. Die größte Gefahr ist die Psychose – Wahnvorstellungen, die vorübergehend sein können, doch bei Menschen mit Veranlagung oftmals bleiben. Jungaberle sagt: „Dass viele Leute unangeleitet und mit wenig Informationen diese Substanzen benutzen, ist einfach eine Schande. Sagen wir es mal in ganz traditionellen Begriffen: Der Verbraucherschutz ist hier absolut nicht gewährleistet.“
Neben der psychischen Ausgangslage kommen physische Risiken hinzu, die oft gar keine Beachtung finden. Jungaberle schildert ein Beispiel: Die Anfrage eines Mannes, der mit einer MDMA-gestützten Therapie ein langjähriges psychisches Leiden behandeln wollte. Er wollte wissen, ob eine Augenerkrankung, die bei ihm diagnostiziert wurde, dagegen spreche. Jungaberle leitete die Anfragen an Kollegen weiter. Zwei Stunden später hatte er drei Verweise auf wissenschaftliche Studien, die zeigen: Bei der Einnahme von MDMA hätte der Mann sein Augenlicht riskiert. Jungaberle sagt: „Solche Informationen bekommst du nur, wenn du Experten am Start hast – Und nicht, wenn Lieschen Müller, die eine abgebrochene Heilpraktiker-Ausbildung hat, Leuten MDMA gibt, weil sie denkt, das führt die Menschen in einen heiligen Raum hinein.“

Verschwörung mit dem Guru

Auch was die therapeutische Wirkung der Ayahuasca-Zeremonien mit Schamanen aus ganz anderen Kulturen betrifft, ist Jungaberle skeptisch. „Bei den vielen Patienten mit ihren verrückten Störungen, mit ihren schwierigen pathologischen Problemen, die hier auftreten, sind die indigenen Schamanen manchmal komplett überfordert.“ Was im indigenen Kontext funktioniert, scheint nicht unbedingt für Menschen mit ganz anderer Lebenswelt geeignet. Zudem scheitert eine angemessene Tripbegleitung oft schon an der Sprachbarriere. „Hier ist eine riesige esoterische Naivität zugange. Ein unangebrachtes Vertrauen in die immer heilsame Wirkung dieser Substanzen“, sagt Jungaberle.

Die Illegalität der meisten psychoaktiven Wirkstoffe erschwert den reflektierten Umgang mit ihnen. Der Patient geht eine Art Verschwörungsbeziehung mit dem Therapeuten ein. Das schafft Raum für selbsternannte Gurus mit Praktiken, die sonst bei keinem Therapeuten durchgehen würden – wie etwa sexuelle Beziehungen zu den Beteiligten. Im schlimmsten Fall gibt es Tote, wie 2009 in Reinickendorf.

Der illegalen Therapieszene tut das keinen Abbruch. Auch Anne, auch ihr Name ist geändert, arbeitet in Berlin als Therapeutin mit psychoaktiven Wirkstoffen. Sie sagt: „Es ist furchtbar, dass so etwas passiert. Das wirft uns 20 Jahre zurück in unserem Bemühen, mit Unterstützung der Substanzen ganz viele Krankheiten und Probleme heilen zu können.“ Anne beschreibt sich als Körper- und Gesprächstherapeutin mit einem Haufen Lebenserfahrung. Seit etwa 15 Jahren macht sie auf Nachfrage Sitzungen mit Klienten, in denen sie LSD, Psilocybin oder MDMA verwendet. Sie sagt: „Ich vertraue, dass ich eine gute Sache mache. Ich weiß, dass ich keine Kriminelle bin.“

Die Drogen­-Pioniere
Dieses ältere Foto zeigt Albert Hofmann, den Entdecker der Droge LSD, der 2008 im Alter von 102 Jahren starb, an der Seite von Henrik Jung­aberle, heute Vorsitzender der Berliner Initiative MIND, die sich für die medizinische Nutzung von Drogen einsetzt
Foto: Henrik Jungaberle

Das Charisma eines Gurus hat Anne, wie sie aufrecht an ihrem Wohnzimmertisch sitzt, manchmal schallend lachend. Doch darum geht es ihr nicht. Anne ist lange Mitglied bei MAPS, der Organisation, die sich seit den 1980ern in den USA für die Legalisierung psychoaktiver Wirkstoffe einsetzt. Sie arbeitete für Organisationen, die sich auf Partys und Festivals um Menschen mit drogeninduzierten Grenzzuständen kümmern. Sie verfolgt intensiv die neurophysiologische Forschung zur psychedelischen Erfahrung. Der Gedanke, die Substanzen auch für die eigene Arbeit einzusetzen, sei ihr dennoch erst gekommen, als eine Klientin sie um eine Sitzung bat, sagt Anne. Zur Vorbereitung mussten ihr die im privaten Rahmen gesammelten Kenntnisse und ein Handbuch von MAPS zur Tripbegleitung genügen.

Ginge es nach MIND, sieht das Szenario der Zukunft so aus: Es gibt ausgebildete und zertifizierte Therapeuten in Kliniken für den Einsatz. Für die Selbsterfahrungsszene stellt sich die Organisation psychedelische Zentren vor, in denen Interessierte sich informieren und medizinisch untersuchen lassen können. Auch die Trips fänden dort statt, in Begleitung von multiprofessionellen Teams – nach Bedarf auch aus dem spirituellen Bereich.

Der lange Weg in die Legalität

Bis zu fünf der ungefährlichsten Substanzen jeder Wirkstoffklasse wären in diesem Szenario zugänglich in Drogenfachgeschäften und Apotheken. Die Apotheken führten die Substanzen mit hohem Suchtpotential wie Opiate. In den Fachgeschäften würde auch Drug Checking angeboten, um bei Bedarf die Zusammensetzung zu prüfen. Was Detailfragen betrifft, müsse man systematisch ausprobieren, sagt Henrik Jungaberle. „Da fängt ein Bereich an, in dem wir sehr wenig wissen.“ Zum Beispiel, wie wirksam ein Drogenführerschein wäre. Doch all das ist Jahrzehnte entfernte Zukunftsmusik, darüber macht er sich keine Illusionen.

Die Nachfrage bleibt. Anne sagt, bei ihr lande nur, wer die Substanzen sowieso nehmen würde – dann lieber mit ihrer Begleitung. Allerdings kämen dafür nur Klienten infrage, die zuvor schon über Monate bei ihr waren, und nur wenn sie bereit seien, die Erfahrung in weiteren Sitzungen mit ihr zu verarbeiten.

Die Tripbegleitung macht Anne in ihrer Wohnung oder bei den Klienten zu Hause. Dabei hat sie schon alles Mögliche erlebt. Ruhig verlaufende Sitzungen genauso wie verschüttete Erinnerungen, die hochkommen und extrem körperliche Erfahrungen mit viel Tränen, auch Gewaltausbrüche. „Ganz wichtig ist es, lange bei diesem Menschen zu bleiben. Das ist anstrengend alleine. Ich hätte gerne Menschen dabei, die mir assistieren. Aber das ist schwer, auch wegen der Illegalität.“ Eine weitere Schwierigkeit im illegalen Rahmen sei es, die Dosis des Wirkstoffs zu ermitteln. Sie müsse alle Substanzen vorher an sich selbst testen, bevor sie sie an die Klienten weitergebe. Anne sagt: „Das Gefährlichste an Drogen ist ihre Illegalität.“ Sie versteht sich selbst als Aktivistin.

Ein für die Legalisierung gerne angeführtes Argument ist, dem illegalen Drogenhandel würde der Boden entzogen. Gegner befürchten ein Dauer-High der Gesellschaft. Jungaberle hält das für abwegig. „Die Legalisierung würde nichts daran ändern, dass es immer noch Menschen gibt, die abhängiges Verhalten zeigen oder Mischkonsum betreiben“, sagt er. Doch die Gruppe würde aufgrund des besseren Informations- und Begleitungsangebots deutlich kleiner werden. Umfassend aufgeklärt und sicher vor gepanschten Substanzen, könnten alle selbst entscheiden, wohin die Reise gehen soll.


Termin

https://www.zitty.de/event/sonstiges/drug-science-2017/

www.finder-research.com/drugscience2017

Web-Adressen

Noch in der Entwicklung ist diese Webseite: die „Altered States Database“ beschreibt, welche Bewusstseinszustände durch welche Methoden erreichbar sind.
www.asdb.info

Studien

In Zusammenarbeit mit  der Charité startet MIND diesen Herbst eine Studie über veränderte Bewusstseinszustände durch Atemtechniken. Interessenten mit Vorerfahrung können sich über die Webseite melden: www.mind-foundation.org

Das Forschungsprojekt „Global Ayahuasca Project“ untersucht den Gebrauch von Ayahuasca in verschiedenen Kontexten weltweit. Personen mit Ayahuasca-Erfahrung können an einer anonymen Online-Umfrage teilnehmen: www.globalayahuascaproject.org

 

Henrik Jungaberle rät: Wann man die psychedelische Erfahrung unbedingt meiden sollte

  • wenn man sich als psychisch labil einschätzt
  • bei vorausgegangenen psychotischen Episoden
  • wenn man psychiatrische Medikamente einnimmt
  • wenn man keine Personen um sich hat, mit denen man im Anschluss seine Erfahrung besprechen kann
  • wenn man bereits unter dem Einfluss anderer Rauschmittel steht – auch und besonders Alkohol
  • wenn das Angebot ohne Risikoinformationen kommt
  • wenn die Anbieter nicht darauf hinweisen,  dass MAO-Hemmer oder ähnliche Antidepressiva abgesetzt werden sollten
  • wenn die Anbieter die Substanz als spirituelles Allheilmittel anpreisen
  • wenn das Angebot allzu aggressiv beworben wird, ohne Angebot von Nachsorge
  • wenn die Anbieter keine Informationen zu ihrer Ausbildung und Eignung zu Tripbegleitern geben
  • bei Anbietern, die eine Religion aus der Erfahrung machen und sie in hierarchische, sektenähnliche Strukturen einbauen
  • wenn die Anbieter mit neuen psychoaktiven Substanzen arbeiten, deren Wirkweise und Nebenwirkungen sie nicht beschreiben und entsprechend dosieren können

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