Berlin

Wunstkunst

Viele Feierleute kennen die bunte ­Wunstkunst, die Marius Schäfer vertreibt. Die wieder­verwerteten Zigarettenschachteln voller ­kleiner, verspielter Nutzlosigkeiten stehen für ein ­Berlin, das am Sterben ist. Schäfer streut ­trotzdem weiter Glitzer in die Welt

Die Clublegende lebt weiter. In bunt lackierten Zigarettenschachteln. Denn eine Schachtel Wunstkunst ist so, wie die Bar 25 mal war: Voll mit ­buntem, selbstgebasteltem Quatsch und einer Menge Glitzer. Die Idee stammt aus einem Berlin der Vergangenheit. Unperfekt und gerade dadurch bezaubernd. Kein Hochglanz, sondern Handarbeit. Es gab schon vorher Kunst aus dem Automaten in Berlin, aber die war seriöser, nicht so ein Gewimmel wie in den Wunstkunst-Schachteln. „Es sollte knallig sein und in die Clubs passen“, sagt der Wunstkunst-Macher ­Marius Schäfer. „Ich wollte Orte erreichen, die nicht so etabliert sind für Kunst. Und dort die kindliche Neugier befriedigen. Mit so viel Zeug in jedem Päckchen, dass jedem irgendwas davon gefällt.“

Marius Schäfer hat 2012 mit Mitgründerin Christl Noll, die ihn immer noch ­unterstützt, den ersten Automaten mit Kunst von Freunden befüllt, natürlich im Bar 25-Nachfolger Kater Holzig. Sieben Auto­maten in drei Städten sind seitdem ­dazugekommen, Schäfer hat inzwischen an die 30.000 Schachteln verkauft, mit ­unter anderem 20 Kilogramm Glitzer darin.

In den Schachteln stecken scheckkartengroße Bildchen, beispielsweise eine Foto­collage aus Autokennzeichen: „Hach Welt, bitte heile“ steht darauf. Manche sind Sammelkarten mit Werken junger Maler, Sprüher und Designer, oder tragen einen Code, mit dem man sich Musik beteiligter Künstler herunterladen kann. Dazu gibt es Buttons, Papierröllchen mit einem Gedicht, kleine Taschen, Aufkleber, Schmuck, verrücktesten Kram. Etwa 100 Menschen haben bereits Wunstkunst beigesteuert. Sie ­bekommen bis zu zwei Euro pro Werk.

Für ein buntes Berlin

Schäfer war mal ein Businessmann, bevor er vorm Business nach Berlin floh. In den legendären Club Bar 25. „Ich war da jedes Wochenende“, sagt er. Dort entstand auch die Idee zu den Schachteln: „Es gibt in Berlin so viele Künstler, die am Existenzminimum leben. Ich will denen eine Plattform geben, um ihre Kunst zu präsentieren. Wunstkunst steht für das Berlin, für das ich hergekommen bin. Bunt und verspielt.“ Doch das ­Berlin, für das er hergekommen ist, ist ­Geschichte. ­Berlin ist nicht mehr die Stadt, in der man von Hartz IV gut leben kann. „Berlin stirbt“, sagt Schäfer. Die allermeisten Freiräume wurden gewinnbringend erschlossen, viele Künstler in die Außenbezirke oder ganz weggentri­fiziert. Schäfer ist ein Relikt. „Als ich hier ankam, war noch alles bunt, aber jetzt ist es sehr schwarz-weiß geworden.“

Marius Schäfer will sie gern knallig, damit sie in den Club passt.
Foto: Ivanka Johanna

Schäfer kämpft päckchenweise ­dagegen an: „Wunstkunst wird immer bunt und schief bleiben, weil die Welt ist mir durchdesignt genug. In ’nem Päckchen habe ich ein Einhorn zum Umhängen oder ein Gedicht, damit kann ich auch zu der Hübschen an der Bar gehen und sagen: Ich habe ein Geschenk für dich, und wenn’s dir gefällt, gibst du mir ’nen Drink aus – es ist eine Möglichkeit, die Welt ein bisschen freier und witziger zu machen. Wunstkunst soll eine kurze Flucht aus dem Alltag sein, so wie Techno es ja auch ist.“

Die Päckchen kosten meist sechs Euro, im Sisyphos nur fünf. „Der Automat steht da nicht für den Umsatz, dafür ist der Laden viel zu oft zu. Aber das ist mein Lieblingsautomat, weil er in einem Club steht, der das alte Gefühl noch ansatzweise vermittelt.“

Wie wahrscheinlich jeder 40-Jährige kommt Schäfer gelegentlich ins Grübeln. Wo stehe ich im Leben? Wo will ich noch hin? „Ich mache das seit fünf Jahren und merke, Schachteln packen macht mir einfach keinen Spaß mehr. Ich bin jetzt 40, irgendwo muss man gucken, wo man bleibt.“

Schäfer hat eine Ausbildung beim ­umstrittenen Finanzdienstleister AWD gemacht, ein Fernstudium nebenher, dann mit Anfang 20 einen Finanzbuchverlag ­gegründet. In den Jahren in München konnte er fühlen, wie es ist, viel Geld zu verdienen. Fotos zeigen ihn mit Hemd und Krawatte. „Ich bin adoptiert worden und wollte meinen Eltern gefallen“, sagt er. Dann fand er heraus, dass seine richtige Familie väterlicherseits ­voller Künstler ist. Er wollte Künstler sein. Er zog nach Berlin.

Bis heute ist davon außer gelegent­lichen Gedichten in Wunstkunst-Päckchen nicht viel zu sehen. Schäfer hat Wunstkunst auch gegründet, um angehende Künstler wie ihn zu unterstützen. Doch er selbst kam nicht wirklich voran: keine Zeit. In jedem der Päckchen steckt ein Haufen Arbeit. Schäfer muss Inhalt basteln, drucken, organisieren, Schachteln besprayen und bekleben, die Automaten nachfüllen und regelmäßig von Tags und Aufklebern befreien.

„Kunst kommt von Können, käme sie von Wollen, hieße sie Wunst.“ so zitiert Schäfer Karl Valentin, wenn er den Namen seines Projekts erklären will. Er will Künstler sein. „Kunst ist für mich ist die Gunst, etwas zu können. Wer etwas will, kann es irgendwann, durch Übung und harte Arbeit.“ Was er in den letzten Jahren vor allem geübt hat: Zigarettenschachteln dekorieren. Er bleibt vorerst ein Wünstler. Aber solche wie er landen in derselben Schachtel wie Künstlern, die er bewundert: Das ist Wunst-Kunst.

Das Basteln der Schachteln kostet ihn eine Menge Lebenszeit
Foto: Wunstkunst

Schäfers Atelier ist in einer Lichtenberger Büroruine: Eine Werkstatt und nebenan eine Hippiehöhle, an der Wand das Bild einer riesigen rosa Katze, eine Discokugel wirft bunte Strahlen durch den Raum. „Es ist nicht mehr das Berlin von vor 10, 20 Jahren, du musst jetzt Geld verdienen in dieser Stadt“, sagt er. Er will das mit Wunstkunst tun. Er wollte der Kunst nah sein und ist am Ende doch wieder Unternehmer.

Schäfer will die Firma skalieren. Mehr Automaten, mehr verkaufte Päckchen, ­Angestellte, ein Geschäftsführer – um sich in der freien Zeit künstlerisch aus dem Zigarettenschachtelformat herausentwickeln zu können. Aber auch, um im neuen Berlin als Repräsentant des alten bestehen zu können. Er ist vor dem Businessleben geflohen in die Stadt der Freiheit, und die holt das Business gerade ein. „Jetzt kann ich wieder brauchen, was ich zwischen 20 und 30 gelernt habe. Jetzt will ich Gewinn machen.“

Gerade hat er von einer Consulting­firma eine Förderung bekommen, für die er Automaten in allen Städten mit Firmen­filialen aufstellen muss. Bald will er einige Tätigkeiten an eine Behindertenwerkstatt auslagern und träumt von fertig bedruckten Wunstkunst-Kartons. Marius Schäfer hat keine Lust mehr auf Schachteln lackieren.

19. April: Ausstellung bei Bordel Des Arts im Salon zur Wilden Renate, www.wunstkunst.de