Gott und Die Welt

Wut

Jelineks Wut-Suada wird in den Kammerspielen des DT mild-ironisch spielerisch befragt

Wutbürger in Cocktail-Partylaune: Linn Reusse, Andreas Döhler, Anja Schneider, Sabine Waibel, Sebastian Grünewald – Foto: Arno Declair
ZITTY-Bewertung: 5/6

Elfriede Jelinek schrieb unter dem Eindruck der Attentate auf „Charlie Hebdo“ in Paris 2015 diesen wilden Text. Er beschreibt die Wut der Attentäter und die Hilflosigkeit und Wut der getroffenen und betroffenen Europäer, auch die der Autorin selbst.

Jelinek räsoniert und rätselt, asso­ziiert und schwadroniert, mal tiefgründig, mal albern. Wer ist lächerlicher, wer ist gefährlicher: der sich ermächtigende Mensch oder der erbärmliche Gott? Gibt es diesen Gott überhaupt und wenn ja, wie viele? Eine Überforderung: Man tut gut daran zu akzeptieren, dass nur einzelne Sätze aus dem Wörterwald im Hirn des Zuschauers zur Anschauung kommen.

Martin Laberenz und sein hervorragendes Team helfen dabei. Sie befragen und erkunden den Text neugierig, halten dabei Sektgläser in der Hand. Vom aufgeregten Party-Geplauder geht es in die Identifika­tion. Syrische Gottes­krieger, deutsche Wutbürger, milde Marien bevölkern die Bühne. Und das ohne in Karikaturen zu münden. So gelingt es etwa der jungen und fabelhaften Linn Reusse in der Rolle des Dschihadisten zugleich überzeugend zu argumentieren und naiv-neutral zu bleiben.

In diesem Schwebezustand scheint die Inszenierung manchmal klüger zu sein als der Text. Der endet in einer wütenden Anklage an Gott, eine enttäuschte Gläubige, vielleicht Jelinek selbst, ist es, die da spricht. Aber ist nicht viel eher der Mensch zur Verantwortung zu ziehen? Die Regie unterlegt mild-ironisch einen leisen Abba-Chor: „SOS – I wish I understood“. REGINE BRUCKMANN

4., 8., 19. + 27.3., 20 Uhr, DT-Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Mitte. Regie: Martin Laberenz; mit Andreas Döhler, Sebastian Grünewald, Linn Reusse, Anja Schneider, Sabine Waibel. Eintritt 23-30, erm. 9 €