Berliner Museen

Die ersten Profi-Bildhauerinnen

Starke Stücke: Studieren durften sie nicht. Die Skulptur galt als Männerdisziplin. Doch die ­Bildhauerinnen der Berliner Moderne schufen – unbeirrt – spannende Werke

Die ausgestreckten Zehen der ­tanzenden Frauenskulptur aus Bronze ragen ­gerade so über den Rand der quadratischen ­Plinthe. Die elegante weibliche Figur von ­Milly Steger steht mit dem Thema Tanz für die Goldenen 20er-Jahre in der ­Weimarer ­Republik. In deren Kunstszene befanden sich zehn Bildhauerinnen, die nun in der neuen Ausstellung „Die 1. Generation Bildhauerinnen der Berliner Moderne“ im ­Georg Kolbe Museum gezeigt werden. ­Neben Stegers um 1922 ­fertig gestellte Tänzerin beeindruckt gleich zu Beginn im Ausstellungsraum des ehemaligen Ateliers Georg Kolbes ihr weibliches Tanzpaar, dessen bronzene Körper sich in der Bewegung zu einer Dreiecksform verbinden.

Christa Winsloe: „Meerschweinchen (gelb)“, undatiert. Nachlass Christa Winslo. Foto: Enric Duch

Meerschweinchen in Lebensgröße

Steger und alle neun weiteren Bildhauerinnen wurden zwischen 1870 und 1900 geboren. Sie stehen heute für die Berliner Moderne, wurden damals aber nur zum Teil von der Öffentlichkeit anerkannt. Bei Steger, Käthe Kollwitz oder Jenny Wiegmann-Mucchi war das der Fall. Im Museum werden aber auch Werke von weniger bekannten Künstlerinnen wie Christa Winsloe ausgestellt. Winsloes Arbeiten gelten größtenteils als verschollen – trotzdem kann man nun einige Werke bewundern. Wie bei der ebenfalls gezeigten Renée Sintenis sind ­darunter Tierskulpturen, zum Beispiel die eines Meerschweinchens in Lebensgröße. Auf der ­undatierten, gezeichneten Studie dazu deutet nur ein unscheinbares „CW“ auf den künstlerischen Ursprung hin.

Allen Künstlerinnen gemein ist, dass sie trotz der Perspektivlosigkeit der Berufswahl und des Verbots für Frauen an Kunstakademien die männerdominierte und körperlich herausfordernde Bildhauerei als ihr Ausdrucksmittel wählten. Entgegen der Bedingungen erhielten einige der Künstlerinnen sogar eine akademische Ausbildung. Steger bekam zum Beispiel bis 1905 Privatunterricht von Karl Janssen, dem ehemaligen Leiter der Bildhauerklasse der Düsseldorfer Akademie, weil dieser ihre Begabung sofort erkannte. In anschließenden Studienreisen durch Europa lernte sie Auguste Rodin und Georg Kolbe kennen.

Ausstellungsansicht: „Die erste Generation“ im Georg Kolbe Museum 2018. Foto: Enric Duch

Frauenfreundschaften

Ihre Verbindung zu Kolbe riss nie ab, sie begriff sich als seine Schülerin. In ­einem ausgestellten Brief gratuliert sie ihrem „verehrtem Professor“ zum 70. Geburtstag. ­Kolbe hatte mit vielen der ausgestellten Künstlerinnen zu tun. Renée Sintenis stand ihm um 1910 Modell. Von dieser Skulptur gibt es heute nur noch Fotografien, die man im Untergeschoss des Museums findet.

Die Ausstellung beleuchtet Querverbindungen und verdeutlicht so den Einfluss der Künstlerinnen. Louise Stomps, 1900 geboren und hier die jüngste gezeigte Bildhauerin, stellte mit Sintenis 1945 aus. Der Austausch zwischen den Künstlerinnen wird mit Fotos oder Geschriebenem belegt – so auch die Freundschaft von Käthe Kollwitz zu ihrer geschätzten Kollegin Sophie Wolff oder zu Tina Haim-Wentscher, die ein verschollenes Modell von Kollwitz anfertigte.
Doch die Ausstellung nur auf die Offenlegung des Netzwerkes zu reduzieren, wäre fatal. Vielmehr führen die Kuratorinnen Kathe­rina Perlongo, Elisa Tamaschke und Julia Wallner im Kolbe Museum ein Stück Berliner Kunstgeschichte nach der Zerstreuung durch den Krieg wieder zusammen. Entstanden ist eine beeindruckende Hommage an die starken Frauen, die den Weg für viele weitere Generationen weiblicher Künstlerinnen ebneten.

Bis 17.6., Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, tgl. 10–18 Uhr, Eintritt 7, erm. 5 €