Westbams Club-ABC

X wie Xzess

Das Xzess war einer der ersten Läden, die ich als Teenie in Berlin besuchte. Damals galt es als angesagter Punkladen und Avantgarde-Anlaufstelle und war somit legendär. Dagegen spricht, dass es heute im Internet keinen einzigen Verweis mehr auf diese Stätte gibt.

In jenen Tagen zu Beginn der 80er-Jahre hatte ich ein eigenes Fanzine namens „Schwarz-Rot-Gold“ mit einer Auflage von ungefähr zwanzig fotokopierten Exemplaren. Als Medienarbeiter hoffte ich freien Einlass zum Konzert der Experimental-New-Wave-Combo Geile Tiere zu erhalten, die im Xzess ihre gleichnamige Single vorstellte. Doch an der Kasse war man von meinem Fanzine nicht beeindruckt. Ich musste trotzdem Eintritt zahlen, was ich in der nächsten Ausgabe mit einem fürchterlichen Verriss des Ladens und der Veranstaltung konterte. Heute gebe ich gerne zu, dass das Ganze eigentlich super war. Vor allem die Performance von Geile-Tiere-Macher Salomé, der kurz darauf als führender Vertreter der Neuen Wilden oder auch Jungen Wilden zu großem Ruhm gelangen sollte, war wirklich weltstädtische Kunst. Für meine eigene Karriere als Künstler hatte ich jedoch gelernt, Verrisse nicht zu hinterfragen.

Wer heutzutage beim Namen Xzess wilde Geschichten assoziiert, in denen unlimitierter Drogenkonsum und krasse Verletzungen des  Betäubungsmittelgesetz eine Rolle spielen, dem sei gesagt: In jenen unschuldigen Tagen bestand der Exzess im Xzess vor allen Dingen in „fünfzehn Bier und dann ab ins Bettchen“. Besonders exzessive Gäste warteten mit dem Nachhauseweg, bis die U-Bahn wieder fuhr.

Zeitpunkt des Besuchs: 1980

Adresse des Ladens: Irgendwo Nähe Bahnhof Zoo

Typischer Tracks: „Berlin Nite“ von Geile Tiere

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