Das Dornröschen von Kreuzberg

Yvonne Ducksworth

Yvonne Ducksworth steht für den SO36-Mythos wie keine andere. Mit ihrer neuen Band Treedeon versucht die Punk-Ikone, trotzig an den alten Idealen festzuhalten
von Gary Flanell

Am frühen Abend liegt Kreuzberg noch im Dämmerschlaf. Nur wenige Touristen bevölkern die Lokale rund ums Schlesische Tor. Ein paar Spanier lassen sich im Halbdunkel von einem Fremdenführer ein Street-Art-Motiv an einer Hausfassade erklären. Im veganen Café wird „Dornröschenkuchen“ serviert. „Hoffentlich schlafe ich davon nicht ein“, sagt Yvonne Ducks worth und lacht. Wie eine verträumte Märchenprinzessin wirkt sie nicht. Jeansjacke mit Aufnähern von Metal-Bands, Bikerboots, große Tattoos an den Armen, lange Dreadlocks. „Es hat mich nie gekümmert, ob ich mich anpassen muss oder was als Frau oder als Schwarze erlaubt war“, sagt Ducksworth. „Das war mir egal.“ Ihr Akzent ist nach über 20 Jahren Berlin immer noch nicht verschwunden. Kaum jemand steht für das alternative Kreuzberg so sehr wie die Afro-Kanadierin Yvonne Ducksworth. Als Sängerin der Band Jingo de Lunch war sie eine Zeit lang so etwas wie ein Star. Heute ist sie 48 Jahre alt, hat mit Treedeon eine neue Band gegründet, deren erstes Album nun erscheint, und muss doch feststellen: Auch an KiezIkonen geht die Gentrifizierung nicht vorbei. Aufgewachsen in Ontario und New Orleans, zog Yvonne Ducksworth mit ihrer Familie 1982 nach Frankfurt. Ein Jahr später riss die Afrokanadierin von zu Hause aus und ging – ohne großen Plan in der Tasche – nach Berlin. Das Kreuzberg, das die 16-Jährige entdeckte, als sie am Kottbusser Tor zum ersten Mal aus der Hochbahn stieg, war vom Westen her gesehen das Ende der Welt. Wer hier direkt an der Mauer wohnte, lebte am Rand. Nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich. Türken, Punks, Hausbesetzer. In Kreuzberg fand Ducksworth schnell zur Musik. Jingo de Lunch war die Band, mit der sie als Sängerin in sieben Jahren fünf recht erfolgreiche Alben aufnahm. Auf den Crossover aus Punk, Metal und Rock, der nach Revolte und Tränengas schmeckte, konnten sich Ende der 80er-, Anfang der 90er- Jahre viele Freunde harter Gitarrenmusik einigen. Vor allem auch wegen Ducksworth, die nicht nur einmalig rotzig sang, sondern mit ihrer Biografie und ihrem Aussehen auch ein linkes, multikulturelles, alternatives Kreuzberg-Klischee repräsentierte. Jingo de Lunch spielten, ohne das ausdrücklich zu wollen, den Soundtrack zur alljährlichen Randale am 1. Mai. So Hals über Kopf, wie sie sich in das Kreuzberger Leben gestürzt hat, verließ sie nach dem Ende von Jingo de Lunch 1996 Deutschland, um an ganz anderer Stelle  neu anzufangen. In Phoenix, Arizona arbeitete sie zehn Jahre lang als Fernmeldetechnikerin.

»Es hat mich nie gekümmert, was als Frau oder als Schwarze erlaubt war« 
YVONNE DUCKSWORTH

Der Umzug in die Wüste von Arizona war auch eine Flucht vor der eigenen Bekanntheit als Kreuzberger Kiez-ikone. „Ich habe dort zehn Jahre in absoluter Anonymität gelebt“, erzählt Ducksworth, „ich habe alles für mich neu erfinden müssen. Einerseits war das unheimlich befreiend, andererseits habe ich nach zehn Jahren feststellen müssen, dass ich mich nicht in das amerikanische System einleben konnte.“ Die Zeit in Phoenix bereut Ducksworth trotzdem nicht. „Vorwärts muss man schauen“, sagt sie, lacht und rückt die graue Wollmütze zurecht, unter der die immer noch beeindruckenden Dreadlocks hervorlugen. 2006 kommt sie zurück nach Berlin, reak- tiviert die alten Kontakte. Jingo de Lunch feiern ein Comeback, bringen eine Best-of- CD und ein respektables neues Album heraus. Nach dem erneuten Ende der Band 2010 sucht die überzeugte Veganerin Ducksworth ein neues Ventil, um ihrer Energie freien Lauf zu lassen. Und findet es bei den Berlin Bombshells, einem Kreuz- berger Roller-Derby-Team. Der vom Film „Rollerball“ inspirierte Sport ist eine Art Rugby auf Rollschuhen, körperbetont und ruppig, aber durchaus herzlich. Das alte Kreuzberg war auch ein Versprechen, ein Ort, in dem alternative Lebensentwürfe möglich schienen. Von diesem Image lebt der Stadtteil noch heute. Und das nicht schlecht. Viele Läden gibt es schon seit den 80er- und 90er-Jahren: SO36, Wild at Heart, den Plattenladen Core-Tex. Oder auch das Franken, eine Punkrock-Kneipe, in der Yvonne Ducksworth regelmäßig hinterm Tresen steht. Zahlreiche andere Clubs haben aufgemacht, um von diesem Ruf etwas abzuschöpfen. Das Dilemma, selbst zu diesem Wandel beigetragen zu haben, ist Ducksworth bewusst. „Früher haben die Punks am Heinrichplatz die Filme aus den Kameras der Touristen gerissen, wenn sie fotografiert wurden“, erinnert sie sich. „Heute ist das ganz anders. Aber du kannst das nicht aufhalten. Für Kreuzberg ist das zwiespältig. Es gibt nicht mehr so viele Plätze, wo man seine Kreativität ausleben kann. Andererseits leben wir davon. Es ist eine Illusion.“ Richtig rebellisch ist Kreuzberg nur noch selten. Selbst der 1. Mai wurde vom Bezirk zuletzt in beherrschbare Bahnen gelenkt. Stattdessen registriert Ducksworth auch in Kreuzberg einen Alltagsrassismus, gegen den sie ihre eigene Strategie entwickelt hat. „Am liebsten mag ich an Berlin die Dunkelheit im Winter. Ich habe das Gefühl, dass ich dann weniger auffalle. Das war schon immer so. Vielleicht habe ich deshalb immer nur in Abendjobs gearbeitet.“ Kreuzberg zu verlassen, kommt für Ducksworth aber trotzdem nicht infrage. „Ich hätte kein Problem, woanders hinzugehen“, sagt sie, „will ich aber nicht. Es kommt sowieso darauf an, was man in sich trägt. Man muss mit sich im Reinen sein, sonst klappt es nirgendwo.“ Seit 2012 spielt Ducksworth mit Arne Heesch, dem Gitarristen des Noiserocktrios Ulme, bei Treedeon und hat dort auch den Part der Bassistin übernommen. Waren Jingo de Lunch von schnellem Punk geprägt, spielen Treedeon auf ihrem Debütalbum „Lowest Level Reincarnation“ einen Mix aus Doom-Metal und Noise mit schweren Gitarrenriffs, die sich walzenartig über langsame Drumrhythmen legen. In der famiiären Doom-Metal-Community fühlt sich Ducksworth wohl. „Es gibt da viel von diesem Do-it-yourself-Spirit, alle gehen sehr respektvoll miteinander um“, beschreibt sie die überschaubare Szene. „Männer, Frauen, Junge und Alte. Diese Zusammengehörigkeit vermisse ich heute bei Punk. Ich habe das Gefühl, früher hat man sich gegenseitig mehr geschützt und geholfen.“ Wenn sie nicht gerade mit ihrer neuen Band unterwegs ist oder im Franken arbeitet, zieht sich Yvonne Ducksworth immer öfter in die eigenen vier Wände zurück, um dort in einer anderen Welt aktiv zu werden. Online Egoshooter spielen, am liebsten gut vernetzt mit anderen Playern auf der ganzen Welt, ist ihre neue Leidenschaft. „Das ist also das, was eine fast 50-jährige Musikerin macht, wenn sie keine Kinder hat: zocken“, sagt sie selbstironisch und blickt hinaus in die Dunkelheit. Die Partymeile ist zum Leben erwacht, der Dornröschenkuchen gegessen, die Nachtschwärmer aus aller Welt bestellen ihren ersten Drink. Yvonne Ducksworth wirft sich die schwere Jeansjacke über, zieht die Mütze tief ins Gesicht und verschwindet in der Kreuzberger Winternacht.

Treedeon: „Lowest Level Reincarnation“ (Exile on Mainstream/Soulfood) Record-Release-Konzert: 6.3., 21.30 Uhr, Tiefgrund, Friedrichshain, www.treedeon.com