Mein Kiez

Zehlendorf

Wo wohnst du eigentlich? zitty-Autoren schreiben über ihren Kiez. Über die Straße, in der sie leben, über den kleinen Laden an der nächsten Ecke, über nette und weniger nette Nachbarn. Diesmal: Zehlendorf.

Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, gibt es immer wieder diesen Moment. Dann nämlich, wenn ich antworte „aus Zehlendorf“. Ich meine, dann etwas in den Blicken der anderen zu erkennen. Als würde ein Schalter umgelegt. Zehlendorf? CDU-Hochburg. Großbürgertum. Viel Geld. Protzige Villen und Jaguare. Aha, meine ich sie dann denken zu hören. Aha, so eine. Ich könnte mich rechtfertigen.

Ich könnte erklären, dass Zehlendorf nicht gleich Zehlendorf ist. Dass die „richtig bekotzen Leute“, wie mein Vater zu sagen pflegt, in Grunewald und Dahlem leben. In Dahlem, wo das alte Geld sitzt und in Grunewald, wo die Neureichen wohnen. Dass es aber im richtigen Zehlendorf, dem Ortsteil also zwischen Nikolassee, Lichterfelde und Dahlem, ganz anders ist. Dass flächendeckender Reichtum sich mit den zahlreichen in die Jahre gekommenen Neubausiedlungen Zehlendorfs beißt. Dass die Jaguare woanders stehen. Aber ich will mich nicht rechtfertigen. Das habe ich lange genug getan. Heute sage ich: Ich bin froh, in Zehlendorf aufgewachsen zu sein.

Die ersten 16 Jahre meines Lebens war Zehlendorf gezwungenermaßen mein Kiez. Das Haus in dem wir lebten war keine Villa, sondern ein normales Einfamilienhaus aus den 20er Jahren mit einem Garten, in dem Apfelbäume standen. Irgendwo zwischen Freier Universität und Max-Planck-Institut gelegen, in einer kleinen Straße, in die sich niemand einfach so verirrte, nur ab und an ein Fuchs. Man kannte dort die Nachbarn, den Postboten, deren Geschichten und Probleme. Und wenn man etwas nicht wusste, dann wurde spekuliert. Über das graue Haus am Ende der Straße zum Beispiel, dessen Bewohner man nie zu Gesicht bekam, die Rollläden waren stets geschlossen. Man erzählte sich, das Haus wäre ein Bordell.

Eine Insel auf der Insel

Als meine Eltern Anfang der 1980er Jahre von Charlottenburg nach Zehlendorf zogen, taten sie das vor allem für uns Kinder. Damit wir unbehelligt spielen konnten. Bis in die Abendstunden mit dem Fahrrad umherkurven. Rollschuh fahren. Die Straße mit bunter Kreide bemalen. Meine Eltern fanden, in Zehlendorf kann man aufwachsen. Wir Kinder fanden, in Zehlendorf kann man über Zäune klettern und durch fremde Gärten stromern, auch durch den Garten des grauen Hauses. Wir wohnten zwischen einer nach anthroposophischer Lehre lebenden Familie mit zwölf Zöglingen und einer adeligen Witwe, die uns manchmal zum Tee einlud und von der ich glaube, dass sie ganz schön einsam war in ihrer großen Villa.

Als wir nach Zehlendorf zogen, war West-Berlin eine Insel und Zehlendorf eine Insel auf der Insel. Was in der Stadt passierte, zu Wendezeiten, später auch, die großen Momente, die Probleme, die neue Großstadt, mit meinem Leben hatte all das nichts zu tun. Für mich bleibt Zehlendorf das Dorf zwischen Potsdam und Berlin, als das es um 1200 gegründet wurde und das einige Wohnungsbaugesellschaften gegen Ende des 19. Jahrhunderts für zahlungskräftige Klientel attraktiv gemacht hatten. Die hier ansässigen Bauernhöfe wurden aufgekauft und in vornehme Landgüter umgebaut. So schreibt auch der Publizist und Verleger Wolf Jobst Siedler in einem seiner Erinnerungsbücher: Wer im wohlhabenden Südwesten lebt, kennt den Alexanderplatz bestenfalls aus dem Roman Alfred Döblins.

Fahre ich heute von Neukölln, wo ich jetzt wohne, nach Zehlendorf, ist das eine Reise zurück in die Jugend. Bei Frau Feldberg steht noch immer der Vogelkäfig im Küchenfenster. Die Türen haben noch den alten Anstrich. Teilweise stehen noch dieselben Autos wie damals am Straßenrand. Spaziert man hier wochentags durch die Kleinstraßen, kann es passieren, dass einem über mehrere Stunden kein einziger Mensch begegnet. Und wenn es doch passiert, wird man genauestens beobachtet. Jeder Fremde ist verdächtig. Einbrecher waren in Zehlendorf schon immer ein Problem.
Bekannte oder Freunde haben wir hier kaum noch, auch meine Eltern nicht. Wie wir sind die meisten mit der Zeit weggezogen, nach Schöneberg, Charlottenburg, Steglitz oder Kreuzberg und haben Platz gemacht für junge Familien mit kleinen Kindern. Über die Zehlendorfer sagt man, dass sie zum Laichen zurückkommen. Vielleicht stimmt das. Vor ein paar Wochen traf ich einen alten Freund auf einer Party. Er überlegt wieder hinzuziehen, seine Freundin ist schwanger. Er sagt: „Wenn der ein oder andere mitkommt, fände ich das schön.“ Für mich, das weiß ich, stimmt es nicht. Ich laiche lieber in Neukölln.

Während Berlin sich ständig neu erfindet, bleibt in Zehlendorf alles wie immer. Als wir alt genug waren, uns ohne Aufsicht in die Stadt aufzumachen, lautete die Frage nicht: Friedrichstraße oder Hackescher Markt? Wir fragten: Ku’damm oder Schlossstraße? Die Zehlendorfer Einkaufsmeile nennt sich Teltower Damm und ist für Jugendliche ziemlich unspektakulär. Dort ist die einzige Neuerung der letzten Jahrzehnte, dass man guten Kaffee nicht mehr nur im Café Anneliese bekommt, sondern auch bei Starbucks. Die Woolworth-Filiale, genauso wie die zahlreichen Parfümerien, Optiker, Apotheken und Sanitätsfachgeschäfte gab es bereits, als ich meine Eltern noch beim Einkaufen begleitete, einfach weil ich es spannend fand.

Zu Prä-Starbucks-Zeiten gingen wir in unseren Freistunden ins Anneliese, das anmutet wie eine Puppenstube und wo sich weißhaarige Frauen bereits vormittags auf ein gutes Glas Weißwein treffen. Alkohol am Vormittag wird in Zehlendorf nicht als Symbol für Arbeitslosigkeit oder soziale Verwahrlosung gewertet, das steht vielmehr für  ein Bewusstsein von Freiheit und Genuss.

Rap aus Ziggy Diggy Downtown

Für Jugendliche, die das Ausgehen entdecken, ist das Zehlendorfer Angebot spärlich, das war früher so, das wird sich nie ändern. Wenn bei uns niemand sturmfrei hatte, gingen wir in Kneipen, die eher Restaurants sind und Namen tragen wie „Litehouse“ oder „Luise“. Wie spannend diese Orte sind, erklärt sich daraus, dass man dort auch mit seinen Eltern zum Essen hingeht.

Zunächst störte mich all das nicht. Ich kannte es nicht anders. Mit unserem Wegzug Ende der 90er kam der Schulwechsel und plötzlich lebte auch ich in Berlin. Ich traf Menschen, die nicht in diesem Kokon groß geworden sind. Zehlendorf samt seinen Bewohnern wurde für mich irgendwie retro. In mir mischten sich verwirrende Gefühle von Verachtung und nostalgischem Lokalpatriotismus. So ist es bis heute.

Wenn ich mich früher mit meinen Freunden traf, hörten wir Rap aus Ziggy Diggy Downtown, wie der Bezirk unter Jugendlichen immer noch genannt wird, die Funkfüxe oder Prinz Porno, später bekannt als Prinz Pi. Manche von uns trugen damals Kapuzenpullover mit dem Aufdruck „Ziggy Diggy Fresh“. Einer unserer Jugend-Soundtracks geht so:
„Yeah yeah, Zehlendorf, ziggy diggy. Von Krumme Lanke bis OTH (Onkel Toms Hütte, Anm. d. Red.) machen wir die Raps klar. Funkfüxe. Keine Witze. Dicke Limos, fette Sitze.“

Prinz Pi widmet dem Bezirk ganze Songs , deren Inhalte auf Wikipedia als gesellschaftskritisch gewertet werden. Ein Auszug: „Man muss sich nicht dafür schämen und ich will es nicht leugnen, in Zehlendorf wo ich herkomm, wächst das Geld auf den Bäumen. Es gibt wenig Messer, schon gar keine Knarren, die Straßen sind gepflastert mit goldenen Barren. Geldsparen ist ein Fremdwort, normal sind teure Wagen, die parken vor Villen mit eigenen Garagen (…) Bei uns gibt es kaum Leute, die Stress machen, doch dafür umso mehr nagelneue S-Klassen (…) Natürlich gibt es auch ein paar primitive Proleten, doch wir haben bezirkseigene Besen, um sie wegzufegen. Man braucht nie wegzusehen, hier ist alles harmonisch, und Menschen wie du passen hier sowieso nicht.“

Es gibt Tage, wenn ich alleine bin und mich unbeobachtet fühle, da setze ich mich auf mein Sofa in meiner Neuköllner Wohnung, krame die Fotokartons heraus, lege die alten Platten auf und singe mit. Textsicher bin ich noch immer.