Konferenz

Zehn mal re:publica

Mitgründer Markus Beckedahl über das Jubiläum des Digital-Kongresses re:publica und die ­Zukunftstauglichkeit Berlins 

Markus Beckedahl
Markus Beckedahl
39, Chefredakteur von Netzpolitik.org, hat gemeinsam mit Andreas Gebhard sowie Johnny und Tanja Haeusler 2007 die re:publica initiiert, eine Konferenz für Blogger, soziale Medien und die digitale Gesellschaft. Vergangenes Jahr wurde gegen ihn wegen des Verdachts auf Landesverrat ermittelt, weil er Dokumente zu Überwachungsmaßnahmen des Verfassungsschutzes veröffentlichte.
Foto: Tony Sojka

Herr Beckedahl, die re:publica feiert ihre zehnte Ausgabe. Wie hat sich die Blogger-Konferenz seit ihrer Gründung verändert?
2007 kamen 700 Menschen, die sich zum Teil dort zum ersten Mal offline trafen. Die meisten kannten sich schon aus dem Netz. Wir wurden teilweise belächelt und von den Feuilletons der Zeitungen niedergeschrieben. Damals gab es noch Menschen, die hofften, dass Internet bald wieder aus der Mode kommt. Das hat sich jetzt geändert. Heute kommen 7.000 Menschen und 600 Rednerinnen und Redner aus 50 Ländern. Längst geht es nicht mehr nur um Blogs, sondern es ist eine internationale Gesellschaftskonferenz geworden, auf der aktuelle und zukünftige Themen der Digitalisierung diskutiert werden.

Was war das größte Organisationsproblem der letzten 10 Jahre?
Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull 2010, der dafür gesorgt hat, dass wir etliche Vortragende privat unterbringen mussten, weil sie nicht nach Hause kamen. Die haben teilweise ihre Vorlesungen, zum Beispiel in den USA, per Skype halten müssen.

Und was war der größte Lacher?
Da waren wir noch im Friedrichstadtpalast. Eine Sexbloggerin erklärte Chatroulette, das damals ziemlich angesagt war. Der zufällig ausgewählte Nutzer im Videochat hielt gleich mal seinen nackten Schwanz in die Kamera. Die Bloggerin hat den Bildschirm in Richtung der 2.000 Zuhörer gedreht, die klatschend und johlend davorhingen. Der hatte wahrscheinlich den Schock seines Lebens.

Die re:publica ist auch politisch. Wozu soll das gut sein?
Die re:publica-Community kommt aus dem Netz und ist an netzpolitischen Debatten interessiert, weil es darum geht, unseren digitalen Lebensraum zu gestalten. Einerseits wurden von der Netzgemeinde zahlreiche gefährliche Vorhaben wie die erste Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren und das Handelsabkommen ACTA verhindert. Andererseits sind großartige Projekte wie die Wikipedia entstanden, die Menschen zum Mitmachen bewegen und das Wissen der Welt für alle frei und zugänglich sammeln. Wir leben im Netz und wollen, dass dort auch unsere Grundrechte gelten und wir frei und offen kommunizieren können.

Bilder

Was bewegt die Internet-Gemeinde aktuell am meisten?
Das offene Netz, das wir schätzen und lieben gelernt haben, wird gerade geschlossen. Immer mehr Kommunikation läuft auf den Servern von immer weniger Unternehmen, die ihre eigenen Regeln definieren. Wir wollen über Gegenstrategien diskutieren, denn ein offenes Netz bedeutet auch eine offene Gesellschaft. Wir sprechen über die zunehmende Überwachung durch staatliche und private Akteure. Und wie man sich dagegen wehren kann.

Aber das Netz bietet doch auch Chancen, oder?
Sicher, Wir haben mit der re:publica in den vergangenen Jahren einen Schwerpunkt auf die internationale Maker-Kultur gelegt. Auch in diesem Jahr kommen zahlreiche Hacker und Maker vor allem aus Afrika nach Berlin, um zu zeigen, wie man sich kreativ mit Technik auseinandersetzen kann und dabei innovative Lösungen entwickelt, z.B. mit 3D-Druckern, oder um lokale WLAN-Netze zu bauen. Dazu gibt es viel Kunst und Kultur, mit eigenen Schwerpunkten auf Musik oder Virtual Reality – mit Workshops und zahlreichen Vorträgen.

Ist Berlin die Frontstadt der digitalen Revolution?
Berlin hat das Image einer digitalen Stadt. Das liegt vor allem daran, dass es hier eine große Hacker-Community gibt, hier viele kreative Menschen leben und sich ein Ökosystem rund um Startups entwickelt hat. Aber an diesem Image hat die Politik eher nicht mitgewirkt. Seit der ersten re:publica warten wir darauf, dass der Senat sein Versprechen einlöst und flächendeckend offenes WLAN aufbaut, so wie es in vielen Städten auf der Welt bereits existiert.

Wie steht es in Berlin um die Digitalisierung der Verwaltung?
Die wäre toll, wird auch immer versprochen und ich würde gerne mit meiner Verwaltung auch verschlüsselt und digital kommunizieren können. Aber ich glaube, viele Bürger wären schon froh, wenn sie ganz einfach nur rasch einen Termin beim Bürgeramt bekommen könnten.

Wie konnte Berlin dann zur Startup-Hauptstadt werden?
Neben der großen Hackercommunity waren sicher niedrige Mieten für Wohnungen und Büroflächen einer der Gründe. Und die vielen kulturellen Freiräume, zum Beispiel durch die Clubkultur, die Berlin einzigartig gemacht haben. Dazu gab es früh einige erfolgreiche Startups, die ein Ökosystem für weitere geschaffen haben. Aber durch die stark steigenden Mieten und der Verdrängung von Clubs und Freiräumen besteht die Gefahr, dass wir diese Anziehungskraft verlieren.

Berlins Polizeidrohne hat gerade ihr erstes Überwachungsfoto veröffentlicht – wo geht die Reise hin?
Neue Technologien bringen Begehrlichkeiten mit sich und das führt dazu, dass wir auch immer mehr mit Polizeidrohnen aus der Luft überwacht werden. Ich möchte aber in einer Gesellschaft leben, in der ich mich frei und unbeobachtet bewegen kann und nicht alles überwacht wird. So wie wir es bisher im analogen Raum gewöhnt sind und wie es unser Grundrecht ist. Dafür setze ich mich ein.

re:publica 2016, 2.-4.5., Station Berlin, Luckenwalder Str. 4-6, Kreuzberg

Die Top-3-Empfehlungen von Beckedahl:

  • Edward Snowden über Privatsphäre und Überwachung. 2.5., 13.30-14.30 Uhr
  • Die Stanford-Wissenschaftlerin Barbara van Schewick über den Kampf um die Netzneutralität. 2.5., 16-17 Uhr
  • Die Publizistin Carolin Emcke über Hass im Netz. 3.5., 13.45-14.45 Uhr

Mehr Infos auf der Homepage der re:publica