Kunst

Zeit der Unruhe in Beirut und anderswo

Mit Kristina Khouri und Rasha Salti, Initiatiorinnen der Ausstellung "Zeit der Unruhe", startet die HKW-Konferenz zu Fragen der Kanonbildung

Jamil Shammout und Michel Najjar zeichnen das Banner für die Internationale Kunstausstellung für Palästina, 1978, Beirut. Quelle: Claude Lazar

Nach einer ersten Station in Barcelona kommt die Ausstellung „Zeit der Unruhe“ in einer erweiterten Version ins Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW). Auf das Thema stießen ihre Kuratorinnen zufällig in einem Katalog: auf die „Internationale Kunstausstellung für Palästina“, die 1978  in Beirut  das Fundament für ein „Museum im Exil“ legen sollte.
Politisch markant war diese Ausstellung, an der auch  Eduardo Chillida, Roberto Matta  und André Masson teilnahmen. Sie wurde von der Palästinensischen Befreiungsorganisation während des libanesischen Bürger­kriegs an der Arab Universität Beirut veranstaltet und sollte eines Tages in einen Staat Palästina ziehen. Die Arbeiten von 197 Künstlern aus 30 Ländern reisten auch nach Japan, Norwegen und Iran. Als die israe­lische Armee 1982 West-Beirut belager­te, wurden die meisten Beiträge zerstört.
Die Idee zu einer historischen Rekonstruk­tion kam den Kuratoren Kristine Khouri und Rasha Salti. „Welche Geschichte wird festgeschrieben und verhandelt -– und für wen?,“ fragt Anselm Franke, der für das mehrjährige Projekt „Kanon-Fragen“ am HKW verantwortlich ist. Für den Hauskurator des HKW sind das grundsätzliche Fragen eines globalisierten kritischen Kanons der Moderne. „Welche Bilder waren im Zusammenhang mit Palästina in den letzten Jahrzehnten überhaupt möglich?“, sagt er. „Nicht zuletzt, weil es sich um eine Geschichte der Enttäuschung handelt, verhärten sich die Strukturen zunehmend.“

Kuratorinnen bei der Detektivarbeit

Die Schau der Rekonstruktion beginne „mit dem Ausgraben der Geschichte einer Ausstellung für Palästina“ und ende „bei ­einer spekulativen Geschichte der Künstler, die überall auf der Welt Ausstellungen ­machen“, sagt Co-Kuratorin Rasha Salti aus Beirut. Das Fehlen von Dokumentationen habe die Recherche zur Detektivarbeit gemacht. In der historischen Ausstellung soll es Bilder, Fotos, Lithografien, Radierungen, Illustrationen, Skulpturen gegeben haben, von abstrakter Kunst bis zum Sozialistischen Realismus.
Die Rekonstruktion stützt sich auf heutige Interviews, auf historische Nachrichtenschnipsel, persönliche Dokumente, ­Plakate, Fotos und Filmausschnitte. „Die Ausstellung ermöglicht es, vergessene Netzwerke von Künstlern aus Palästina, Beirut, Kairo und Berlin bis nach Chile nachzuverfolgen“, sagt Paz Guevara. Sie betreut die Konferenz zur Ausstellung am 18. und 19. März mit, die auch thematisieren soll, wie sich Exil auf die Beziehungen zwischen Künstlern, Solidaritätsorganisationen und Kulturpolitik auswirkt.
Das HKW wird vom Bund gefördert. Projektbezogene Gelder erhält es auch vom Auswärtigen Amt, das die historische Verantwortung Deutschlands für Israel betont und sich für die „Zwei-Staaten-Lösung“ im israelisch-palästinensischen Konflikt ausspricht. Nah an aktueller Politik will Franke die Ausstellung jedoch nicht gelesen ­wissen,  weil das „zu kaum mehr als schablonenartigen Reflexen in der Öffentlichkeit führt, auch wenn es immer einen kulturpolitischen Rahmen gibt, der hier ja auch verhandelt werden soll“. Kritik an dem Ausstellungsvorhaben von Politikern gibt es laut HKW-Intendanten Bernd Scherer nicht.

19.3.-9.5.: HKW, John-F.-Dulles-Allee 10, Tiergarten,  Mi-Mo 11-19 Uhr, Mi-So 4/ erm 3 €, Mo frei, Eröffnung: 18.3., 19 Uhr, Konferenz: 18./19.3.. Programm: www.hkw.de