Für immer und Dich

Zum 20. Todestag von Rio Reiser

Rio Reiser hat Berlin und seine Musiklandschaft geprägt wie kaum ein zweiter Künstler. Eine Spurensuche zum 20. Todestag des Ton-Steine-Scherben-Sängers.

Ende der 60er-Jahre ist Kreuzberg 36 noch ein heruntergerockter Kiez. Von dem Pulsschlag, dem Beat, dem Drive, den die Gegend später haben sollte, ist wenig zu spüren. Die Oranienstraße ist nur eine von vielen venösen Adern der Stadt, am Rande West-Berlins gelegen. Die Szene – Spontis, Anarchos und Politniks – verkehrt eher in Schöneberg und Charlottenburg.

Zu dieser Zeit kommt ein Sänger und Liedermacher in seine Geburtsstadt Berlin zurück. Er beginnt Songs für Theaterstücke zu komponieren, und wenig später, im August 1970, gründet er in einer WG in der Oranienstraße 43 mit anderen Rockern, Rumtreibern und Revoluzzern eine Band. Das ­Lebensgefühl dieser Zeit in West-Berlin, das Knospen des heutigen Kreuzbergs, wird dieser Rocksänger später wie keiner vor und keiner nach ihm in Worte und Stimmlagen fassen. Den Aufbruchsgeist. Den Widerwillen. Die Sehnsucht, es könnte anders sein.

Die Rede ist von Rio Reiser und von der Band Ton Steine Scherben. 20 Jahre ist Reiser jetzt tot. Am 20. August 1996 starb er in der „Scherben-Kommune“ im schleswig-holsteinischen Fresenhagen. Die offizielle Todesursache war Kreislaufversagen aufgrund innerer Blutungen. Er wurde nur 46 Jahre alt.

Rio Reiser auf dem Platz der Republik
Reiser 1984 auf dem Platz der Republik
Foto: imago / Votos-Roland Owsnitzki

Rio Reiser, mit bürgerlichem Namen Ralph Christian ­Möbius, war der Erfinder und die Seele der deutschsprachigen Rockmusik. Mit jedem weiteren Jahr, das nach seinem Tod vergeht, wird deutlich, welch übergroße Bedeutung er für die Musik hierzulande hatte. Spricht man heute mit Freunden und Mitmusikern wie dem Scherben-Gitarristen R.P.S. Lanrue oder der Sängerin Marianne Rosenberg, schreitet man an den Orten entlang, an denen er wirkte, bemerkt man zudem: So richtig ersetzt wurde Reiser nie.

Zwischen 1970 und 1985 singt und komponiert er Songs für Ton Steine Scherben. Mit „Keine Macht für Niemand“ nehmen die Scherben 1972 das Post-68er-Album schlechthin auf – und wirken an der Begründung des Genres Politrock mit. Die späteren Alben „Wenn die Nacht am tiefsten“ (1975) und „IV“ beziehungsweise „Die Schwarze“ (1980) sind kunstsinniger, experimentierfreudiger und weniger plakativ – und deshalb vielleicht umso beeindruckender. Mit den Scherben hält auch die Independent-Kultur Einzug in der deutschen Musik: Das bandeigene Label „David Volksmund Produktionen“ ist eine der ersten unabhängigen Plattenfirmen hierzulande.

Populär wird Reiser erst als König. Nach vorläufiger Auflösung der Scherben – 2012 werden die übrigen Scherben wieder unter dem alten Namen auftreten – startet er 1985 eine Solokarriere. Der 80er-Pop-infizierte Song „König von Deutschland“ (1987) wird sein bekanntestes Stück zu Lebzeiten. Mit „Junimond“ und „Für immer und Dich“ schreibt er Liebeslieder, wie man sie bis dahin auf Deutsch noch nicht gehört hat. In Reisers Songs ist die ganze Welt – doch in seinem Wirken steckt auch viel Berlin. Eine Spurensuche zeigt das.

Reiser und Gysi bei einer Wahlkampfveranstaltung der PDS

Reiser und Gysi bei einer Wahlkampfveranstaltung der PDS
Foto: imago / Detlev Konnerth

Naunynstraße 63

In der Naunynstraße 63 befindet sich heute ein recht typisches Kreuzberger Jugendzentrum: Die „Naunynritze“ ist von innen mit Graffiti verziert, Kreuzberger Jugendliche rappen, beatboxen, tanzen hier oder hängen einfach nur ab.

1969 ist dieses Haus – schon damals ein Jugendkulturzentrum – eine der ersten künstlerischen Stationen Rio Reisers in Berlin. Mit seinen Brüdern Gert und Peter Möbius hat Reiser zu dieser Zeit „Hoffmanns Comic Teater“ gegründet, für das R.P.S. Lanrue und er die Musik schreiben. „Magisches Theater“ nennen sie es. Nach einer Weile spalten sich Rio und Gert mit dem „Rote Steine“-Lehrlingstheater von dem Ensemble ab. Sie schaffen eine Bühne für Rocker, Gammler und Arbeiterjugendliche: Ein Novum zu dieser Zeit.

Im Repertoire des Theaters ist auch das Stück „Rita und Paul“. In der Handlung zertrümmert der Protagonist einen Fernseher, nachdem er den Kommentar eines verknöcherten, konservativen Journalisten gehört hat. Rio singt die passenden Verse dazu: „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. Nein, er singt sie eigentlich nicht – er schreit sie, röhrt sie, rotzt sie heraus. So, wie es viel später die Punks tun sollten. Das Stück schafft es später auf das Debütalbum der Scherben („Warum geht es mir so dreckig?“, 1971).

Reiser mal ganz artig
Reiser mal ganz artig (P.S.: tut nur so)
Foto: Gert Moebius

Bethanien/Rauchhaus

„Der Mariannenplatz war blau/ soviel Bullen waren da/ und Mensch Meier musste heulen/ das war wohl das Tränengas“: Mit diesen Versen beginnt der „Rauchhaus-Song“, den die Scherben 1972 aufnehmen. Rio krächzt diesmal fast den Text, der in einen Refrain mündet, den jeder Hausbesetzer heute im Schlaf rezitieren kann: „Ihr kriegt uns hier nicht raus!/ Das ist unser Haus!“

Den Song schreibt die Band nach der Besetzung des Georg-von-Rauch-Hauses. Am 8. Dezember 1971 spielen die Scherben in der TU-Mensa ein Konzert – im Anschluss besetzen 300 Konzertbesucher das ehemalige Schwesternwohnheim am Bethaniendamm. Der Chor im Song besteht aus einem zusammengewürfelten Haufen aus der Guerillero-Szene, mit dabei ist der nun verstorbene Michael „Bommi“ Baumann.

R.P.S. Lanrue – bürgerlich Ralph Peter Steitz – grinst ein bisschen in sich hinein, wenn er den „Rauch-Haus-Song“ ­heute die „inoffizielle Hymne Kreuzbergs“ nennt. Lanrue war Gitarrist der Scherben und über lange Jahre Rio Reisers bester Freund. Der 66-Jährige, der stilecht mit Hut und Federohrring zum Interview erscheint, erzählt bei einem Bier: „Damals habe ich wirklich immer gedacht, am nächsten Tag gehe die Revolution los. Wenn wir gespielt haben, brannte ganz Kreuzberg. Das geschah alles sehr intuitiv und spontan. Wir waren ja keine politisch-analytische Band.“

Noch immer finden im Rauch-Haus Punkkonzerte und Partys statt, derzeit prangt ein Transparent mit der Aufschrift „Henkel, hau ab“ an der Fassade. Rostige Bauwagen und bewohnte Kleintransporter stehen auf dem angrenzenden ­Wagenplatz und auf dem Parkstreifen. Bis heute sind die ­Bewohner nicht „raus“ aus dem Rauch-Haus.

Rio ReiserFoto: Gert Moebius
Rio Reiser
Foto: Gert Moebius

Tempelhofer Ufer 32

Die Vorgärten sind gepflegt an diesem schmucklosen Haus am Tempelhofer Ufer 32. Eine blank geputzte weiße Porzellantafel ist das einzige, das daran erinnert, dass sich hier Musik- und Politgeschichte zugetragen hat: Es ist eine Berliner Gedenktafel. Sie weist darauf hin, dass Rio Reiser von 1971 bis 1975 hier lebte.
In der so genannten „T-Ufer“-Kommune wohnt zeitweise die gesamte Frühbesetzung der Scherben – neben Rio und Lanrue ist das Bassist Kai Sichtermann. Hier gehen auch Leute aus dem konspirativen und militanten Milieu ein und aus: RAF-Mitglieder, die sogenannten „Haschrebellen“ und Mitglieder der daraus hervorgegangenen „Bewegung 2. Juni“.

Ähnlich wie in der berühmteren „Kommune 1“ streitet man im „T-Ufer“ erbittert um das richtige Leben – jenes nach der Überwindung des Kapitalismus, versteht sich. Das T-Ufer ist zu dieser Zeit ein Ort der Libertinage, ein typisches Früh-70er-Wohnexperiment, dessen Bewohner nach neuen Lebens- und Liebensformen suchten. Dabei ist Rio als schwuler Mann auch innerhalb der Szene in sexuellem Sinne Outsider, denn ganz so libertär, wie man gern gewesen wäre, war man wohl nach innen doch nicht. Rio machte zwar kein Geheimnis aus seinem Schwulsein – so normal wie heute in linken Kreisen war Homosexualität dennoch nicht. Auch den Paragrafen 175 gab es zu dieser Zeit noch –  wenn Männer miteinander ins Bett gingen, musste das konspirativ bleiben.

In einem Stück wie „Wir müssen hier raus“, das in dieser Zeit entsteht, zeigt sich auch die Sehnsucht nach persönlicher sexueller Freiheit. Die 68er hatten den Anfang vom Ende der Disziplinargesellschaft eingeläutet – nun singt Rio Reiser: „Wir müssen hier raus/ das ist die Hölle/ wir leben im Zuchthaus/ wir sind geboren, um frei zu sein/ zwei von Millionen/ Wir sind nicht allein“.

Alte TU-Mensa, Hardenbergstraße 35

Das Treppenhaus im Studentenhaus an der Charlottenburger Hardenbergstraße atmet noch heute ein bisschen End-60er-Geist. Die Wände sind in BRD-beige gehalten, die Decken sind tief, mattes, gleichmäßiges Licht verteilt sich über die Flure. Ein hartnäckiger abgestandener Geruch liegt in den Gängen. Ein Plakat bewirbt „Jam Sessions“ für Studenten. In der ersten Etage befindet sich ein großer Saal, in dem sie stattfinden.

Reiser 1988 bei einem Konzert
Reiser 1988 bei einem Konzert
Foto: imago / Votos-Roland Owsnitzki

Hier spielen die Scherben Anfang der 70er mehrmals, hier haben sie ihre ersten legendären Auftritte. Die A-Seite des ersten Scherben-Albums  ist der Live-Mitschnitt eines Konzerts, das hier stattgefunden hat. Gitarrist Lanrue sagt, die TU-Mensa sei sein „zweites Zuhause“ gewesen, der AStA sein „zweites Büro“. Sich zu Teach-Ins treffen, Raubdrucke linker Klassiker und Vinyl unters Volk bringen, munter kiffen, rege diskutieren: Dafür steht damals die TU-Mensa.

Schwarzes Café

Marianne Rosenberg sitzt auf der Terrasse des Schwarzen Cafés an der Kantstraße in Charlottenburg. Sie trägt eine große Sonnenbrille, redet langsam, mit Bedacht. Zwischendurch nippt sie an einem Milch­kaffee. Rosenberg und Rio Reiser verband eine enge Freundschaft bis zu seinem Tod. „Wir sind viel ausgegangen, durch die Stadt gezogen, in Cafés, Bars, in den Dschungel, die Paris Bar“, erzählt die heute 61-jährige Sängerin. „Das Schwarze Café war oft die letzte Station, weil es das einzige Lokal war, das am frühen Morgen noch geöffnet hatte.“ Über den Tod Rio Reisers und über die Nächte im Schwarzen Café hat Rosenberg, der bis heute das Etikett der Schlagersängerin anhaftet, vor einigen Jahren auch ein Jazz-Stück geschrieben („Im Schwarzen Café“, 2007).

Die schönsten Momente mit Rio Reiser beschreibt sie ­heute so: „Manchmal, wenn wir mal wieder durch die Nacht gezogen sind und alle schon eine Menge Gläser geleert hatten, setzte er sich in den Kneipen ans Klavier. Er spielte dann den Marlene-Dietrich-Song ‚Wenn ich mir was wünschen dürfte‘. Wenn er das sang, mit seiner Stimme, die klang, als hätte er nicht nur ein Leben hinter sich, sondern zig Leben – dann war das der Wahnsinn. Diese Stimme, die berührt uns doch alle.“

Reiser als "König von Deutschland"
Reiser als „König von Deutschland“
Foto: imago / Horst Galuschka

Als Rosenberg Anfang der 80er-Jahre erstmals die Musik der Scherben hört, ist sie hin und weg. Sie kontaktiert die Band, will die Musiker kennenlernen. Die Scherben laden sie in die Landkommune in Schleswig-Holstein ein, in der sie zu dieser Zeit leben. Dort begegnet sie Reiser zum ersten Mal: „Er kam mir ganz zierlich vor, er war auch nicht besonders groß. Und er hatte diese riesengroßen Augen, mit denen er mich ansah. Irgendwie war er anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte.“

Künstlerisch ist Reiser für Rosenberg in der deutschsprachigen Rockmusik bis heute unerreicht: „Sprache so zu benutzen wie Rio es tat – das war einzigartig. Und das sehe sicher nicht nur ich so. Er schrieb kämpferische und zugleich sehr einfühlsame Texte.“

Werner-Seelenbinder-Halle/Velodrom

Rio und die Scherben – das ist durch und durch das alte West-Berlin. Reiser trat aber auch im Ostteil der einst geteilten Stadt auf. An zwei Abenden Anfang Oktober 1988 spielte er in der Werner-Seelenbinder-Halle, die sich zu dieser Zeit noch dort befand, wo später das Velodrom gebaut wurde.

Den Mitschnitt dieses Konzerts kann man bis heute nachhören. In dem Song „Der Traum ist aus“ singt Rio Reiser: „Gibt es ein Land auf der Erde, wo dieser Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur eins und da bin ich mir sicher: Dieses Land ist es nicht!“ Ein Großteil der 6.000 Besucher skandiert diese Zeilen laut und enthusiastisch mit. Gut ein Jahr später ist die Mauer Geschichte.

Reiser im Gothic-Stil
Reiser im Gothic-Stil
Foto: Sony Music

Alter St.-Matthäus-Kirchhof Berlin

Auf dem St. Matthäus-Friedhof in Schöneberg liegt ein Stein in Herzform auf seinem Grab. Eine Banderole mit der Aufschrift „Rio“ ist quer über das Herz in den Stein gemeißelt. Hinter den Grabstein hat jemand eine selbstgebastelte Krone für den König aufgestellt.

Ein Pärchen, vielleicht Mitte zwanzig, geht an diesem warmen Sommertag über die Friedhofsallee. Sie sind überrascht, als sie eine unauffällige Gedenkstätte zu ihrer linken ent­decken: „Wie krass, da ist das Grab von Rio Reiser“, sagt er zu ihr. Er habe nicht gewusst, dass der hier liege. Ein Freund von ihm sei großer Fan, erzählt er. Er macht ein Foto mit dem Smartphone. „Das ist ja sympathisch, dass das Grab so unauffällig und ‚normal‘ ist“, sagt er.

Grab von Rio Reiser auf dem Alten St. Matthäus-Friedhof in Schöneberg – Foto: Friedhelm Teicke
Grab von Rio Reiser auf dem Alten St. Matthäus-Friedhof in Schöneberg – Foto: Friedhelm Teicke

Blickt man genauer hin, sieht man aber schon einige Liebesbekundungen zwischen dem Grün hervorlugen. In Form von Gitarrenplektren, Schnapsgläsern, CDs und einer Zwille aus Holz. Ein Schwarz-Weiß-Foto von Rio Reiser steht auch zwischen den Blumen. Und es gibt Muscheln und handschriftliche Zettel mit Grüßen. Auf einem steht einfach nur: „Danke, Rio“.

Text: Jens Uthoff

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