Berliner Kunsthäuser

Zwei Frauen auf Reisen

Anahita Razmi und Heba Y. Amin sind Grenzgängerinnen zwischen islamisch und christlich geprägter Welt. Das Künstlerhaus Bethanien bringt sie zusammen

Heba Y. Amin
Heba Y. Amin. Foto: Courtesy of the artist

Wenn sie Reklame für sich macht, wirkt sie nicht gerade bescheiden: „Reza Abbasi – Shirin Neshat – Kamal-ol-Molk – Parviz Tanavoli – Abbaas Kiarostami“, heißt es in ihrem Promo-Video, und der Aufzählung bekannter Künstler aus dem Iran folgt gleich ihr eigener Name: Anahita Razmi.

Das Promo-Video ist Teil von Razmis Ausstellung „Term and Reversion“ im Künstlerhaus Bethanien und lehnt sich direkt an Chris Burdens Promovideo von 1976 an. Darin stellt der US-amerikanische Künstler seinen Namen in eine Reihe mit da Vinci, Michelangelo, Rembrandt und Picasso.

Wie Burden hat Razmi ihren Werbespot im Fernsehen geschaltet und macht gerade durch die Parallelen auf die Unterschiede aufmerksam: Das iranische Fernsehen wird vom Staat bestimmt; Shirin Neshat, eine der bekanntesten Künstlerinnen aus dem Iran, darf im Land nicht gezeigt werden. Der Bezug zur Kunstgeschichte zählt zu Razmis Methode. Es sei ihr wichtig, viele Werke zu kennen, anstatt das Konzept von Originalität hochzuhalten, sagt sie. „Gleichzeitig ist Appropriation eine Strategie für mich, bekannte Dinge zu rekontextualisieren.“

 

Alte Handelswege

Razmi wurde 1981 in Hamburg geboren, als Tochter einer Deutschen und eines Iraners. In der Kunst setzt sie sich mit ihrer Herkunft auseinander, mit Widersprüchen, Vorurteilen, überkommenen Gendernormen, und das stets mit Humor: „Ich versuche, das Spiel mit Stereotypen und mit dem weiblichen Körper gerade im Bezug auf den Mittleren Osten leicht und zugänglich zu machen“, sagt sie. „Humor ist wunderbar, weil er Ambi­valenzen zulässt und keine ein­dimensionale Positionierung fordert.“ So posiert sie in der Fotoserie „New Silk Road Pattern #02“ leicht bekleidet in Billig-Shirts mit fehlerhaftem Aufdruck, gekauft auf Märkten in Teheran, Peking und Istanbul – Bilder einer Suche nach Mustern auf der heutigen Seidenstraße.

Anahita Razmi.
Anahita Razmi. Foto: Courtesy the Artist

Alte Handelswege und damit verknüpfte Geschlechterhierarchien sind auch Heba Y. Amins Thema. Amin, 1980 in Kairo geboren, ist ebenfalls Stipendiatin des Künstlerhauses gewesen, auch sie stellt derzeit dort aus. Sie bringt das Buch eines maurischen Gelehrten aus Spanien mit ihren Erfahrungen auf den heutigen Migrationsrouten zusammen, die sie bereist hat. Abu Ubaid al-Bakris „Buch der Königreiche und Wege“ aus dem 11. Jahrhundert beschreibt westafrikanische Handelswege, gespickt mit sexistischen, exotisierenden Darstellungen von Frauen. In Fotografien, Skulpturen und Videos erzählt Amin von ihrem Versuch, den Reisebericht zu re- und dekonstruieren.

 

Vermessen der Gewalt

Mit einem Theodolith, einem Vermessungsgerät auf einem Stativ, erforschte sie Landschaften, schloss fotografisch die Lücken im Text, füllte Geografien mit politischer Wirklichkeit, stellte filmisch den sexualisierenden Blick der Grenzsoldaten auf sie als Reisende aus. „Das Projekt wurde zu einem Weg, nicht nur Gender-Dynamiken, sondern Objektifizierungen verwundbarer Körper zu erforschen“, erklärt sie. „Ich begann, die in der Landschaft eingebettete Gewalt zu dokumentieren.“

Auf der Untersuchung und Visualisierung von Landschaften in Zeiten von Digitalisierung und Migration liegt der Fokus Amins, die derzeit als Doktorandin an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies der Freien Universität unterrichtet. Was sie mit Razmi verbindet, ist auch ihre Radikalität. Mehr von und zu beiden erfahren können Besucher bei einem Gespräch mit den Künstlerinnen am 9. Februar.

Bis 12.2: Künstlerhaus Bethanien, Kottbusser Str. 10, Kreuzberg, Di–So 14–19 Uhr, Eintritt frei