Doppelt Leben

Zwischen zwei Welten: Die Berliner Sängerin Elif

Die Berliner Sängerin Elif lebte zwischen zwei Welten. Nun könnte sie der erste deutsch-türkische Popstar werden

Es ist ja schon seltsam. Warum gibt es keinen deutsch-türkischen Popstar? Jemanden, der berichtet, wie es sich so lebt als Deutscher mit Wurzeln in einem anderen Land. Klar, die einschlägigen Rapper tun das, aber sie machen der Mehrheitsgesellschaft Angst. Außerdem nehmen sie nahezu ausschließlich eine einzige Perspektive ein, die des rabiaten Aufsteiger aus kleinkriminellem Milieu, die nun wirklich nicht repräsentativ ist für die Gänze der türkisch-deutschen Community. Dabei würde es sich doch anbieten für eine Verarbeitung in Songs, das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen, die daraus folgende Zerrissenheit, das Fremdbleiben hier wie dort, das dann doch noch Ankommen, die Suche nach Heimat. Die zweite und dritte Generation, die hätte doch was zu erzählen. Und sucht sicher auch nach Stimmen, die ihre Geschichte erzählen. Also, warum gibt es ihn – im Gegensatz zu Regisseuren, Moderatoren, Schauspielern oder Nachrichtensprechern – eigentlich noch nicht, den deutsch-türkischen Popstar?

Vor 24 Jahren in Moabit geboren, mit 16 gab sie den türkischen Pass ab
Foto: F. Anthea Schaap

Nein, darauf hat auch Elif keine schlüssige Antwort. Was daran liegen mag, dass sie zu dicht dran ist an dieser Frage, scheint sie doch selbst auf dem Wege, genau das zu werden: der erste gesamt-deutsch-türkische Popstar. Nun erscheint ihr zweites Album „Doppelleben“, das schon im Titel anspricht, was sich nicht unbedingt vordergründig thematisch durch das Album zieht, aber doch durch fast alle Songs schimmert: Die Erfahrungen einer 24-Jährigen, die als Kind von türkischen Einwanderern in Moabit aufgewachsen ist, und, obwohl sie gerne mit 16 Jahren ihnen türkischen Pass abgegeben hat, weil sie das Gefühl hatte, er wäre ihr „aufgedrückt worden“, trotzdem damit leben muss, „seltsam angesehen zu werden, sobald ich in eine kleinere Stadt komme“.

„Meinen Papa“ nennt Elif Demirezer ihren Vater im Gespräch stets liebevoll. Schon auf ihrem Debüt hatte sie ihm ein Lied geschrieben. In „Baba“ beschreibt sie einen Mann, der mit seiner Frau 1988 nach Berlin kam, malocht für seine vier Kinder, aber nie so richtig heimisch wurde in Deutschland, doch irgendwann auch seine alte Heimat verloren hatte, darüber verstummt und sich ins Casino flüchtet. Ein sehr privates Lied, aber ein exemplarisches Schicksal. Ein Popsong, der viel gelernt hat von Juli oder Silbermond, mit denen der Teenager Elif groß wurde, und seine Erfahrungen aufbereitet. Allgemein gültige Erfahrungen mit einem Generationenkonflikt, wie ihn jeder kennt, aber eben auch sehr typische Erfahrungen, denn dieser Generationenkonflikt wurde zusätzlich verkompliziert durch die Diskrepanz zwischen, wie sie es beschreibt, der „Draußen-Elif, der die Welt offen zu stehen schien, und der Zuhause-Elif, der braven türkischen Tochter, die sich fügt“.

Diese erste Platte ist bereits vier Jahre alt, zuvor war Elif schon mit Tim Bendzko auf Tour, war in „Inas Nacht“ eingeladen und hatte vor allem eine Casting-Show überlebt, von der sie heute sagt, dass sie dort viel gelernt hat, vor allem eins: was sie nicht will. Deshalb, sagt sie, „gab es Momente, in denen ich mich fragen musste: Werde ich jetzt eine Poptussi oder mache ich Kunst?“ Deshalb hat sie sich Zeit gelassen für den Nachfolger, und ihre Plattenfirma, der größte Popmusikkonzern der Welt, hat ihr diese Zeit gegeben, vermutlich wissend, dass das Konstrukt deutsch-türkischer Popstar nur funktioniert, wenn es schlüssig scheint.

Und um schlüssig zu sein, müssen in Elifs Liedern die Brüche ihrer Identität aufscheinen. Deshalb war es für sie, sagt die junge Frau, nie eine Frage, dass sie Deutsch singen würde, andererseits übersetzt sie beim Texten mitunter Metaphern aus dem Türkischen direkt ins Deutsche, was ihrer „eigentlichen Muttersprache“ einen zusätzlichen poetischen Drall gibt. Deshalb beginnt das Album „Doppelleben“ auch mit den Tönen einer Duduk, dem armenischen Nationalinstrument. Der Einsatz der Flöte ist aber mitnichten ein politisches Statement, tatsächlich hat Elif, gibt sie zu, nicht einmal etwas von den Verwerfungen mit der Türkei gehört, nachdem der Bundestag die Verbrechen an den Armeniern zum Völkermord erklärt hatte. Der Klang der Duduk erinnere sie einfach an ihre Kindheit. Andererseits aber hat Elif eben auch den DDR-Klassiker „Als ich fortging“ gecovert und beschäftigt sich momentan ausgiebig mit Rio Reiser, Holger Biege und Manfred Krug.

So wie Krugs Swing-Songs aus seiner Musikkarriere in der DDR, neigen auch Elifs Lieder zu einer gewissen pompösen Gefühligkeit. Vom Schlager sind sie doch noch weit entfernt, eher fühlt sich Elif zuhause bei jungen Milden wie Clueso und Bosse, der sie auch schon mit auf Konzertreise genommen hat. Dort steht sie vor einem Publikum, das meist nicht einmal weiß, welchen Hintergrund die Sängerin hat. Dem das vielleicht auch egal wäre. Oder eben auch nicht. „Nehmt mich so, wie ich bin bin“, singt Elif im Titellied ihres Albums mit Blick auf ihre Eltern, aber sie könnte auch das Bosse-Publikum gemeint haben oder die Mehrheitsgesellschaft. „Vor allem geht es um die Frage: Wer bin ich? Und wo will ich hin?“, sagt Elif. „Wenn man darauf Antworten hat, dann verschwindet das Chaos von allein. Dass ich mir diese Fragen so intensiv stelle, das mag damit zu tun haben, wie ich aufgewachsen bin.“


Elif: „Doppelleben“, ist soeben erschienen bei Vertigo Berlin/Universal.
Elif spielt am 6.10. im Lido, Cuvrystraße 7,  Kreuzberg