alte Zukunft

Die Second-Sale-Kultur

Immer mehr Menschen tauschen Kleidung, anstatt neue zu kaufen –
warum das der Beginn einer Moderevolution ist

Es ist ein kalter Sonntagnachmittag in Kreuzberg, kein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Nur vor dem Geschäft „Faster, Pussycat!“ versammeln sich junge Frauen, die prall gefüllte Tüten und Baumwollbeutel in den Händen halten. Als die Tür aufgeschlossen wird, bilden sie eine Reihe, packen ihre Taschen am Tresen aus und erhalten Dollarscheine dafür: drei für eine Jacke, zwei für ein Kleid, einen für ein Oberteil.

„Swap Party“ nennt sich das, was hier stattfinden wird. Eine Veranstaltung also, auf der Kleidung getauscht wird. Das Prinzip ist simpel: Man bringt ein paar abgelegte Kleidungsstücke mit, bekommt dafür je nach Wert und Zustand Tauschgeld und kann anschließend neue, naja, andere Sachen einkaufen. Entstanden sind die Partys während der Finanzkrise in New York, als Frauen nicht auf Abwechslung in ihrem Schrank verzichten, dafür aber kein Geld ausgeben wollten. Inzwischen ist die Idee in Berlin angekommen. Zu den größten Tausch-Events zählen „Swap in the City“ und der „Skyy Swap Market“, der im vergangenen Sommer mit 700 Gästen im Oderberger Stadtbad stattfand. Aber auch kleine Geschäfte, Vereine oder einzelne Personen organisieren die Veranstaltungen. Wie zum Beispiel Karin Fröhlich an diesem Nachmittag.

 

 

Sie hat Modedesign studiert, und irgendwann stellte sie fest, dass sie nicht ständig Neues produzieren, sondern nachhaltig arbeiten will. Also begann sie zu tauschen. Erst nur mit ein paar Freundinnen im Wohnzimmer, dann auf öffentlichen Events. „Es ist ja nicht so, dass unsere Klamotten kaputt sind und wir unbedingt etwas Neues brauchen. Wir sind nur so schnell gelangweilt davon.“ „Common Vintage“ heißen ihre Partys, „Common“, um den Gemeinschaftsgedanken zu symbolisieren, „Vintage“, weil es der Modebegriff für „Second Hand“ ist.
Inzwischen sind mehr als 60 Gäste im „Faster, Pussycat!“ eingetroffen. Doch kaum jemand will durch das Tauschen Geld sparen. Rosemarie kommt, weil sie nette Leute trifft. Alina schätzt an den Partys, dass sie nachmittags stattfinden. Und Katharina und Sabrina wollten ein paar Sachen loswerden. Bisher haben sie alte Kleidung beim Roten Kreuz abgegeben. „Aber seitdem man in letzter Zeit immer wieder hört, dass die Sachen von der Textilwirtschaft zerstört werden – da tauschen wir lieber.“

„Die Altkleider-Lüge“ hieß ein Bericht, den der „NDR“ im November 2011 ausstrahlte. Damit wurde aufgedeckt, dass viele Kleidercontainer in Deutschland privaten Unternehmen gehören und die Spenden daraus an Entwicklungsländer verkauft oder tatsächlich zerstört und zum Beispiel als Dämm-Material wiederverwertet werden. Bei Hilfsbedürftigen komme davon wenig an, hieß es. Wohin also mit den alten Sachen? Verkaufen, wegschmeißen – oder tauschen? Immerhin gibt der Durchschnittsbürger im Jahr 888 Euro für Bekleidung aus, trägt aber – so belegt die Studie eines Waschmittelherstellers – nur die Hälfte davon und räumt höchstens einmal im Jahr den Kleiderschrank auf. Die meisten entdecken dann Teile, die sie längst vergessen haben und so besitzen 79 Prozent der Deutschen Kleidung, die unberührt über Jahre im Schrank liegt. Erbstücke, Fehlkäufe, Erinnerungen.
Auf den Swap Partys ist bereits das zu spüren, was das Deutsche Zukunftsinstitut in Kelkheim für die nächsten zehn Jahre voraussagt: Die Entwicklung einer Second-Sale-Kultur, einer wahren Moderevolution also. Bereits vorhandene Dinge werden nicht mehr sofort im Müll landen, sondern in den Verkaufskreislauf zurückgebracht. Kommt es doch zu Neuanschaffungen, dann kauft man weniger und greift stattdessen zu höherer Qualität. Es geht nicht mehr darum, viel und immer wieder Neues zu besitzen. Vielmehr wächst das Verständnis, dass Konsum und Nachhaltigkeit einander nicht ausschließen.

Modeketten, die mit günstigen Preisen werben, bekommen die Auswirkungen des Umdenkens gerade zu spüren. Bei H&M zum Beispiel sank der Gewinn im letzten Jahr um mehr als 16 Prozent. Doch anstatt auf das veränderte Konsumverhalten einzugehen, reduzierte das Unternehmen seine Preise nur noch weiter und plant für 2012 gleich 275 neue Geschäfte. Andere Modefirmen sind da einen Schritt weiter. Das japanische Label Uniqlo etwa bietet mit seinem „All-Product-Recycling“-Projekt an, alle verkauften Kleidungsstücke auch wieder zurückzunehmen und sinnvoll zu verwerten. Die spanischen Filialen von Mango belohnten im letzten Jahr jedes zurückgebrachte Teil mit 20 Prozent Rabatt auf den Neueinkauf. Und das französische Jeanslabel A.P.C. macht mit der Linie „Butler worn out“ sogar sichtbar, was mit den zurückgenommenen Hosen passiert: Gewaschen, repariert und schließlich mit den Initialen des ursprünglichen Trägers bestickt, kommen sie als Unikate wieder in den Verkauf. So wird man selbst zum Teil einer Geschichte und bleibt mit dem Gefühl zurück, etwas Gutes getan zu haben.
Jeans, Röcke, T-Shirts, Blusen – auf der „Common Vintage“-Party hängen alle abgegebenen Kleidungsstücke auf Bügeln. Keine Designerteile, aber durchaus schöne, tragbare Sachen. Die Gäste drängeln sich um die Kleiderstangen und überlegen nicht lang: Was auf den ersten Blick gefällt, wird unter den Arm geklemmt. Karin Fröhlich ist zufrieden. In Zukunft möchte sie alle zwei Monate eine Party organisieren und den Tauschservice von „Common Vintage“ online anbieten. Auch wenn die Akzeptanz für gebrauchte Kleidung steigt – die Suche danach ist mühsam, weil Vintageläden meist keine Websites haben, auf denen man sich durch das Angebot klicken könnte. Ob sie die immer häufiger stattfindenden Swap Partys anderer Organisatoren als Konkurrenz sieht? „Ich glaube, es ist genug Platz für alle da. Und Konkurrenz heißt schließlich nur, dass es auch einen Markt gibt.“

Auf den acht, soeben noch vollen Kleiderständern hängen am Ende noch 20 Teile. Diese werden nun an „Second Hemd“ gespendet, eine Einrichtung der Berliner Arbeiterwohlfahrt, die Reise geht also weiter.

 

www.commonvintage.com

www.second-hemd-berlin.de

Informationen zu neuen Swap Partys:

www.klamottentausch.net, nächster Termin: 30.3., 20 Uhr, Weserstr. 50, Neukölln,

www.gelegenheiten-berlin.de

Informationen zur Altkleider-Lüge:

www.zitty.de/swap

 

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