Rock'n'Roll

Die Rock’n’Rollerin

Adina Baß lässt sich in ihrer Freizeit vom Rollstuhl nicht bremsen

Von Rettungssanitätern und Festivalbesuchern wurde Adina Baß durch den knietiefen Matsch getragen. Später thronte die 26-Jährige dann mit anderen Rollstuhl-Fahrern auf einem Unimog des Technischen Hilfswerks, der sie über das unwirtliche Gelände zum Konzertbereich und wieder zurück zum Zeltplatz brachte. „Die Leute haben uns richtig bejubelt, wie wir da first class durch den Schlamm chauf-fiert wurden“, sagt Baß und fügt hinzu: „Gut, dass ich nicht so schwer bin.“

Die zierliche 26-Jährige aus Friedrichshain ist mit einer Muskelschwäche zur Welt gekommen, die die Skelettmuskeln betrifft. Sie kann laufen, benutzt aber außerhalb ihrer Wohnung einen Rollstuhl mit Hilfsantrieb. Allerdings ist es wichtig, dass sie trainiert – wenn sie mal ein paar Tage krank im Bett liegt, bauen die Muskeln schnell ab. „Ich habe keine Disziplin für so sinnlose Übungen. Da ist es besser für mich, ein aktives Leben zu führen.“ Dann kommt das Training ganz von allein.

Mit 16 Jahren war die freiberufliche Grafikerin zum ersten Mal auf einem Festival, dem Deichbrand bei Cuxhaven, wo es vor ein paar Jahren so heftig geschüttet hat, dass das Gelände nur noch aus Matsch bestand. „Das war so eine Glück-im-Unglück-Stimmung“, sagt Baß. Glück, weil alle mitangepackt haben. Zum Deichbrand-Festival kamen noch das Wacken  Open Air und das Sziget Festival in Budapest, die Baß jetzt regelmäßig besucht.

Aus ihren Erfahrungen hat sie einen Leitfaden für Festivalbesuche im Rollstuhl verfasst. Damit niemand denkt, das ginge nicht. Klar, meint sie, müsse man geduldig sein und sich darauf vorbereiten, dass sich viele Festivals zwar auf Besucher mit Behinderung einstellen, dass vor Ort aber immer wieder neue individuelle Probleme entstehen. Sonst treibt sich Adina Baß am liebsten auf Konzerten herum, auf dem Markt am Boxhagener Platz und in Cafés. Mit Dingen, die sie nicht tun kann, hält sie sich erst gar nicht auf. Nur ein kleiner Wermutstropfen ist da: Dass sie aus Gründen einer möglichen Evakuierung nicht auf den Fernsehturm darf – ausgerechnet das Wahrzeichen, das für Adina Baß für ihre Liebe zur Stadt Berlin steht. Aber gut, dann fährt sie halt rauf aufs Sony Center.

 

„Man ist auch immer ein bisschen auf den guten Willen der Leute angewiesen“, sagt Baß. Doch wenn der gegeben ist, kann auch ein überschwemmtes Festival sie nicht aufhalten.

 

So sieht’s aus:

 

Behinderung und attraktive Freizeitgestaltung schließen sich nicht aus. Der Neuköllner Didi Resch, 47, spielt ohne Arme Schlagzeug in seiner Band Aliens incognito. Initiativen wie „Zusammen geht alles besser. Verein für Menschen mit und ohne Behinderung“ setzen sich für ein stärkeres Mitei–n-ander der Hauptstadt–Bewohner ein, andere organisieren zum Beispiel Partys für alle wie die „Rock’n’Rolli“.

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