»Grün macht gesund«

Interview mit Ina Säumel

Ina Säumel, Ökologin der TU, über Wildwuchs, Giftstoffe und den Sinn des Stadtgärtnerns

Interview: Nicole Opitz

Wie kann Berlin grüner werden?
Säumel: Entlang von Straßen könnte man die Vegetation üppiger gedeihen lassen. Wir wissen, dass Vegetation Feinstaub auffangen kann. Dann kommt der nächste Regen und der Feinstaub wird abgewaschen und bleibt im Boden. Wenn man Mittelstreifen auf Rasenfläche trimmt und nicht üppiger gedeihen lässt, dann gibt es diesen Effekt nicht. Das heißt, wir würden Geld sparen, indem wir Pflegemaßnahmen reduzieren. Ganz einfach eigentlich: weniger Pflege, ­weniger Kosten und größere Effekte.

Bringt es etwas, Tiere anzusiedeln?
Die Tiere kommen schon, die sind in der Regel mobil. Wofür ich plädiere: Mehr Obst in der Stadt. Mehr Spalierobst. Das hat auch einen Kühleffekt. Auf Spielplätzen könnten mehr Obstgehölze stehen. Es wundert mich, dass dort manchmal noch giftige Sträucher herumstehen. Die Pflanzenverwendung könnte überlegter sein.

Dr. Ina Säumel forscht am Institut für Ökologie der Technischen Univer­sität Berlin. Sie ­leitet unter ­anderem eine Forschungsgruppe, die ­gesundheitsfördernde Ökosystemleistungen des städtischen Wohnumfeldgrüns untersucht.
Foto: Privat

Sie haben herausgefunden, dass Gemüse, das in urbaner Umgebung angebaut wird, häufig stark mit Schwermetallen belastet ist. Sollten die Berliner also ihr Gemüse besser im Supermarkt kaufen?
Nein, die Schlussfolgerung würde ich nicht ziehen. Unsere Daten zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Nähe zur nächsten stark befahrenen Straße und den Schwermetallbelastungen. Daraus kann man schließen, wo man sein Gemüse oder seine Pilze anbaut. Bei Obst ist es ­anders: Wir haben Obstbäume an der Straße geern­tet, das Obst ist unbedenklich, selbst an der Frankfurter Allee oder anderen sehr stark ­befahrenen Straßen. Wenn man die ­Früchte gut abwäscht, sind die in der Regel unproblematisch.

Das heißt, wenn mein Balkon zur Straße geht, muss ich aufpassen, aber wenn mein Balkon am Hinterhof ist, ist es in Ordnung?
Wir haben keine Untersuchungen zu verschiedenen Höhenleveln gemacht. Wir wissen aber von Modellierungen von Kollegen aus Dresden. Man geht davon aus, dass sich Feinstaub so verwirbelt in der Luft, dass auf der Balkonhöhe keine Belastung auftritt.

Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?
Es hängt oft damit zusammen, wie ­Flächen ursprünglich genutzt wurden. In den Gründerzeitgebieten gab es Gewerbemischnutzung, wo mal eine Autowerkstatt oder eine Lackiererei im Hof war. Dort sind möglicher­weise Altlasten vorhanden, das sind schwierige Standorte. Die sind aber in der Regel nicht dokumentiert. Beziehungsweise: Es gibt Katasterkarten von Berlin, aber die sind nicht öffentlich. Auch ich habe keinen Zugang.

Wie kommt das?
Informationen über die Bodenqualität wirken sich unmittelbar auf den Grundstückspreis aus. Und Eigentum wird eher geschützt als die gesundheitsrelevante ­Information. Die Senatsverwaltung ­machte in den 80ern und 90ern viele Studien. Bei uns am Institut ist auch eine ­Dissertation dazu gelaufen, aber wir haben keinen ­Zugang zu den Daten.

Was sollte sich ändern?
Wir wissen seit den 80er-Jahren, dass eine Fassadenbegrünung oder eine Dachbegrünung sehr positive Effekte hat auf das Stadtklima, vor allem die Fassaden können den Stadtbereich kühlen. Es gibt ein paar Vorzeigevorhaben, aber das sind Einzelprojekte. Eigentlich müssen wir in die Masse gehen. Die Stadt lebenswerter gestalten. Für jeden. Da helfen nicht nur ein, zwei tolle Projekte in Kreuzberg, Gebäudebegrünung müsste flächendeckend sein.

Das Stadtgrün hat Vorteile für die Umwelt, aber auch für den Menschen. Was hat man vom Gärtnern in der Stadt?
Man bewegt sich an der frischen Luft, man ist aktiver, und es hat einen Identifikationseffekt, das reduziert soziale Unsicherheiten. Im Endeffekt ist das Kriminalitätspräven­tion. Das kennen wir aus Projekten in Oslo, Kopenhagen oder Rotterdam, wo die Stadt ganz aktiv urbanes Gärtnern eingesetzt hat für bestimmte Plätze, die Drogenumschlagsplatz waren, um sie sozial aufzuwerten. So werden aus gefährlich wahrgenommenen Orten völlig unproblematische Orte, noch dazu von den Menschen selbst gestaltete.

Gibt es weitere Vorteile?
Wichtig ist: Die freundliche, grüne Stadt ist auch noch gesund. Wenn wir mit mehr Grün und mit mehr Biodiversität in der Stadt entspanntere Lebensverhältnisse für die Menschen schaffen, dann reduziert das die Kranken- und Gesundheitskosten deutlich. Grün macht gesund. Wenn man die Rechnung aufmacht, was wir fördern und wie deutlich wir da Geld sparen – und der Gesundheitssektor ist ein Sektor, der verschlingt Geld ohne Ende – dann ist jede Begrünungsmaßnahme, jede ­Ökomaßnahme in der Stadt für ’n Appel und ’n Ei sozusagen.

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